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So lief die "Querdenken"-Demo in Leipzig

Etwa 20.000 Menschen protestieren ohne Masken mitten in Leipzig gegen Corona-Regeln. Es dauert Stunden, bis die Kundgebung aufgelöst ist.

Rund 20.000 Menschen hatten sich am Samstag zu einer "Querdenker"-Demo auf dem Leipziger Augustusplatz versammelt. Die Stadt ließ sie gut zweieinhalb Stunden lang gewähren.
Rund 20.000 Menschen hatten sich am Samstag zu einer "Querdenker"-Demo auf dem Leipziger Augustusplatz versammelt. Die Stadt ließ sie gut zweieinhalb Stunden lang gewähren. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Leipzig. Als es beginnt zu dämmern, wird die Lage in der Leipziger Innenstadt vollkommen unübersichtlich. Geschätzte 20.000 Gegner der Corona-Schutzregeln aus ganz Deutschland sind dem Aufruf der „Querdenken“-Bewegung in die Stadt gefolgt, kaum einer von ihnen trägt eine Maske oder hält 1,50 Meter Abstand zu anderen. 

An den Seiten stehen abertausende Gegendemonstranten und Polizisten, dazwischen immer wieder Grüppchen von Rechtsextremisten. Insgesamt sind 27 Versammlungen angekündigt. Angefeuert von Trommlergruppen ziehen die Gegner von Corona-Regeln einige Hundert Meter über den Innenstadtring und wieder zurück, sie singen: „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Andere brüllen „Merkel muss weg“ und „Wir sind das Volk“.

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Eine Stunde zuvor, gegen 15.35 Uhr hatte die Stadt die Versammlung wegen der zahllosen Verstöße gegen die Coronaschutz-Regeln offiziell aufgelöst. „90 Prozent der Versammlungsteilnehmer haben den Mund-Nasen-Schutz nicht getragen“, sagt Polizeisprecher Olaf Hoppe zur Begründung. Außerdem sei die angekündigte Zahl von 16.000 Teilnehmern um mindestens 4.000 überschritten worden. 

Tausende nahmen an der Demonstration der Initiative "Querdenken" auf dem Leipziger Augustusplatz teil.
Tausende nahmen an der Demonstration der Initiative "Querdenken" auf dem Leipziger Augustusplatz teil. © Sebastian Kahnert/dpa

Der Augustusplatz war vom Gewandhaus bis zur Oper vollständig voller Menschen gewesen. Die Redner auf der Bühne, die seit 13 Uhr die Stimmung angeheizt und zugleich zum Maske-Tragen aufgerufen hatten, legen nach der Auflösung die Mikros weg. Sie erklärten den Abbruch durch die Stadt für grob rechtswidrig, aber appellieren: Bleibt friedlich! „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg kündigte postwendend eine Klage gegen die Entscheidung der Stadt an.

Die Polizei versucht zunächst allein mit Durchsagen, den Platz zu räumen. Doch die wenigsten Demoteilnehmer halten sich daran. Es kommt immer wieder zu Gerangel: Pyrotechnik wird geworfen. Einige aggressive Demonstranten versuchen, Sperren zu durchbrechen. Immer wieder werden Polizisten und Journalisten attackiert und geschlagen. Hooligans brüllen in der Nähe des Hauptbahnhofs lautstark Sprechchöre. Je später der Nachmittag, umso mehr sind es vor allem Rechts- und Linksextremisten, die die Konfrontation suchen.

Warnung vor gewaltbereiten Extremisten

Überraschend kommt das nicht: Schon im Vorfeld hatten Polizei und Verfassungsschutz vor der Anreise von militanten und gewaltbereiten Extremisten auf beiden Seiten gewarnt. In der Szene werde bundesweit massiv mobilisiert, warnten die Behörden. 

Gegen 18 Uhr, als es schon dunkel ist, beginnen zahllose Demonstranten tatsächlich, den Innenstadtring entlangzulaufen – obwohl dies eigentlich streng untersagt ist. Das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ appelliert an seine Anhänger: „Wir schätzen die Lage als zu gefährlich ein. Zieht euch bitte sofort zurück.“

Den ganzen Tag über tummelten sich unter dem Demonstranten die üblichen Kreise der „Querdenken“-Bewegung: Impfgegner und 5-G-Gegner, Pegida- und Donald-Trump-Anhänger, Esoteriker und Menschen mit Aluhüten, Rechtsradikale wie der frühere NPD-Chef Udo Voigt. Er stand mit alten Kameraden am Augustusplatz hinter dem Transparent: „Deutschland gegen den Corona-Wahnsinn“. 

Auf der Bühne redeten Menschen wie Pfarrer Christoph Wonneberger – Ende der 80er-Jahre Koordinator der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche und Symbolfigur der friedlichen Revolution. Er sagt heute: „Wir haben Wichtigeres zu tun als uns mit dem Virus aufzuhalten.“ 

Der zwölfjährige Paul aus Berlin rappte auf der Bühne und rief, er könne sich auch mit frischer Ernährung und Sport gesund halten: „Ich trage keine Maske.“ Die 17-jährige Anne aus Nürnberg erzählte etwas von „Zuständen wie in der DDR“.

Oberverwaltungsgericht hatte Kundgebung in Innenstadt erlaubt

Der Demo war bis zuletzt ein juristisches Tauziehen vorausgegangen. Die Stadt hatte den Veranstaltern den Augustusplatz als zentralen Kundgebungsort verboten und ihnen die größeren Parkplatzflächen an der Messe am Stadtrand zugewiesen. Begründung: Auf dem Augustusplatz seien die Mindestabstände auf gar keinen Fall einzuhalten. Auch ein Demonstrationszug über den Innenstadtring, der an die friedliche Revolution erinnern sollte, wurde untersagt, da derzeit nur stationäre Kundgebungen zulässig sind. Nach einer Klage der „Querdenker“ bestätigte das Leipziger Verwaltungsgericht die Auflagen noch am Freitagabend.

Doch das Oberverwaltungsgericht in Bautzen machte am Morgen den Weg für die Kundgebung in der Innenstadt frei und hob die Verlegung auf die Messe auf. Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) empfahl den Leipzigern, am Samstag die Innenstadt zu meiden. 

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Die Polizei wurde von Einheiten aus acht Bundesländern, der Bereitschaftspolizei, der Bundespolizei und dem Landeskriminalamt unterstützt. Auch Hubschrauber, Reiterstaffeln und Lautsprecherwagen sind bis zum Abend im Einsatz. 

Update 19.41 Uhr: Noch bis in den Abend ziehen Tausende laut trommelnd und unbehelligt von der Polizei durch die Leipziger Innenstadt - trotz strikter Verbote. 

Gefährliche Szenen nach der Auflösung der "Querdenken"-Demonstration:

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© dpa-Zentralbild
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