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Virologe erklärt Corona-Tod trotz Impfung

Bei einer Infektions-Welle in einem Lawalder Seniorenheim sterben sechs Menschen - eine davon war geimpft. Ein nicht komplett erforschtes Phänomen.

Prof. Alexander Dalpke, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Universitätsklinikum Dresden.
Prof. Alexander Dalpke, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Universitätsklinikum Dresden. © Universitätsklinikum Dresden

Im Lawalder Altenheim "Seniorenhäus'l" sind jüngst sechs Bewohner an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben - und eine der Toten war bereits zweifach mit Pfizer-Biontech geimpft. Dem Sozialministerium ist auf SZ-Anfrage sachsenweit kein Todesfall bekannt, bei dem die Betroffenen einen vollständigen Impfschutz aufgewiesen hätten. Dennoch: Bundesweit gibt es ähnliche Fälle. So sind nach Medienberichten im Februar in einem Seniorenheim im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg fünf zweifach geimpfte Bewohner mit Corona gestorben. Und das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern zählt seit Jahresbeginn sieben solcher Sterbefälle. SZ hat nun einen Dresdner Virologen befragt, wie es zu solchen Fällen kommen kann.

Professor Alexander Dalpke ist Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Universitätsklinikum Dresden. Er erklärt das überaus seltene Phänomen, wie Menschen trotz Impfung infiziert werden und schwere Verlaufsformen bis zum Tod zeigen können. "Bei den mRNA-Impfstoffen (etwa Biotech-Pfizer, d. Red.) besteht eine 95-prozentige Sicherheit, dass es nicht mehr zu einer Infektion kommt. Heißt: 5 von 100 Geimpften können sich theoretisch dennoch erneut infizieren, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten haben", erläutert der Virologe. Selbst wenn sich eine geimpfte Person infiziere, trete nur ein leichter Verlauf auf wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und leichtere Erkältungssymptomatik. Studien hätten zudem gezeigt, dass die mRNA-Impfstoffe ebenso gegen die britische Mutante helfen - die derzeit am häufigsten Vorkommende in Deutschland.

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Welche Faktoren eine Rolle spielen

Schwere Verläufe oder Verläufe, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, seien nach einer Impfung sehr selten. "Aus den Studien ist die Schutzrate gegen schwere Verläufe bei fast 100 Prozent", so Professor Dalpke. Aber: "Die Impfung kann ihren maximalen Effekt erst ein bis zwei Wochen nach der 2. Impfung entfalten", erklärt er weiter. Nach der ersten Impfung könne in den Folgetagen sehr wohl noch eine Infektion stattfinden, erste Antikörper träten zumeist erst nach 12 bis 14 Tagen auf. "Bis dahin vermittelt die Impfung noch keinen Schutz", sagt der Professor.

Bei einem Fall wie bei der in Lawalde verstorbenen Frau müsse man ganz genau nachfragen, welche zeitlichen Abläufe hier vorgelegen haben, so der Virologe. Relevant sei auch, welche Vorerkrankungen die Patienten im sehr hohen Alter hatten, die durch die Infektion unter Umständen erschwert wurden. Auch das Sozialministerium teilt auf SZ-Anfrage dazu mit: "Kein Impfstoff schützt zu 100 Prozent und gerade ältere oder immungeschwächte Personen entwickeln oft nicht die gewünschte Immunantwort." Dies sei für alle Impfungen und nicht nur für die SARS-CoV-2-Impfung bekannt. "Selbstverständlich werden SARS-CoV-2-Impfdurchbrüche näher untersucht", so das Ministerium weiter. Das Robert-Koch-Institut führe eine entsprechende Studie durch, an der auch die sächsischen Gesundheitsämter beteiligt seien.

Pflegedienstleiterin Susann Richter vom Lawalder "Seniorenhäus'l".
Pflegedienstleiterin Susann Richter vom Lawalder "Seniorenhäus'l". © Matthias Weber/photoweber.de

Wie wichtig Herdenimmunität ist

Für unschädlich hält es Professor Alexander Dalpke, wenn unbewusst in eine bei einem Patienten noch unerkannte Corona-Infektion "hineingeimpft" werde. "Das stellt grundsätzlich kein Problem dar, allerdings gibt es dazu keine konkreten Daten, wie gut in diesen Fällen der Impfschutz ist", sagt er. Nach durchlaufener Infektion gehe man aktuell von einem mindestens sechsmonatigen Schutz aus. "Wie dieser sich dann durch die zusätzliche Impfung verändert, ist unklar", so Dalpke. Jedenfalls könne eine Impfung bei bestehender Infektion keinen Schaden anrichten. "Das ist aus immunologischer Sicht nicht zu erwarten, da bereits durch die natürliche Infektion Spike-Proteine vorliegen", so der Virologe.

Begünstigend auf das Infektionsgeschehen in dem Lawalder Heim könnte sich die fehlende "Herdenimmunität" ausgewirkt haben. Nach Angaben der Pflegedienstleiterin Susann Richter gegenüber SZ, hatten sich von den 42 Bewohnern im März nur 19 impfen lassen, aus der 35-köpfigen Belegschaft gar nur eine Person - also waren von 77 Personen im Heim nur 20 geimpft. "Je mehr Menschen in einer Gruppe/Gesellschaft geimpft sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ungeimpfte in dieser Gruppe infizieren", erklärt Professor Dalpke. Die Wissenschaft gehe bei Corona bei einer Durchimpfungsrate von 60 bis 70 Prozent davon aus, dass das Infektionsrisiko erheblich sinkt. "Bei etwa einer zwei-Drittel-Impfrate hat das Virus keine ausreichende Möglichkeit mehr sich auszubreiten, dies ist dann die Herdenimmunität", sagt der Virologe. Dann könne es zwar immer noch Infektionen geben, aber die tatsächliche Übertragungsrate reduziere sich dann durch die Impfung auf einen R-Wert, der unter 1 liegt.

Seitens des Gesundheitsamtes gab es jedenfalls nie Beanstandungen gegen das Lawalder Heim. Das Landratsamt teilt dazu auf SZ-Anfrage mit: "Die Einrichtungsleitung stand während der gesamten Corona-Pandemie mit dem Gesundheitsamt des Landkreises Görlitz im engen Austausch und hat in regelmäßigen Abständen das gültige Hygienekonzept an die aktuell geltenden Regelungen angepasst." Das Gesundheitsamt habe nach Kenntniserlangung von den ersten positiven Testergebnissen im Lawalder Seniorenheim „Seniorenhäus'l“ gemeinsam mit der Einrichtung alle erforderlichen Infektionsschutzmaßnahmen eingeleitet.

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