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Chemnitz wird Kulturhauptstadt 2025

Die sächsische Metropole konnte sich gegen Nürnberg, Hannover, Magdeburg und Hildesheim durchsetzen. Nun warten mehrere Millionen Euro Fördermittel.

Die Oberbürgermeisterin von Chemnitz Barbara Ludwig (SPD) bei der Verkündung, dass Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt werden soll. Ein mehrere Jahre dauernder Bewerbungsprozess liegt hinter ihr.
Die Oberbürgermeisterin von Chemnitz Barbara Ludwig (SPD) bei der Verkündung, dass Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt werden soll. Ein mehrere Jahre dauernder Bewerbungsprozess liegt hinter ihr. © Jan Woitas/dpa

Chemnitz. Um 13.27 Uhr fiel die Entscheidung: „Chemnitz!“ Unmittelbar nach diesem Wort von Sylvia Ammann, Vorsitzende der Auswahljury der Europäischen Union für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas, brach in Chemnitz Jubel los: Das Bewerbungsteam hatte die Entscheidung aus Brüssel per Livestream verfolgt. „Wir sind glücklich und überwältigt“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). „Das wird der Stadt so guttun.“ Die sächsische Metropole konnte sich im Titel-Rennen gegen starke Konkurrenz durchsetzen: Auch Magdeburg, Nürnberg, Hannover und Hildesheim hatten der Entscheidung entgegengebangt. Die fünf Städte waren im Dezember auf die Shortlist gesetzt worden. Gleichzeitig waren damit die Mitbewerber Dresden, Gera und Zittau ausgeschieden.

Die Reaktion des Sächsischen Ministerpräsidenten kam prompt: „Ich freue mich riesig für diese wunderbare Stadt und die hier lebenden Menschen“, sagte Michael Kretschmer (CDU). „Ich bin mir sicher: Die Macher-Mentalität der Chemnitzer war mitentscheidend dafür, dass es am Ende geklappt hat.“ 

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Viele Bürger haben live mitgefiebert

Trotz Corona haben viele Chemnitzer die Entscheidung direkt mitverfolgt, in gebührendem Abstand per Online-Meeting, bei dem sich jeder zuschalten konnte, egal, ob von zu Hause, im Büro oder von unterwegs. „Damit wollen wir gemeinsam mit euch, die ihr maßgeblich für den Erfolg der letzten Monate seid, für ein starkes Bild sorgen“, lautete die Einladung des Bewerbungsteams um die Oberbürgermeisterin, das die Entscheidung in kleinem Kreis in der Stadthalle Chemnitz abgewartet hatte.

Auch wenn viele Chemnitzer selbst die Bewerbung zunächst eher belächelt hatten: Die Stadt habe diesem Tag seit Jahren entgegengefiebert, meint Team-Mitglied Jenny Zichner. Doch inzwischen glaube Chemnitz als „Underdog mit Macher-Mentalität“ voller Überzeugung an seine Qualitäten als Kulturhauptstadt 2025.

Wie seine vier Mitbewerber musste sich die Stadt in der vergangenen Woche coronabedingt einem digitalen Jury-Besuch stellen. Dreimal 70 Minuten ging es quer durch Sachsens drittgrößte Gemeinde. Im Einsatz waren mehr als 50 Akteure, darunter sechs Kamerateams, sowie zwei Kräne und eine Straßenbahn. Am Montag stand die finale Online-Präsentation auf dem Programm. Sie konnte überzeugen.Der Titelgewinn ist zugleich ein Konjunkturprogramm für die Stadt und die in die Bewerbung eingebundene Region: Der Freistaat Sachsen wird bis 2025 insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen, um Chemnitz als Europäische Kulturstadt „herauszuputzen“. Bis zu 60 weitere Millionen winken vom Bund und von der EU.

"Aufbruch" aus dem Negativ-Image

Sachsens mit 246.000 Einwohnern drittgrößte Stadt wirbt mit reichlich Hochkultur, überregional bekannten Museen und Sammlungen, einem Ballett, einer Oper, besonders intensiv mit ihrer Industriekultur und überhaupt mit dem Image als „Stadt der Moderne“. Doch es ist die freie Szene, die diesen Ort kulturell besonders auszeichnet. Denn anders als in anderen Städten ist noch viel Freiraum zu günstigen Mieten vorhanden in Chemnitz; ein perfekter Nährboden für Kreative, Kulturschaffende und Gründer.

Das Motto für die Bewerbung lautete „Aufbruch“. Ein Begriff, der längst im doppelten Sinne zu verstehen ist. Denn Chemnitz’ deutschlandweites Image wird immer noch bestimmt durch das NSU-Trio, das auch dort Unterschlupf gefunden hatte. Und noch mehr von der lebendigen Erinnerung an den Sommer 2018, als sich nach der Mordtat eines Asylbewerbers Zehntausende an einem Protestmarsch beteiligten, ohne Berührungsprobleme mit Neonazis und anderen Rechtsextremisten. Es kam zu Ausschreitungen. Die Antwort der anderen Hälfte der Zivilgesellschaft war das Konzert-Ereignis „Wir sind mehr“, zu dem am 3. September 2018 Zehntausende strömten.

Auch gesellschaftliche Konflikte werden thematisiert

„Das ist nichts, was Chemnitz-typisch ist“, sagte Sören Uhle aus dem Bewerberteam dem Deutschlandfunk. „Es steht stellvertretend für die Grabenkämpfe, die es in Europa gibt. Wir reden über Rechtspopulismus, wir reden über das Instrumentalisieren der Mitte, die wir an allen Ecken und Enden in Europa erleben.“ Auch dieses Phänomen wurde in der Bewerbung aufgegriffen und behandelt. Dafür hatte es allerdings eines Anstoßes von außen bedurft: Eine externe Expertenkommission musste Chemnitz darauf hinweisen, dass die Ereignisse 2018 nicht unter den Teppich gekehrt werden könnten, sondern zentraler Bestandteil der Bewerbung sein müssten.

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