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"Für Krisenfälle sind keine Ressourcen vorhanden"

Thomas Hannuschka aus Döbeln geht nicht nur während der Corona-Pandemie neue Wege in der Bestattungskultur. Doch er kritisiert fehlende Unterstützung.

Thomas Hannuschka leitet seit zehn Jahren das Döbelner Bestattungshaus Illgen. Im Gespräch schildert er, wie er die Pandemie als einer der größten Bestatter in der Region Döbeln erlebt.
Thomas Hannuschka leitet seit zehn Jahren das Döbelner Bestattungshaus Illgen. Im Gespräch schildert er, wie er die Pandemie als einer der größten Bestatter in der Region Döbeln erlebt. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Im April werden es zehn Jahre, in denen Thomas Hannuschka an der Spitze des Döbelner Bestattungshauses Illgen steht. Die Corona-Pandemie, sie stellt auch ihn vor eine Herausforderung.

Trotzdem will er derzeit vor allem eins: Den Menschen die Angst nehmen. Die Angst davor, dass sie sich von ihren Angehörigen nicht mehr würdevoll verabschieden können. Denn das, so sagt Hannuschka, ist auch während der Pandemie möglich. Sächsische.de sprach mit dem 46-Jährigen.

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Herr Hannuschka, was bereitet Ihnen derzeit am meisten Sorge?

Die Angst und Unsicherheit der Menschen. Wir werden immer wieder gefragt, ob für eine Person, die an oder mit Corona verstorben ist, noch gewählt werden darf, ob es eine Erd- oder Feuerbestattung gibt. Dabei dürfen Erd- und Feuerbestattungen durchgeführt werden. Für die praktische Umsetzung sind die Bestattungsunternehmen zuständig.

Es finden also auch aktuell noch Trauerfeiern und Bestattungen statt?

Ja, das ist zu 100 Prozent gegeben. Die Ausrichtung von Trauerfeiern ist gewährleistet. Natürlich darf es eine Grabstelle geben. Trotz aller einschränkenden Umstände ist es wichtig, bei diesem Thema so viel Normalität wie möglich zu gewährleisten. Es gelten das Hygienekonzept, Abstandsregeln, die inzwischen bekannten Sachen.

Zudem gibt es eine Einschränkung bei der Zahl der Trauergäste. Bei uns in der Feierhalle sind bis zu zehn Personen möglich. Bei Gottesdiensten entscheiden die Hausherren nach Konzept und Raumgröße.

"Wir liegen noch in einem regulären Zeitfenster"

Müssen Angehörige lange auf den Termin für die Beisetzung warten?

Der Termin für die Beisetzung richtet sich nach den Friedhöfen. Natürlich gibt es Ballungstage, wie den Freitag. Der ist sehr gefragt. Da kann es schon mal sein, dass man bis zu sechs Wochen warten muss. Ein Termin für Montag bis Donnerstag ist kurzfristiger möglich.

Gibt es trotzdem mittlerweile einen Aufschub bei den Trauerfeiern?

Es gibt insofern einen Aufschub, als dass bei dem Gespräch mit dem Bestattungsunternehmen nicht sofort ein Termin benannt werden kann. Das hat zwei Ursachen: die Standesämter sowie die Krematorien.

Das Bestattungsrecht in Sachsen legt fest, dass es erst zu einer Erd- oder Feuerbestattung kommen kann, wenn der Todesfall im Standesamt beurkundet worden ist. Dort ist es aufgrund der erhöhten Anzahl an Todesfällen sowie den Feiertagen zum Jahreswechsel zu einer Verzögerung gekommen.

Hinzukommen die begrenzten Kapazitäten in den Krematorien. Das Zusammentreffen hat punktuell zu Schwierigkeiten geführt, die noch nicht vorbei sind.

Aber trotz aller Umstände liegen wir noch in einem regulären Zeitfenster vom Eintritt des Todes von zwei beziehungsweise drei Wochen bis zur Urnenbeisetzung.

"Ich habe 20 Kühlplätze. Zurzeit könnten es mehr sein"

Innerhalb welcher Frist muss eine Bestattung durchgeführt werden?

Innerhalb von sieben Tagen muss eigentlich eine Erd- oder Feuerbestattung durchgeführt werden. Für die Urnenbeisetzung ist in Sachsen sechs Monate Zeit. Bei triftigen Gründen kann beim Gesundheitsamt eine Fristverlängerung beantragt werden.

