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Mit großen Netzen auf Singvogel-Fang

Mitarbeiter der Vogelschutzwarte Neschwitz ziehen regelmäßig mit Waage und Computer ins Teichgebiet. Das dient der Wissenschaft - und dem Wohl der Tiere.

Sabine Urban begutachtet in einem Teichgebiet bei Neschwitz ein Mönchgrasmückenweibchen. Beim Integrierten Monitoring von Singvogelpopulationen werden unter anderem der Gesamtzustand der Vögel bewertet, aber auch Flügel und Gewicht gemessen.
Sabine Urban begutachtet in einem Teichgebiet bei Neschwitz ein Mönchgrasmückenweibchen. Beim Integrierten Monitoring von Singvogelpopulationen werden unter anderem der Gesamtzustand der Vögel bewertet, aber auch Flügel und Gewicht gemessen. © Steffen Unger

Neschwitz. An den Vögeln kann es nicht liegen. Ihr Konzert lockt an diesem frühen Morgen zwischen dem Holschaer Teich, dem Neuteich und dem Dubrauer Teich vielstimmig den Frühling. Das Thermometer zeigt allerdings gerade 9,5 Grad. Das Gras ist vom Regen in der Nacht noch nass. Winfried Nachtigall ist mit seinen Kollegen trotzdem schon seit halb fünf und dem Sonnenaufgang auf den Beinen. Große Netze haben sie aufgestellt. 16 dieser durchlässigen Barrieren finden sich rund um den Vogelfangplatz Holscha bei Neschwitz.

Winfried Nachtigall befreit ein Mönchsgrasmückemännchen aus dem Hochnetz. Es ist an seiner schwarzen Kappe gut zu erkennen..
Winfried Nachtigall befreit ein Mönchsgrasmückemännchen aus dem Hochnetz. Es ist an seiner schwarzen Kappe gut zu erkennen.. © Steffen Unger

Der Biologe ist im Auftrag der Wissenschaft hier. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Entwicklung der fliegenden, stimmenreichen Leichtgewichte. „Integriertes Monitoring von Singvogelpopulationen“ heißt das bundesweite Programm. Seit 2018 beteiligt sich der Förderverein Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz an der Zählung, Begutachtung und Beringung der zwitschernden Minis. In Beutel an 16 Haken an einem Ast zwischen zwei Bäumen zappelt der erste Fang des Morgens.

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Sabine Urban greift nach einem Baumwollsäckchen, öffnet das Band und greift ganz behutsam ins Innere. Nachtigalls neue Mitarbeiterin ist in diesem Jahr erstmals an der Aktion beteiligt. „Halten Sie den Vogel an den Beinen fest“, sagt er. Die Antwort folgt prompt. Mit seinem Schnabel versucht der Winzling, der Frau in den Finger zu hacken. Mehr als ein Zwicken bleibt nicht. Die Gartengrasmücke lässt das Messen, Wiegen und Bestimmen im Anschluss stoisch über sich ergehen.

Wartezimmer für Vögel: Die fliegenden Sänger kommen nach ihrem Fang kurz in einen Baumwollbeutel, bevor sie vermessen und gewogen werden.
Wartezimmer für Vögel: Die fliegenden Sänger kommen nach ihrem Fang kurz in einen Baumwollbeutel, bevor sie vermessen und gewogen werden. © Steffen Unger

„Wir versuchen, den Vögeln so wenig Stress wie möglich zu machen“, sagt Winfried Nachtigall und trägt die Daten direkt in den Computer. Die Flügellänge kommt ebenso in die Statistik wie das Gewicht von gerade einmal 18 Gramm. Das sind sechs handelsübliche Stück Würfelzucker. Dann pustet Sabine Urban dem Zierling nochmal vorsichtig auf den Bauch. So lässt sich das Geschlecht bestimmen. Die Kloake, wie die Experten zum gemeinsamen Ausgang des Verdauungs-, Harn- und Geschlechtsapparats sagen, ist nach außen gestülpt.

Der unscheinbare Gartengrasmückenmann ist ein Neufang und bekommt deshalb ums Bein noch einen Mini-Ring. Die Zahlen darauf sind nur mit sehr guten Augen zu lesen, machen ihn aber allerorts erkennbar als Zögling aus dem Oberlausitzer Heide- und Teichland. Mit der Beringungszange erhält er sein Erkennungszeichen und darf zurück in die Freiheit.

Jeder Neufang wird beim Monitoring beringt, um den Vogel bei einem Wiederfang gut identifizieren zu können.
Jeder Neufang wird beim Monitoring beringt, um den Vogel bei einem Wiederfang gut identifizieren zu können. © Steffen Unger

Sabine Urban und Winfried Nachtigall wechseln die Plätze. Der promovierte Fachmann für Gefiedertes holt ein weiteres Säcklein. Wenn die Gartengrasmücke mini war, braucht es nun eines neues Superlativ. Nachtigall hält den Fang in die Runde der Beringungshelfer. „Ein Zilpzalp“, sagt er. Sein zwitscherndes „zilp zalp zilp zalp“ hat dem Vogel den Namen gegeben. Routiniert bestimmt der gebürtige Coswiger den Sänger. Gerade mal sieben Gramm bringt er an die Federwaage. Der Kuckuck stimmt in der Ferne zum Morgenkonzert an, dazu grunzt die Wasserralle in einem der Teiche. Nicht umsonst wird der Tarnkünstler im Volksmund auch liebevoll „Schilfschwein“ genannt.

