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Deutschland & Welt

Brachten Tönnies-Arbeiter das Virus mit?

Mehr als 730 Mitarbeiter des Schlachtbetriebs sind mit dem Coronavirus infiziert. Experten äußern Zweifel an den Erklärungen des Konzerns.

Geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies. Bei dem Schlachtereibetrieb in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche mehr als 730 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden.
Geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies. Bei dem Schlachtereibetrieb in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche mehr als 730 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. © Archiv/Bernd Thissen/dpa

Von Christoph Zeiher, Annett Stein und Jörg Ratzsch

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück. Liegt es an den kühlen Räumen im Schlachthof? Oder sind es vielmehr die Arbeitsbedingungen und die Unterkünfte der Mitarbeiter? Nach dem Corona-Ausbruch beim Branchen-Riesen Tönnies im Kreis Gütersloh stellen sich viele Fragen - immer lauter auch die nach der Verantwortung der Fleisch-Konzerne im Land.

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Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von Schweinen hatte am Donnerstag einen deutlichen Anstieg der Infiziertenzahl unter den Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück vermeldet - auf mehr als 730. Für rund 7.000 Menschen wurde eine Quarantäne verfügt, Schulen und Kitas im Kreis wurden geschlossen. Bis zu den Sommerferien in NRW - Start 29. Juni - wird es nur eine Notbetreuung geben.

Heimaturlaub als Ursache?

Das Unternehmen Tönnies geht bislang davon aus, dass Beschäftigte das Virus etwa aus Heimaturlauben in Osteuropa mitgebracht haben könnten. Einer Expertin für Infektionskrankheiten zufolge ist es jedoch extrem unwahrscheinlich", dass Hunderte von Corona-Fällen auf Familienbesuche am Wochenende zuvor zurückgehen. "Die Inkubationszeit beträgt im Mittel fünf Tage, sodass ein Wochenendbesuch kaum so eine große Anzahl an Personen erklären kann", sagte Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf.

Für seinen Satz über Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien gerät NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) unter Druck. Der hatte auf die Frage, was der Corona-Ausbruch über die bisherigen Lockerungen aussage, geantwortet: "Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren." Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im NRW-Landtag, forderte nun eine Entschuldigung: "Mit diesem Zitat hat sich Armin Laschet die Denke von Tönnies eins zu eins zu eigen gemacht. Das ist unterste Schublade."

Clemens Tönnies ist geschäftsführender Gesellschafter bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb. Das Unternehmen geht bislang davon aus, dass Beschäftigte das Virus etwa aus Heimaturlauben in Osteuropa mitgebracht haben könnten.
Clemens Tönnies ist geschäftsführender Gesellschafter bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb. Das Unternehmen geht bislang davon aus, dass Beschäftigte das Virus etwa aus Heimaturlauben in Osteuropa mitgebracht haben könnten. © David Inderlied/dpa

Ein weiterer Faktor für die Verbreitung sollen laut Tönnies die kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen sein. Klar ist: Temperatur und Luftfeuchtigkeit haben Einfluss darauf, wie rasch Tröpfchen verdunsten. Zudem wird Sars-CoV-2 nach derzeitigem Kenntnisstand auch über Aerosole - winzige Tröpfchenkerne aus Flüssigkeit und Partikeln wie Viren - übertragen. Wie infektiös diese unter Kühlhausbedingungen sind, lässt sich aber noch nicht sagen.

Ruf nach strengeren Regeln

Bundesagrarministerin Julia Klöckner dringt angesichts des heftigen Ausbruchs auf Konsequenzen: "Hunderte von Infektionen in einem Betrieb. Diese Zustände sind nicht haltbar", sagte die CDU-Politikerin am Donnerstag. Es sei richtig, Infektionsursachen am Arbeitsplatz und in Unterkünften nun gründlich zu untersuchen.

Auch die stellvertretende SPD-Fraktionschefin im Bundestag, Katja Mast, bekräftigte Pläne für schärfere Regeln. "Wir sagen ganz klar in Richtung Fleischindustrie und an alle, die von diesem Geschäftsmodell profitieren: Wir werden so lange an dem Thema dranbleiben, bis sich substanziell etwas ändert."


Mitarbeiter des Fleischbetriebs Tönnies tragen Masken, als sie aus einem Werkstor kommen.
Mitarbeiter des Fleischbetriebs Tönnies tragen Masken, als sie aus einem Werkstor kommen. © David Inderlied/dpa

Die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben mit Subunternehmern und Sammelunterkünften mit vielen osteuropäischen Beschäftigten stehen schon lange in der Kritik. Das Bundeskabinett hatte im Mai Eckpunkte für verschärfte Arbeitsschutzvorschriften für die Fleischindustrie beschlossen. Das Gesetzgebungsverfahren steht noch aus.

Der Corona-Ausbruch führte unterdessen auch zur nächsten Runde des schwelenden Streits der Inhaber: Robert Tönnies forderte in einem Brief den Rücktritt seines Onkels Clemens Tönnies aus der Geschäftsleitung. In dem Schreiben vom Mittwoch wirft er der Geschäftsleitung und dem Beirat des Konzerns unverantwortliches Handeln und die Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung vor. Robert Tönnies (42 Jahre) hält wie sein Onkel Clemens (64) 50 Prozent an dem Unternehmen. Seit Jahren streiten beide um Führung und Ausrichtung des Konzerns.

Corona trifft die Schwachen

Der aktuelle Fall in NRW ist der größte von mehreren Aufsehen erregenden Ausbrüchen der vergangenen Tage. Erst kürzlich wurden in Berlin-Neukölln mehrere Wohnhäuser unter Quarantäne gestellt. Gleiches gilt für einen Gebäudekomplex in Göttingen mit 700 Bewohnern, wo etwa 100 neue Infektionen registriert wurden.

"Die Pandemie hat eine soziale Dimension und Schieflage, gegen die die Bundesregierung viel stärker ankämpfen muss", sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Die Bundesregierung muss einen Plan vorlegen, wie die wirtschaftlich Schwächsten in unserer Gesellschaft nicht zu Kranken werden."

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SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagte dem RND: "Corona ist eine riesige Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Aber es gibt keinen Zweifel, dass auch hierzulande die gesundheitlichen Risiken für Menschen mit geringerem Einkommen de facto größer sind - schon allein deshalb, weil sie in beengteren Verhältnissen leben und arbeiten." (dpa)

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