Wie wirkt sich die Situation auf Ihr Unternehmen aus?

Wir arbeiten unter anderem mit einem Krematorium aus Sachsen-Anhalt zusammen. In dem Bundesland gilt ein anderes Bestattungsrecht. Dort ist eine Einäscherung auch ohne vorherige standesamtliche Beurkundung möglich. Anders als in Sachsen. Das hat uns gut über die Zeit geholfen. Denn in der Region werden fast 95 Prozent der Verstorbenen eingeäschert.

Immer wieder ist von Krematorien, Kliniken und Bestattern am Limit die Rede. Wie konnte es soweit kommen?

Weil für Krisenfälle und Katastrophen keine Ressourcen vorhanden sind. Die müssen nicht vorgehalten werden. Kliniken, Krematorien, Bestatter, Friedhöfe arbeiten eigenwirtschaftlich. Was sie an Kapazitäten vorhalten, muss sich rechnen.

Ich habe 20 Kühlplätze im Haus. Zurzeit könnten es mehr sein. Aber aus wirtschaftlichen Gründen hält das niemand vor.

Arbeiten Sie auch mit Krematorien im Ausland zusammen?

Nein, das war für uns noch nie ein Thema gewesen. Denn auch für diese Krematorien gelten die gleichen europäischen Standards. Die Kosten sind damit ähnlich.

Mit Kreide geschrieben steht "Covid19" auf einem Sarg mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist, welcher im Krematorium Meißen in der Kühlung liegt.
Mit Kreide geschrieben steht "Covid19" auf einem Sarg mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist, welcher im Krematorium Meißen in der Kühlung liegt. © dpa/Robert Michael

Wie stark haben denn die Sterbezahlen zugenommen?

Wenn man den normalen Statistiken folgt, dann ist in den Wintermonaten von Oktober bis Februar generell eine erhöhte Sterbefallzahl zu verzeichnen, ohne jetzt konkrete Zahlen zu nennen.

Aber auf jeden Fall gibt es im Winter 20/21 eine erhöhte Sterbequote. Allerdings kann ich nur die Sterbefälle betrachten, die bei uns bearbeitet werden. Der Anstieg ist natürlich auch der Pandemie geschuldet. Wobei es für uns als Bestattungsunternehmen sehr schwer zu unterscheiden ist. Auf den Unterlagen ist nur allgemein Infektionskrankheit, zu denen neben vielen anderen auch Corona gehört, vermerkt.

Der Anteil an Sterbefällen, bei denen Infektionskrankheiten verzeichnet sind, ist derzeit sehr hoch. Ob derjenige dann wirklich an einer Infektionskrankheit verstorben ist, das können wir nicht einschätzen. Das können nur die Mediziner.

Auffällig ist, dass wir in den Vorjahren in der Grippesaison auch einige Influenza-Sterbefälle hatten. In dem Bereich sind in diesem Winter, zumindest der Dokumentation nach, augenscheinlich sehr wenige Todesfälle zu verzeichnen.

Wie kommen Sie und Ihr Team mit den vermehrten Sterbefällen zurecht?

Die Bestattungsbranche ist generell sehr großen Schwankungen unterworfen, die nicht beeinflussbar sind. Das ist uns bekannt, darauf haben wir uns eingestellt. Wir sind daran gewöhnt, Spitzenzeiten wie diese abzufedern.

Im Frühjahr oder Sommer, wenn die Sterbezahlen meist geringer sind, haben wir Möglichkeiten, den Mehraufwand jetzt zu kompensieren.

Darüber hinaus sind wir bisher mit den vorhandenen Ressourcen in allen Bereichen ausgekommen. Die Stundenzahl meiner zwölf Mitarbeiter ist erhöht worden, das Pensum an den Wochenende sowie Feiertagen ist gestiegen. Es wird aber auf die gesamte Belegschaft verteilt.

"Beihilfen für Covid-19-Verstorbene gibt es von keiner Seite"

Erhalten Sie als Unternehmen eine finanzielle Unterstützung für Betreuung eines an Covid-19-Verstorbenen?

