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Wie Bautzener Planer das Bauen revolutionieren

Das Architektur- und Ingenieurbüro AIB plant Alltagsgebäude, forscht aber auch an einem völlig neuen Werkstoff. Jetzt feiert es auf ungewöhnliche Art Geburtstag.

Das Sporthaus Timm in Bautzen gehört zu den Objekten, für die das Architektur- und Ingenieurbüro AIB die Planungen gemacht hat. Dessen Geschäftsführer Matthias Medack übergibt die Leitung bald an zwei jüngere Mitarbeiter, darunter Marén Kupke.
Das Sporthaus Timm in Bautzen gehört zu den Objekten, für die das Architektur- und Ingenieurbüro AIB die Planungen gemacht hat. Dessen Geschäftsführer Matthias Medack übergibt die Leitung bald an zwei jüngere Mitarbeiter, darunter Marén Kupke. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der 11. Dezember des vergangenen Jahres  war wieder so ein Tag der stillen Freude für Matthias Medack. Laute Töne überlässt er gern anderen; an besagtem Donnerstag dem sächsischen Ministerpräsidenten, Kommunalpolitikern und Chefs des Bombardier-Konzerns. Sie alle feierten das neue Prüf- und Testzentrum im Bautzener Werk des Schienenfahrzeugbauers. Und wie bei solchen Anlässen üblich, gab es in einer der Festreden auch ein paar kurze Sätze des Dankes an alle, deren Arbeit in dem Neubau steckt. Da durfte sich vor elf Monaten einmal mehr auch die Bautzener Firma AIB angesprochen fühlen. Matthias Medack führt deren Geschäfte seit 20 Jahren.

Die drei Buchstaben AIB stehen für Architekten, Ingenieure und Bautzen. Die derzeit 28 Mitarbeiter sitzen in einem Bürohaus im Bautzener Süden. In dem schlichten Bau an der Liselotte-Herrmann-Straße werden aus Ideen für künftige Gebäude die Zeichnungen und Pläne, auf denen die beauftragten Firmen dann im wahrsten Sinne des Wortes aufbauen können. AIB-Fachleute sind aber als auch als Sachverständige für Brandschutz und Gebäudeschäden, als Energieberater und Sicherheitskoordinatoren gefragt. Unterm Strich stehen mehr als 2.400 Projekte, an denen die Bautzener Denkfabrik seit ihrer Gründung im Herbst 1990 gearbeitet hat.

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Matthias Medack nennt einige davon: AIB entwarf den Umbau des Erdgeschosses in einem Ärztehaus in Kirschau zum OP-Zentrum, das Küchengebäude für das Flugmedizinische Institut in Königsbrück und den Ersatzneubau des Feuerwehrgerätehauses in Kleinwelka. In Sohland trägt das Alten- und Pflegeheim die Handschrift der Bautzener Architekten und Ingenieure, in Bautzen das Polysax-Bildungszentrum der Kunststoffindustrie und der Flachbau im Stadion Müllerwiese, in Bad Schandau eine Kindertagesstätte und im Lausitzer Seenland schwimmende Häuser. Auch die Redakteure und Techniker des Bautzener MDR-Studios arbeiten seit ihrem Umzug aus dem Haus der Sorben ins Postgebäude in Räumen, die bei AIB vorgedacht wurden.

Geschäftshaus heizt mit Körperwärme der Kunden

Bauplanung hat immer auch etwas mit Visionen zu tun, und Medack denkt da vor allem an zwei. Eine ist schon seit Jahren Realität: Das Sporthaus Timm in Bautzen, das mit AIB-Plänen als sogenanntes Passivhaus errichtet wurde. Es nutzt für seine Heizung Erdwärme, die Hitze der Beleuchtung, die Körperwärme der Besucher und die Abwärme von elektrischen Geräten.

An einer weiteren Vision zur Zukunft des Bauens forschen Bautzener Ingenieure gemeinsam mit Experten der Technischen Universität Dresden. Das Schlüsselwort heißt Carbonbeton. Der neue Werkstoff besteht zum Teil aus textilen Carbonfasern, die durch ein spezielles Verfahren zu einem Gitter verarbeitet werden. Das Gitter ist der Kern der Betonplatte, die dann beim Bauen gebraucht wird. Anders als Stahl rostet Carbon nicht. Er muss nicht durch dicke Schichten Beton geschützt werden, wie es etwa bei Stahlbeton der Fall ist. Ergebnis: Nur die Hälfte des sonst üblichen Betons wird für die Produktion benötigt. Das macht Carbonbeton deutlich leichter.

Das erste Haus aus Carbonbeton soll in Dresden entstehen. "Der Baubeginn steht bevor", freut sich Matthias Medack. Hinter dem Projekt steht eine einfache Rechnung: Immer mehr Menschen auf der Erde brauchen immer mehr Häuser, in denen sie wohnen können. Vor allem in Ländern wie China oder Indien steigt der Betonverbrauch deshalb von Jahr zu Jahr. Doch bei der Produktion des im Beton enthaltenen Zements wird mehr Kohlendioxid in die Luft gepustet als durch den gesamten Flugverkehr weltweit. Carbonbeton könnte also etwas für den Klimaschutz tun.

Chef übergibt die Geschäfte an zwei Nachfolger

Das Klima hatten die AIB-Leute auch im Sinn, als sie sich überlegt haben, wie sie ihren 30. Firmengeburtstag feiern. An einen "großen Bahnhof" war im Corona-Jahr nicht zu denken. Ohnehin nützlicher als Sekt und Schnittchen wären 30 gepflanzte Bäume, einer für jedes Firmenjahr. Die ersten 17 davon stehen inzwischen am Spielplatz in der Gesundbrunnen-Mulde in Bautzen - Kirschbäume, Eschen, Ahorn, Kastanienbäume und weitere Sorten. Die restlichen 13 Bäume kommen in Absprache mit der Stadtverwaltung auch noch in die Erde. 30 Bäume, so die Rechnung, produzieren in den nächsten 30 Jahren etwa 8.000 Kilogramm Sauerstoff und binden bis zu 9.000 Kilogramm Kohlendioxid sowie 4.500 Kilogramm Luftschadstoffe.

Den nächsten runden Geburtstag von AIB wird Matthias Medack nicht mehr organisieren. Mit jetzt 67 Jahren denkt er, wer wollte es ihm verübeln, ans Aufhören. Die Nachfolge im Unternehmen ist bereits geregelt: Zwei jüngere Mitarbeiter, die seit zehn Jahren in der Firma sind, werden AIB als Gesellschafter weiterführen. Die Vorgeschichte des Architekten- und Ingenieurbüros reicht bis 1950 zurück, damals als VEB Bauplanung Sachsen. Später gehörten die Bautzener zum VEB Ingenieurhochbaukombinat Pirna. 1990 taten sich dann elf Mitarbeiter zusammen, kauften der Treuhand ihre Firma ab und gründeten AIB. Einer der Gründungsgesellschafter war Matthias Medacks Vater.

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