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Corona: Ansturm auf die Schulden-Berater

Die Folgen der Pandemie bringen auch im Landkreis Bautzen immer mehr Menschen in Notlagen. Was Fachleute in solch einer Situation empfehlen.

In Kamenz berät Jürgen Sedlmeir Menschen, die in finanzielle Not geraten sind. Derzeit so viele, dass es wochenlange Wartezeiten für einen Termin gibt.
In Kamenz berät Jürgen Sedlmeir Menschen, die in finanzielle Not geraten sind. Derzeit so viele, dass es wochenlange Wartezeiten für einen Termin gibt. © Matthias Schumann

Kamenz. Ein ausgiebiger Einkaufsbummel ist derzeit nicht möglich, denn viele Händler haben seit Monaten geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet. Bei Schuldnerberater Jürgen Sedlmeir in Kamenz sitzen dennoch immer mehr Menschen am Beratungstisch. Menschen, denen ihre Schulden über den Kopf wachsen. Das Phänomen habe sich im Corona-Jahr eher noch verstärkt, schätzt der Berater ein.

Er kümmert sich für die Caritas Oberlausitz in der Region zwischen Königsbrück, Radeberg und Königswartha um das Thema Schulden. Für Jürgen Sedlmeir ist es ein Teilzeitjob mit derzeit 18 Wochen-Stunden. Der 50-Jährige ist sich aber sicher, dass das viel zu wenig ist: Im Grunde wäre es ein Fulltime-Job, sagt er. Zumal gerade in den vergangenen zwölf Monaten die Nachfrage gestiegen sei.

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79 Ratsuchende seien 2019 bei ihm gewesen, mehr als 150 im vergangenen Jahr. Der Anstieg zeige den enormen Bedarf. Beim Caritas-Team in Bautzen ist die Lage ähnlich. Die Fälle von Schuldenproblemen, die dort bei der allgemeinen Sozialberatung landen, seien sogar um 70 Prozent gestiegen, schätzt Mitarbeiterin Manja Döcke ein. Sie spricht von einem Ansturm und führt das darauf zurück, dass viel mehr Menschen in Notlagen geraten. Bei ihrem Kollegen in Kamenz liegt die Wartezeit auf einen Beratungstermin jetzt bei fünf bis sechs Wochen.

Besser eher die Reißleine ziehen und Rat suchen

Eine ältere Frau hat es geschafft. Nun sitzt sie vor Jürgen Sedlmeir wie ein Häufchen Unglück. Sie habe ihr ganzes Leben gearbeitet, ihr kleines Geschäft im Einzelhandel aufgebaut, auch ein paar Schulden angesammelt. Dann kam Corona, die Zwangsschließung, Einnahmeverluste, der Druck von Gläubigern. Jetzt habe sich sogar die Bank geweigert, ihre beantragte Corona-Hilfe durchzuwinken. Wegen der Schulden soll die Hilfe gepfändet werden: „Das geht natürlich nicht“, sagt der Berater.

Anfragen von Gewerbetreibenden, die den Lockdown nicht überstanden haben, würden jetzt langsam losgehen, so Sedlmeir. Dienstleistern für den Gastronomiebereich zum Beispiel sei schlicht die Geschäftsgrundlage weggefallen. Die Leute würden aber versuchen, ihre Firma so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Doch oftmals sei es besser, eher die Reißleine zu ziehen und Rat zu suchen.

Im Landkreis Bautzen sind laut Schuldneratlas der Creditreform Dresden Aumüller AG etwa acht Prozent der Menschen überschuldet, mit leichten Schwankungen nach unten und oben. Manchmal drehe es sich um kleine Summen. Wenn aber das Eigenheim im Spiel sei, denn gehe es schnell um 100.000 oder 200.000 Euro, sagt Jürgen Sedlmeir.

Beschäftigte mit niedrigen Löhnen besonders betroffen

Es sind rund 20.000 Menschen im Kreis, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Nur ein geringer Teil davon komme in die Beratung: „Es ist eine riesige Überwindung, sich zu öffnen“, sagt Sedlmeir. Die Not sei dann meist erdrückend, die Konten und der Strom gesperrt, oft stehe schon der Gerichtsvollzieher im Nacken.

Diese Fälle würden zunehmen. Die meisten Sorgen hätten momentan Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, im Zusammenspiel mit der Kurzarbeit. „Wenn 20 Prozent beim Lohn fehlen, ist das viel“, so Sedlmeir. Die Kurzarbeit sei besonders für Beschäftigte aus der Gastronomie problematisch, sagt Sozialberaterin Manja Döcke, weil das Trinkgeld wegfalle.

Das reiße ein großes Loch ins Portemonnaie. Stromschulden, Miete nicht gezahlt, dann geht noch das Auto kaputt - irgendwann bricht alles zusammen. Gerade auf dem Land, wo man auf das Auto angewiesen sei, dazu die psychische Belastung durch Corona, die alles noch verschlimmere.

Für jeden Ratsuchenden eine Strategie aus den Schulden

„Wir schauen nicht nur auf die Finanzlage, sondern auch, was neben den Schulden eine Rolle spielt, wie Krankheit und psychische Leiden zum Beispiel, gerade jetzt bei Menschen, die den Job verlieren“, erklärt der Kamenzer Berater. Das Fundament müsse in Ordnung kommen, um darauf aufbauen zu können. Dafür gebe es auch ein Netzwerk von weiteren Hilfen. „Ich versuche dann zu vermitteln und eine Einigung mit den Gläubigern zu erzielen.“ Er entwickle mit jedem Ratsuchenden seine Strategie aus den Schulden.

Es seien nicht nur Konsumkredite fürs Auto oder den großen Fernseher, die Menschen in den finanziellen Ruin treiben. Strafzahlungen aus Gerichtsverfahren und Unterhalt würden auch eine große Rolle spielen. Gerade letzterer summiere sich bei jungen Männern schnell mal auf 20.000 Euro, wenn sie sich längere Zeit nicht kümmern. Telefon-Verträge seien eine weitere Schuldenfalle, erklärt Sedlmeir.

In etlichen Fällen suchten Betroffene auch wegen des Corona-Kindergeldes bei ihm Rat. Das sei bei der Neuauflage nun wieder zu erwarten. Der Berater stellt klar: Auch wenn Familien überschuldet sind, dürfe das Geld nicht gepfändet werden.

Beratung künftig auch in Radeberg?

Finanziert wird die Schuldner-Beratung durch den Landkreis Bautzen. Der habe zwar auch keine unendlichen Geldquellen, aber es gebe positive Signale. Eine Erweiterung für Radeberg und damit ein zusätzlicher Beratungstag stünden in Aussicht, so Sedlmeir. Damit könne das Einzugsgebiet viel besser abgedeckt werden.

Der Tod des Partners, Krankheit, Scheidung. Es gebe viele Ereignisse, um finanziell ins Schleudern zu kommen. Für die Menschen sei es immer dramatisch, so Sedlmeir. Der Berater zeigt auf eine Taschentuchbox. Die stehe nicht umsonst griffbereit. Denn manchmal lassen sich die Tränen nicht mehr bremsen. Dann ist es am Berater, Wege aus dem Tränental zu zeigen.

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