Der Bestimmung und Beringung des Zilpzalps folgt ein Rohrschwirl in der Farben von trockenem Schilf. Die kleine Sängerin trägt schon einen Ring und ist mit gewölbtem Bauch hochschwanger. Auch sie macht sich nach der Kontrolle wieder auf und davon.

Mit einer Federwaage wiegt Sabine Urban ihren federleichten Fang. Danach geht es für das Tier wieder in die Freiheit.
Mit einer Federwaage wiegt Sabine Urban ihren federleichten Fang. Danach geht es für das Tier wieder in die Freiheit. © Steffen Unger

Für das Integrierte Monitoring von Singvogelpopulationen (IMS) werden von Anfang Mai bis Ende August an insgesamt zwölf Tagen die Tiere gefangen. Es ist ein Projekt der drei deutschen Vogelwarten Helgoland, Hiddensee und Radolfzell und des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA) als Instrument zur großräumig flächendeckenden Erfassung von Reproduktionserfolgen, Überlebensraten oder Lebensalter. Rund 100 Fangstationen gehören zum IMS-Netzwerk. Deren Ergebnisse sollen helfen, Bestandsrückgänge oder -zunahmen frühzeitig zu erkennen. Alle Handgriffe sind deutschlandweit standardisiert. Pro Fangtag muss es zum Beispiel sechs Kontrollgänge im Abstand von einer Stunde ab Sonnenaufgang geben.

Der letzte Vogel vom ersten Durchgang am Fangplatz in Holscha ist gerade bestimmt, da ist es sieben Uhr. Die Helfer gehen mit den leeren Beuteln wieder los, um die Netze nach neuen Funden abzusuchen. Mit der Wathosen schieben sich Sabine Urban und Katrin Hoffmann durch den knietiefen Teich. 192 Meter Netz sind an diesem Morgen an mehreren Stellen aufgestellt. „Wir wollen die Vögel so wenig stören wie möglich und keine Unruhe verbreiten“, sagt Winfried Nachtigall und lauscht ins Schilf. „Karrekittkittkitt“ ruft der Drosselrohrsänger, daneben singen Gartengrasmücke und Mönchsgrasmücke.

Kathrin Hoffmann und Sabine Urban kontrollieren das Netz im Teich auf gefangene Vögel.
Kathrin Hoffmann und Sabine Urban kontrollieren das Netz im Teich auf gefangene Vögel. © Steffen Unger

300 gefiederte Arten finden sich in der hiesige Landschaft, davon sind 200 Brutvögel. 45 Arten sind beim IMS schon ins Netz gegangen – vom klitzekleinen Zilpzalp bis zur breitbrüstigen Ringeltaube. Am häufigsten sind alle Teich-, Drossel- und Schilfrohrsänger, seltener in den Netzen sind dagegen Eisvogel, Zaunkönig und Eichelhäher.

„In der vergangenen Saison haben wir 489 Vögel neu beringt und 214 Widerfänge registriert“, sagt Winfried Nachtigall. So wie den Teichrohrsänger aus dem Netz Nummer sechs. Sein Ring verrät, dass der Winzling vor vier Jahren in Belgien registriert wurde. Es ist eine kleine Sensation im Morgengauen. Normalerweise überleben die zähen Flieger oft nur einen Sommer. Der Teichrohrsänger kommt kopfüber in den Wiegebeutel – und danach wieder in die Freiheit.

Zehn Minuten für die Wissenschaft: Aufgeregt sucht der kleine Teichrohrsänger nach dem Monitoring wieder das Weite.
Zehn Minuten für die Wissenschaft: Aufgeregt sucht der kleine Teichrohrsänger nach dem Monitoring wieder das Weite. © Symbolfoto: Steffen Unger

Beim zweiten Durchgang sind nur wenige Vögel ins Netz gegangen, vielleicht hat sich inzwischen der Fangtag durch die Bäume gezwitschert. Um 8 Uhr, „Stunde drei“, wie Nachtigall sagt, dreht das Team die nächste Runde. Der Biologe befreit mit Fingerspitzengefühl eine Mönchsgrasmücke aus dem Hochnetz. Das Männchen trägt eine schwarze Federkappe am Kopf. Das Aussehen hat ihm den Namen geben. Wie auch die anderen Fänge kommt der Federleichte wieder in einen Beutel und an den Haken am Ast.

Am Bestimmungsplatz sitzt jetzt Katrin Hoffmann von der Naturzentrale, dem Zusammenschluss der vier Naturschutzstationen im Landkreis Bautzen. An den IMS-Tagen lädt sich Nachtigall gern Gäste im Rahmen der Neschwitzer Vogelschutzakademie ein – Kinder wie Erwachsene. „Es ist die beste Bildungsmöglichkeit, den Vogel in der Hand zu erleben. Man entwickelt dabei eine Sensibilität für die Arten“, sagt der Fördervereins-Geschäftsführer und wartet auf die Angaben der Vogelbestimmerin. Die kleine Mönchsgrasmücke ist mit der schwarzen Kappe natürlich ein Mann und ein Wiederfang. 18 Gramm bringt er an die Waage, das Beringen bleibt ihm erspart, und beim Frühlingsruf des Kuckucks kehrt das Leichtgewicht nach seiner Revision wieder zurück in die Freiheit.

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