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Herbert Köfer: "Altern ist eine schlechte Angewohnheit"

Der älteste aktive Schauspieler der Welt feiert seinen 100. Geburtstag - und fühlt sich von Corona ausgebremst.

.Dieser Mann ist eine lebende Legende: Herbert Köfer - Vollblutschauspieler, Fernsehpionier und einer der beliebtesten Entertainer Deutschlands.
.Dieser Mann ist eine lebende Legende: Herbert Köfer - Vollblutschauspieler, Fernsehpionier und einer der beliebtesten Entertainer Deutschlands. © MDR/Axel Berger

Er ist auf dem unaufhaltsamen Weg zur Legende. Ach was, er ist längst eine lebende Legende. An diesem Mittwoch wird der Urberliner Herbert Köfer 100 Jahre alt. Er hat gute Gene. Sein Vater wurde 96, die Mutter 91. „Altern ist eine schlechte Angewohnheit“, sagt er lächelnd und zitiert eine seiner zahllosen Bühnenfiguren. Oft wird er mit Johannes Heesters verglichen, der noch mit 107 Jahren spielte. Will er es ihm gleichtun? In seinem Buch „99 und kein bisschen leise“ weicht der Jubilar dieser Frage nicht aus. „Ich gedenke nicht, in einen Alterswettbewerb mit ihm zu treten.“ Aber er steckt noch voller Pläne. Und freut sich auf seinen nächsten Film, die nächste Lesung und den nächsten Theaterbesuch. Sein Tatendrang wird von der Corona-Pandemie ausgebremst. Darüber will er nicht klagen, mit dem Virus müssen ja alle leben. Er hat sich schon gegen Corona impfen lassen. „Das war’s – noch lange nicht“ ist sein Lebensmotto.

Was hat dieser vitale, schlanke und jünger wirkende Mann mit der frohgemuten Ausstrahlung nicht alles gemacht und erlebt! Im Deutschen Fernsehfunk, dem späteren Fernsehen der DDR, sprach er beim Start des Senders am 21. Dezember 1952 die ersten Nachrichten der „Aktuellen Kamera“. Bis zum Ende am 31. Dezember 1991 gehörte er zum Ensemble des Adlershofer Kanals und löschte mit der traurig-trotzigen Silvestersendung dort das Licht aus. Zwei Minuten vor Mitternacht wurde zum Nachfolger ins MDR-Studio umgeschaltet. „Es war uns nicht vergönnt“, sagt Herbert Köfer, „unseren Zuschauern noch ein Prosit Neujahr! zuzurufen.“

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Herbert Köfer und seine 39 Jahre jüngere Frau Heike, die mit ihm zuweilen auf der Bühne spielt.
Herbert Köfer und seine 39 Jahre jüngere Frau Heike, die mit ihm zuweilen auf der Bühne spielt. © dpa-Zentralbild

Das Fernsehen hat den Schauspieler und Entertainer populär gemacht. „Er war bekannt wie ein bunter Hund“, so seine Kollegin Eva-Maria Hagen, mit der er oft vor der Kamera stand. Millionen liebten seine Filme, Schwänke und Shows wie „Da lacht der Bär“ oder die umwerfenden Sketche mit Helga Hahnemann im „Kessel Buntes“. Siebenmal wählten ihn die Leser der Programmzeitschrift „FF-dabei“ zum Fernsehliebling. Eine besondere Beziehung hatte er zur vielseitigen Schauspielerin Helga Göring. Es begann mit dem Radio-Dauerbrenner „Neumann zweimal klingeln“ und erreichte Kultstatus mit den TV-Serien „Rentner haben niemals Zeit“ und „Geschichten übern Gartenzaun“. Beide passten zusammen wie Topf und Deckel und bildeten das Rentner-Traumpaar der DDR.

Herbert Köfer hat sich den Ruf eines Volksschauspielers hart erarbeitet: „Ein Ehrentitel, einer der schönsten, den man bekommen kann.“ Diszipliniert und penibel bereitet er sich auf Produktionen vor. „Man muss wissen, wofür ein Stoff taugt, wie man ihn darstellt.“ Im Heiteren sucht er das Ernste, im Ernsten das Heitere. Immer versucht er, mit seinen Figuren eine Beziehung zum Alltag der Menschen herzustellen, „ihren Gefühlen und Gedanken nah zu sein“, sagte er im SZ-Gespräch. „Ich hadere oft mit mir, was ich hätte besser machen können.“ Bei allem Fernsehruhm: Theater ist für ihn das Größte. „Die wahre Heimat des Schauspielers ist die Bühne.“

