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"Wir sollten jeden zugelassenen Impfstoff nutzen"

Yves Reinhardt ist Hausarzt in Radeberg und erlebt einen Ansturm auf Impfungen, aber auch große Angst vor Astrazeneca. Wann er eine Impfung ablehnt.

Yves Reinhardt erreichen in seiner Praxis zahlreiche Nachfragen nach einem Impftermin. Allerdings lehnen die meisten einen bestimmten Impfstoff ab.
Yves Reinhardt erreichen in seiner Praxis zahlreiche Nachfragen nach einem Impftermin. Allerdings lehnen die meisten einen bestimmten Impfstoff ab. © René Meinig

Radeberg. Wer zu den Sprechzeiten in der Praxis von Yves Reinhardt in Radeberg anruft, bekommt schon einen Eindruck von der angespannten Corona-Situation – ohne mit jemandem gesprochen zu haben. Der Anschluss ist oft belegt. „Ja, bei uns rufen viele Menschen an und fragen, ob wir nicht einen Impftermin haben. Die Nachfrage ist sehr hoch“, sagt der Mediziner.

Einen Termin bekommt hier am Telefon allerdings keiner. Die Mitarbeiterinnen merken sich nur diejenigen vor, die schon einmal Patienten in der Praxis waren. Sie bekommen einen Anruf, wenn ausreichend Impfdosen in der Praxis vorhanden sind. „Wir würden gern mehr impfen, aber die Zahl der Dosen reicht bei Weitem nicht aus. Ich habe in der ersten Woche 24, dann 16, dann 30 und in dieser Woche 18 Dosen bekommen. Das sind nicht einmal einhundert Stück bei einem Stamm von rund 1.000 Patienten“, sagt der Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin.

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Zunächst würden seine Patienten gemäß der Priorisierung berücksichtigt. „Also ältere Menschen und alle diejenigen, die besonders gefährdet sind, die in Berufen mit hoher Ansteckungsgefahr arbeiten.“ Einerseits erlebt Yves Reinhardt eine große Nachfrage nach Impfterminen, andererseits gibt es große Vorbehalte vor dem Mittel Astrazeneca. „Wir haben vor einer Woche zehn Impfdosen davon bekommen. Damit wollte sich niemand impfen lassen. Meine Mitarbeiterinnen haben einen Tag lang telefoniert, um jemanden zu finden. Der Aufwand ist zu groß. Deshalb verwenden wir diesen Stoff nicht mehr.“

"Es gab kaum Nebenwirkungen bei den Patienten, die wir geimpft haben"

Aus seiner Sicht führten widersprüchliche Vorgaben zu der großen Verunsicherung. „Erst hieß es, alle könnten ihn nutzen, dann traten vereinzelt die Thrombosen auf und der Impfstoff sollte nur über 60-Jährigen verabreicht werden, jetzt ist er wieder für alle frei. Da sind die Vorbehalte verständlich.“

Von Biontech könnte er aber mindestens die doppelte Menge verabreichen. „Hier haben wir bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gab kaum Nebenwirkungen bei den Patienten, die wir geimpft haben.“ In den vergangenen Wochen hat er selbst mehrere schwerkranke Corona-Patienten behandelt. „Ein etwa 50-jähriger Mann war darunter. Er hatte eine starke Lungenentzündung bekommen. Mit Medikamenten konnte ich ihn in seiner häuslichen Umgebung behandeln, ich war regelmäßig zu Hausbesuchen dort.“

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Er selbst habe keine Angst vor einer Ansteckung, aber Respekt vor der Krankheit, wie er sagt. „Wenn wir nicht diese Patienten behandeln, wer dann? Ich versuche mich natürlich gut zu schützen, mit Handschuhen, Mund-Nasen-Schutz, und eine Brille trage ich ja immer. Zusätzlich lüfte ich das Zimmer bei Hausbesuchen gut und halte die Besuche bei Corona-Patienten auch möglichst kurz.“

In seinem Berufsalltag tauchen immer wieder schwierige Entscheidungen auf. Etwa bei einer Patientin, die schwer an Krebs erkrankt ist. Bei ihr haben sich bereits Metastasen im Körper gebildet. „Diese Menschen werden palliativmedizinisch behandelt. Das heißt, ihre Schmerzen werden gelindert, eine Heilung ist aber nicht möglich. Wir Ärzte werden vor die Frage gestellt, soll ein solcher Patient eine Corona-Schutzimpfung erhalten? Im Falle meiner Patientin lehne ich das ab, da eine solche Impfung immer auch eine Belastung für den Körper darstellt und ihre Lebensqualität möglichst erhalten bleiben soll.“

"Viele Eltern fühlen sich erschöpft und brauchen eine Auszeit"

In der Praxis von Yves Reinhardt gelten ebenfalls klare Vorgaben. Schon am Empfang werden die Patienten befragt. „Sollte jemand entsprechende Symptome zeigen, bitten wir ihn in den Isolationsraum, in dem ich ihn dann allein behandle.“ In dem Zusammenhang lobt der Radeberger die schnelle Auswertung von Corona-Tests. „Wenn jemand nach einem positiven Schnelltest morgens zu mir kommt, wir den Abstrich vornehmen und einsenden, dann ist abends vom Labor Bautzen das Ergebnis des PCR-Tests da. Das klappt sehr gut.“

Auch bei Patienten, die sich nicht mit dem Virus infiziert haben, bekommt der Mediziner die Auswirkungen der Pandemie zu spüren. „Es sind beispielsweise Eltern, die mit dem Druck nicht mehr klarkommen. Sie sind im Homeoffice, die Kinder sind zu Hause. Viele fühlen sich erschöpft und brauchen eine Auszeit“, sagt er.

Auch würden sich Eltern beklagen, dass ihre Kinder kaum noch vom Computer oder vom Handy wegkommen. „Einige entwickeln eine regelrechte Spielsucht oder haben kein Interesse mehr aus dem Haus zu gehen. Manche haben Schlafstörungen. Diese Entwicklung ist sehr bedenklich.“

Der Arzt hofft, dass so schnell wie möglich Lockerungen umgesetzt werden. Erreichbar wäre das durch schnelleres Impfen. „Wir sollten jeden zugelassenen Impfstoff nutzen, auch den russischen Sputnik V, wenn er grünes Licht bekommen hat.“ Hausärzte sollten noch stärker in die Kampagne einbezogen werden. „Das hätte eher geschehen müssen. Wir kennen die Patienten, wir kennen uns mit dem Impfen aus.“

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