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Alles wieder geschlossen!

Für Gastwirte und Tourismusbetriebe ist der neue Lockdown eine Katastrophe, von der sie nur hoffen können, dass sie sie irgendwie überstehen.

Spitzbergbauden-Wirt Andreas Becker hofft jetzt auf die Hilfe des Finanzministers. Olaf Scholz (SPD) will die Betriebe für den Geschäftsausfall entschädigen.
Spitzbergbauden-Wirt Andreas Becker hofft jetzt auf die Hilfe des Finanzministers. Olaf Scholz (SPD) will die Betriebe für den Geschäftsausfall entschädigen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Als die letzten Gäste am Mittwochabend gegangen sind, lässt Andreas Becker sich erst einmal ein Bier ein. "Prost", sagt der Wirt der Oderwitzer Spitzbergbaude zu seiner Frau: "Jetzt machen wir es uns vier Wochen lang richtig gemütlich". Manchmal hilft Galgenhumor.

Dass die Beckers ihre Baude wieder schließen müssen, hatten sie schon irgendwie geahnt. "Nur so richtig glauben wollten wir das nicht", sagt Andreas Becker. Und eigentlich sei es doch auch absolut unverständlich, findet der Gastwirt. 

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Der Gastraum der Spitzbergbaude ist groß wie eine Bahnhofshalle. Beckers können die Tische ganz locker weit auseinanderrücken. Sie können die Gäste an Tafeln mit Abstand platzieren. "Wir arbeiten schon immer mit Hygienekonzepten, auch ohne Corona", sagt der Wirt mit bitterer Stimme. "Die Geburtstagsfeiern, die jetzt bei uns nicht mehr stattfinden können, werden dann eben in der kleinen Wohnstube gefeiert. Wenn das besser ist ...". Andreas Becker spricht den Satz nicht zu Ende.

Er nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas. Der Olaf Scholz will ihm ja helfen, sagt er und wischt mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. Der Bundesfinanzminister  (SPD) hatte angekündigt, alle Betriebe, die ab Montag bis zum Monatsende schließen müssen, für den Ausfall mit bis zu 75 Prozent zu entschädigen. "Hoffentlich hält er Wort", sagt Becker.

Bei Familie Hüttl, den Wirtsleuten der Rübezahl- und der Hubertusbaude in Waltersdorf, liegt jetzt alle Hoffnung eher auf der Dehoga. "Die Verbände werden klagen, das können wir uns doch nicht gefallen lassen", sagt die Juniorchefin. Sie ist gerade dabei, die Bestellungen für die Martinsgänse zu stornieren. "Hoffentlich klappt das", sagt sie. "Es geht  bei uns ja  gleich mal um 150 Kilo."

Ihr tut auch die Familie leid, die erst vor ein paar Tagen aus Westerland auf Sylt, angereist ist und bis zum 7. November bleiben wollte. Sie muss jetzt wieder nach Hause fahren. So wie auch alle anderen Hotelgäste. "Das ist doch eine Katastrophe für den Tourismus", sagt die Rübezahlbauden-Chefin. "Und aus unserer Sicht ist diese Maßnahme auch völlig unbegründet."

Eine halbe Million Euro Verlust im Trixi-Park

Auch die Gäste aus dem Trixi-Ferienpark müssen spätestens am Montagmorgen alle abgereist sein. Geschäftsführerin Annette Scheibe hat sie gerade  informiert. Jetzt sitzt sie am Schreibtisch und plant den Lockdown für das gesamte Unternehmen. "Das ist ganz komisch", sagt sie, "als ob da ein Film abläuft - ganz ohne Emotionen."

Annette Scheibe schließt das ganze Unternehmen. Die 70 Mitarbeiter gehen in die Kurzarbeit. Um den kommenden vier Wochen wenigstens etwas Sinnvolles abzugewinnen, soll die Zeit für eine große Grundreinigung und für alle möglichen  Instandhaltungsarbeiten im Freizeitbad, im Hotel und in den Ferienhäusern genutzt werden - und für Schulungen und Weiterbildungen der Mitarbeiter, sagt sie.

Wie sich die neuerliche Schließung finanziell auswirken wird, daran will Annette Scheibe noch gar nicht denken. "Beim ersten Lockdown im Frühjahr haben wir eine halbe Million Euro verloren", sagt sie. Das Problem für den Trixi-Park: Als rein kommunales Unternehmen bekommt es keinerlei staatliche Hilfen, so wie sie private Unternehmen in Anspruch nehmen können. 