Ein infektiös Verstorbener bedeutet für uns immer erhebliche Mehraufwendungen im hygienischen Bereich. Die müssen berechnet werden. Zusätzliches Material, Schutzausrüstung, Desinfektion. Hinzu kommt das Risiko für mich und das Personal, sich zu infizieren.

Für alle Beteiligten gibt es Mehraufwendungen, die verrechnet und vergütet werden müssen. Beihilfen gibt es da von keiner Seite. Die Mehraufwendungen belasten vielmehr die Angehörigen.

Sind noch Verabschiedungen am offenen Sarg möglich?

Wenn ein Sterbefall aufgrund einer Infektionskrankheit eingetreten ist, dann ist die Verabschiedung am offenen Sarg nicht möglich. Das war schon immer so, wie zum Beispiel bei MRSA.

Das Coronavirus wird zwar überwiegend durch Tröpfchen übertragen. Aber noch gibt es keinen fundierten medizinischen Nachweis darüber, dass ein mit Corona infizierter Verstorbener nach gewisser Zeit nicht mehr ansteckend ist. Solange das so ist, ist von der Abschiednahme am offenen Sarg abzuraten. Am geschlossenen Sarg ist es jedoch möglich.

Wie reagieren die Angehörigen auf die Begrenzung der Zahl der Trauergäste?

Im Frühjahr 2020 war es noch so, dass einige gesagt haben, wir warten erst einmal. Manche haben dies auch getan, andere haben dann trotzdem die Trauerfeier durchgeführt.

Inzwischen sind die Kontaktbeschränkungen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Trotzdem ist es noch schwer, wenn zur Kernfamilie zwölf bis 16 Personen gehören.

Wer soll dann ausgeladen werden?

Das ist schon ein Diskussionspunkt. In Absprache mit dem Hausherren ist es aber zum Beispiel auch möglich, dass der Beisetzung auf dem Friedhof im frei zugänglichen Gelände in größerem Abstand noch weitere Personen beiwohnen.

Zudem haben wir die Möglichkeit in unserem Haus, die Trauerrede aufzuzeichnen, die Trauerfeier auf Video aufzunehmen und auch live zu übertragen. Das gab es bereits vor der Pandemie, hat aber jetzt an Bedeutung gewonnen. So wurden schon Trauerfeiern nach England oder in die USA live übertragen.

"Eine gewisse Anzahl an Familien befindet sich noch in Quarantäne"

Wie viele Angehörige nehmen diese Möglichkeit bereits in Anspruch?

Die Nachfrage ist noch nicht übermäßig groß. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass es viele fehlende oder falsche Informationen dazu gibt. Außerdem ist unsere Branche sehr traditionell eingestellt. Wir haben überwiegend mit Älteren Menschen zu tun.

Da ist es schon unter normalen Bedingungen schwierig, neue Dinge zu vermitteln. Die jetzige Zeit ist von Einschränkungen geprägt. Da ist die Zurückhaltung noch größer. Aber das Angebot wird über die Zeit hinausgehen. Es wird zu etwas Selbstverständlichem werden.

Wie hat sich der Umgang mit den Angehörigen geändert?

Der Erstkontakt mit den Angehörigen findet nun meist telefonisch beziehungsweise auf elektronischem Weg statt. Wir lassen zu 80 Prozent unser Angebot medial zukommen, wenn die Gegenseite die technische Möglichkeit dazu hat. Das ist aber meist der Fall.

So können sich die Angehörigen zu Hause schon einmal einen Überblick über die Sargauswahl, den Blumenschmuck oder Trauerdruck verschaffen. Wir haben zurzeit eine gewisse Anzahl an Familien, die sich nach einem Todesfall noch in Quarantäne befindet. Da ist das die einzige Möglichkeit, um erst einmal ins Gespräch zu kommen.

Der Vorteil ist, dass die Angehörigen zu Hause in Ruhe schauen können und nicht in einem Beratungsgespräch innerhalb von ein bis zwei Stunden alles entscheiden müssen. Die meisten hatten ja zuvor kaum bis gar nichts mit dem Thema zu tun.

Trotzdem wollen wir noch Ansprechpartner vor Ort sein und nicht nur Onlinedienstleister. Doch die Menschen kommen jetzt sortierter ins Bestattungshaus.

Können die Angehörigen den Verstorbenen Wunschkleidung mitgeben?

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