Frust wegen zu kleiner Rollen

Deshalb war es keine geringe Überraschung, als Köfer 1952 seinen Vertrag mit dem Deutschen Theater Berlin kündigte und zum Fernsehfunk wechselte. Lust auf etwas Neues und Frust wegen zu kleiner Rollen gaben den Ausschlag. Intendant Wolfgang Langhoff nahm ihn zur Seite, eine Entwicklung am Theater dauere lange, dafür müsse man Geduld haben. „Vielleicht wäre meine Entwicklung ganz anders verlaufen, wenn ich am DT geblieben wäre“, sagte er nachdenklich. Das Zeug zum Charakterdarsteller hat er in vielen anspruchsvollen Rollen bewiesen. Er überzeugte als brutaler Lagerführer Kluttig in Frank Beyers Defa-Film „Nackt unter Wölfen“. Als fieser Verkäufer und Denunziant in der Fallada-Verfilmung „Kleiner Mann – was nun?“. Als schnarrender und schneidiger Rittmeister in „Wolf unter Wölfen“. Er war nie nur der nette Spaßmacher. „Aber zu manchen Angeboten hätte ich nein sagen sollen.“ Auf andere wartete er vergeblich. Liebend gern wäre er der Higgins in „My Fair Lady“ und „Der Hauptmann von Köpenick“ gewesen. Zumal er im historischen Rathaus von Köpenick seine dritte Ehefrau heiratete. Heike Köfer, 39 Jahre jünger, die „beste Ehefrau von allen“, hält ihn auf Trab, besorgt ihm flotte Klamotten und ist sein „zweites Gedächtnis“.

Im Westen kannte man ihn nach der Wende kaum. Doch mit Glück, Beziehungen, Geduld und Können kam er ans Westberliner Hansa-Theater, spielte im Theater am Kudamm und wurde in der 26-teiligen ARD-Serie „Autofritze“ besetzt. Weitere Serien und Filme folgten, so die Ost-West-Geschichten in „Elbflorenz“ mit Uta Schorn und Günter Schubert. Regelmäßig gastierte Herbert Köfer im Dresdner Privattheater Komödie, die jetzt Comödie heißt. Er spielte mit Winfried Glatzeder im Klassiker „Pension Schöller“ und mit Peter Herden in „Sonny Boys“. Jenem Stück von Neil Simon mit Bravourrollen für zwei alternde Mimen, die einfach nicht aufhören können. Die Bühne ist ihr Leben, ein Stoff wie gemacht für den großen Komödianten Köfer. 2015 übernahm er im Lustspiel „Opa ist die beste Oma“ erstmals eine Doppelrolle. Zwei Stunden stand er in Dresden ununterbrochen auf den Brettern, war als kinderlieber Opa ebenso hinreißend wie als perfekte Aushilfsoma mit beachtlichen Stöckelschuhen und Perücke.

Mal Tollpatsch, mal Held

Mit 82 erfüllte er sich einen Traum und gründete „Köfers Komödiantenbühne“. Ein privates Tourneetheater, mit dem er 15 Jahre lang bis 2018 höchst erfolgreich durch die ostdeutschen Lande zog. An seiner Seite Darsteller wie Ingeborg Krabbe, Angelika Mann, Helga Piur, Dorit Gäbler, Günter Junghans, Beppo Küster, Wolfgang Lippert und viele andere. In der Autobiografie lässt der „älteste aktive Schauspieler der Welt“, so das Guinnessbuch der Rekorde, mit leichter Feder seine Zeit Revue passieren. „Mal war ich Tollpatsch, mal war ich Held, mal mutig, mal feige.“ Er erzählt Episoden und Anekdoten, die erste Begegnung mit der blutjungen Gisela May vergisst er nicht. „Sie waren dieser Lackaffe aus der Kosmetikwerbung“, polterte sie. Er hatte aus Geldnöten für einen Cremehersteller einen Werbetrailer gedreht. Seitdem nie wieder. Als Köfer 2002 bei der Verleihung der „Goldenen Henne“ die Auszeichnung für sein Lebenswerk bekam, hielt die von ihm hochgeschätzte Ursula Karusseit die Laudatio. „Ich werde ihr dafür ewig dankbar sein.“ 2020 wurde ihm eine zweite „Goldene Henne“ für sein weiter gewachsenes Lebenswerk verliehen.

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Besonders freute ihn ein Geschenk von Kollegen. Auf die Rückseite eines Porzellantellers ließen sie gravieren: „Herbert ist eine Quelle der Heiterkeit.“ Davon können sich alte und neue Zuschauer seit Tagen im MDR-Fernsehen bei den Köfer-Festspielen überzeugen. Für Kurt Tucholsky gab es in der Kunst nur ein Kriterium: die Gänsehaut. Für Köfer ist es das Zwerchfell. Er will mehr Lachen wagen. Zum runden Geburtstag danken wir Zuschauer dem Jubilar für große Erlebnisse auf dem Theater und am Bildschirm und wünschen ihm das Schönste. Und, lieber Herbert Köfer, behalten Sie Johannes Heesters im Blick.

Filme mit Herbert Köfer im MDR-Fernsehen: „Grenadier Wordelmann“, 17. 2., 12.25 Uhr; „Der Lumpenmann“, 18. 2., 12.30 Uhr; „König Karl“, 18. 2., 23.40 Uhr; Er ist Gast auf dem „Riverboat“ am 19. 2., 22 Uhr.

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