"Wir sind in dieser Krise finanziell extrem benachteiligt", erklärt die Geschäftsführerin. "Wir müssen jetzt die Rücklagen angreifen, die eigentlich für Investitionen gedacht sind." Auch für Annette Scheibe ist die Entscheidung für den neuerlichen kompletten Lockdown in der gesamten Branche nicht nachvollziehbar: "Wir haben uns alle einen Kopf gemacht und gut funktionierende Hygienekonzepte aufgestellt", sagt sie. "Und jetzt dieser Schlag ins Gesicht für die ganze Branche."

Nicht alle Wirte stellen auf Lieferservice um

In der Zittauer „Seeger Schänke“ bereitet Gastwirt Andre Matthausch schon mal alles für seinen Abhol- und Lieferservice vor - so wie er das schon während der ersten Corona-Schließung angeboten hatte. Ab Montag können die Gäste wieder bei ihm Tagesessen und Abendbrot bestellen. Er zähle auf seine Stammgäste und hoffe, dass sie ihm wie im Frühjahr helfen werden, um die Runden zu kommen.

Aber nicht für alle Gastwirte ist das wirtschaftlich. Die „Essbar“ auf der Zittauer Neustadt zum Beispiel bleibt komplett zu, sagt Inhaber Ronny Überschär. Auch Katrin Scholz vom Hotel „Dresdner Hof“ will diesen Service ihrem Kollegen von der „Seeger Schänke“ überlassen. Im Frühjahr hatte sie ihn sogar unterstützt und bei ihm das Essen für die verbliebenen Hotelgäste bestellt. 

Wie viele Gäste jetzt überhaupt noch in Zittau übernachten, wissen die Hoteliers nicht. Inzwischen bekommen sie auch Absagen von Geschäftsreisenden, den einzigen, die noch reisen dürften. „Viele Firmen wollen ihre Mitarbeiter wohl nicht mehr herumfahren lassen“, sagt Ronny Überschär, der neben der „Essbar“ auch das Hotel „Zittauer Hof“ betreibt. 

Er ist wie viele seiner Kollegen verärgert über die neuerliche Zwangsschließung. Nach dem guten Sommer mit vielen Touristen hoffte mancher Hotelier und Gastwirt das Jahr 2020 nicht ganz so schlecht abzuschließen. Nun brechen ihnen erneut die Umsätze weg. In der Branche wird deshalb ein Massensterben von Betrieben befürchtet. 

„Ich werde die vier Wochen überstehen“, sagt Ronny Überschär. Die erneute Schließung sei zwar bitter, aber er werde deshalb nicht sein Restaurant für immer dicht machen. Er hofft auf die versprochene staatliche Hilfe. Wie die genau aussieht, werde sich in den nächsten Tagen zeigen.

In Löbau hatte Sascha Ehlert das Hotel und Restaurant „Stadt Löbau“ erst im April übernommen. „Die Schließung trifft uns sehr hart", sagt der 48-Jährige. "Das viel versprechende Vorweihnachtsgeschäft mit den geplanten Weihnachts- und Familienfeiern entfällt ja nun für den ganzen November", sagt er. Diese Verluste könnten auch nicht mehr aufgefangen werden.

Greift die Pauschalkritik zu kurz?

Eine Pauschalkritik an der getroffenen Entscheidung zum Lockdown hält Ehlert allerdings für zu kurz gegriffen. "Eine Situation wie diese gab es in der Form noch nicht", zeigt er Verständnis. "Jeder, der einmal eine Führungsposition inne hatte, weiß, dass manche Entscheidungen auf wenig Gegenliebe stoßen  - aber eben notwendig sind."

Er schickt jetzt einen Teil der Mitarbeiter erstmal in den Jahresurlaub - und hofft weiter auf Dienstreisende. Nach dem ersten Lockdown habe er auch hohe Solidarität seiner Gäste erfahren. „Viele sind bei uns eingekehrt und haben ihre Feiern nachgeholt. Wir hoffen, dass das auch dieses Mal der Fall sein wird.“ Hauptsache, der Lockdown dauert nicht noch länger als angekündigt.

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