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Bischofswerda

Erinnernung an die Friedliche Revolution

Die Botschaft der Wendefeier in der Christuskirche: Gemeinsam können die Schiebocker auch heute viel bewegen.

Pfarrer Joachim Rasch war Gastgeber der Gedenkveranstaltung. Der Aufruf aus dem Jahr 1989 „Keine Gewalt“ ist für ihn die wichtigste Botschaft der Wendezeit.
Pfarrer Joachim Rasch war Gastgeber der Gedenkveranstaltung. Der Aufruf aus dem Jahr 1989 „Keine Gewalt“ ist für ihn die wichtigste Botschaft der Wendezeit. © Steffen Unger

Bischofswerda. Applaus in der Kirche – das hört man selten, wenn nicht gerade ein Konzert erklingt. Am Montagabend gab es ihn mitten in der Rede von Dr. Ernst Wirth. Der Arzt im Ruhestand, ehemalige Stadtrat und Mit-Gründer des Neuen Forums in Bischofswerda erinnerte in der Christuskirche vor rund 70 Zuhörern an die Runden Tische der Wendezeit und äußerte den Wunsch, diese Diskussionsformen wieder zu beleben. Als Forum, auf dem aktuell-politische Fragen beraten werden und Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen miteinander ins Gespräch kommen.

Dr. Ernst Wirth war einer von rund einem halben Dutzend Bischofswerdaern, die auf der Gedenkfeier zur Friedlichen Revolution vor 30 Jahren spontan ans Mikrofon traten und über ihrer Erinnerungen, aber auch darüber sprachen, was die Wendezeit für ihr weiteres Leben bedeutete. Grundtenor: Die Aufbruchstimmung von 1989 würde uns auch jetzt guttun. Gemeinsam könne man viel erreichen. „Mit Kerzen haben wir ein System gestürzt“, sagte die langjährige Stadträtin Ursula Reitner.

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Die Stadtverwaltung, die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde und Stadtrat Sven Urban (SPD) hatten eingeladen. Bewusst in die Christuskirche, die der damalige Pfarrer Christian Näcke am 20. Oktober 1989 für die Menschen, die Veränderungen in der DDR forderten, geöffnet hatte. Auf Handzetteln war zunächst ins Kirchgemeindehaus eingeladen worden, 400 Menschen kamen. „Keiner wusste, was einen erwartet. Man sah nur, wie sich eine Tür nach der anderen öffnete, Menschen heraustraten und zum Gemeindehaus gingen“, erinnert sich Ursula Reitner.

Auch der Tag der Gedenkveranstaltung, der 4. November war, bewusst gewählt. Auf den Tag genau von 30 Jahren fand auf dem Berliner Alexanderplatz die größte, nicht staatlich organisierte Demonstration in der DDR statt. Künstler hatten aufgerufen; die Angaben über die Teilnehmerzahlen schwanken von mehreren hunderttausend bis zu einer Million. Pfarrer Joachim Rasch war Teilnehmer an der Berliner Demonstration – und vier Wochen zuvor an einer Demo in Leipzig. In Leipzig, wo schwer bewaffnete Polizisten den Demonstranten gegenüberstanden, war noch die Angst bestimmend; vier Wochen später in Berlin war es die Hoffnung, sagte er. Oberbürgermeister Holm Große nannte den 30. September 1989 als einen entscheidenden Tag in seinen Wende-Erinnerungen. Er war damals Forstwirtschaftsstudent in der CSSR. Einmal im Jahr wurden die DDR-Studenten in die Prager Botschaft zur Politschulung eingeladen – eben für den 30. September. Die Politschulung fiel aus; am Abend verkündete Außenminister Hans-Dietrich Genscher in der BRD-Botschaft, dass die dort gestrandeten DDR-Flüchtlinge ausreißen dürfen. Einen Tag später habe auch er in die DDR fahren wollen, berichtete Holm Große. Doch es fuhr kein Zug...

Sven Urban, schon in der Wendezeit in Bischofswerda sehr engagiert, widmete als dritter Gastgeber seine Rede den Frauen, von denen viele unauffällig wirkten. Beispielsweise, indem sie auf Schreibmaschinen mit etlichen Durchschlägen den Gründungsaufruf des Neuen Forums abtippten, damit er viele Menschen erreicht.

Vor der Veranstaltung wurde am Wende-Denkmal neben der Kirche eine Sitzbank eingeweiht – eine von 30, die einst auf dem Markt standen und aufgearbeitet wurden. Der Verein Zeitzeugenbörse zeigte in der Kirche eine Ausstellung mit Collagen aus der Wendezeit von Wolfgang Schmidt.