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Wegen Corona-Absage: Zirkusfamilie in Not

Familie Köllner braucht dringend Hilfe. Wegen der Pandemie finden keine Auftritte statt und der kleine Zirkus hängt in Bernstadt fest.

Die Zirkusleute sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Familie Köllner bittet um Futterspenden und ein Winterquartier.
Die Zirkusleute sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Familie Köllner bittet um Futterspenden und ein Winterquartier. © Constanze Junghanß

Die rote Zirkuskuppel ist abgebaut. Sie ist bereits auf den Lkw aufgeladen. Auf der Wiese an der Ostritzer Straße neben dem Netto-Markt in Bernstadt steht die Wagenburg: Ein Hänger zum Wohnen, Campingwagen als Kinderzimmer. In einem ist die kleine Gemeinschaftsküche untergebracht. Der Ofen bollert. Großmutter Julia Köllner sitzt am blitzblank geputzten Küchentisch und schüttelt den Kopf. Was nun werden soll, fragt sich die Mittsiebzigerin seit ein paar Tagen. Frau Köllner ist krank auf der Lunge. Eine Infektion mit dem Coronavirus wäre fatal. Abstand halten, auf strenge Hygiene achten: Für die kleine Frau mit den grauen Haaren eine Selbstverständlichkeit. So oder so kommt sie aufgrund ihrer Erkrankung kaum ein paar Schritte weit. 

Das harte und zugleich spannende Leben im Wagen dagegen ist die betagte Dame von Geburt an gewohnt: „Zirkusleute sind immer unterwegs“, erzählt sie lächelnd. Doch nun sitzt Zirkusfamilie Köllner samt der Oma fest. „Sämtliche Auftritte sind abgesagt“, erzählt Jessica Köllner. Die 44-Jährige und ihr Mann Jürgen betreiben den kleinen Zirkus, der ausschließlich mit Akrobatik, Clownerie, Überraschungen und einigen Haustieren wie Ponys, Hunden, Lamas und einigen Tauben das Publikum zum Staunen bringt. Zirkus in der 6. Generation. Die großen Söhne machen mit, die Schwiegertochter. Das Nesthäkchen – ein Fünfjähriger – spielt auf der Wiese.

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Zirkusfamilie hat kein Winterquartiert

Auf die kommenden Wochen blicken Köllners mit mulmigem Gefühl. Durch die Corona-Auflagen kommen auch die Zirkusleute ins Schleudern. Kulturveranstaltungen mit Publikum dürfen aktuell nicht stattfinden. „Bei Engpässen haben wir uns sonst mit Auftritten in Altenheimen, bei Seniorennachmittagen oder Kinderfesten über Wasser gehalten“, erzählt Jürgen Köllner. Doch auch das ist nun Tabu. Von der finanziellen Hilfe bei der ersten Coronawelle habe sein Unternehmen nicht profitieren können. Als „fahrendes Volk“ in unterschiedlichen Bundesländern mit unterschiedlichen Verordnungen sei das nicht machbar gewesen. 

Und jetzt? Ob es Unterstützung geben kann, wissen Köllners nicht. Die Jungs haben im Fernunterricht über die Zirkusschule lesen und schreiben gelernt, die Eltern sind Analphabeten. Keine leichte Situation. Nun kommt noch hinzu, dass die neuen Aufführungsorte und damit das fest eingeplante „Zuhause auf Zeit“ überall abgesagt werden musste. Zwar haben Köllners eine Meldeadresse im Ausweis stehen. Die befindet sich in Göda bei Bautzen. Dort holen sie auch die Post ab. Aber ein Winterquartier, wie bei manchen anderen kleinen Zirkussen, gibt es da nicht. „Hier in Bernstadt stellt uns ein Landwirt die Wiese im Moment zur Verfügung“, sagt Jessica Köllner. Dafür ist die Familie dem Bauern auch sehr dankbar. 

Hoffnung auf Besserung im Dezember

Aber selbst, wenn sie nun länger neben dem Netto-Markt stehen dürften, ist das für die kalte Jahreszeit keinesfalls ideal. Eigentlich brauchen Köllners und ihre Tiere ein festes Dach über dem Kopf. Eine leere Fabrikhalle vielleicht, eine ungenutzte Scheune oder Ähnliches. Die finanziellen Einbußen tun ebenfalls weh. „Wir brauchen eigentlich dringend Heu, Hafer, Stroh, Kraft- und Hundefutter“, sagt die Mutter von vier Kindern. Zwei der Laster müssten außerdem zum Tüv. In anderen Jahren hat  die Familie den Sommer über immer so viel einnehmen können, dass damit alle Ausgaben gestemmt werden können. Doch der erste Lockdown dieses Jahr riss bereits ein großes Loch in die Haushaltskasse. Nun wird es arg eng. 

Ein ganz klein wenig Hoffnung haben die Artisten noch, dass vielleicht im Dezember in Görlitz Weinhübel ihr Weihnachtszirkus stattfinden kann. Hygienepläne hat der Familienbetrieb so oder so ausgearbeitet: Statt 400 Plätzen auf 60 Plätze reduziert mit Trennwänden für die Zuschauer und allem Drum und Dran. Manche würden nun zu ihnen sagen, sie sollten unter diesen schweren Bedingungen aufgeben und sesshaft werden. „Wir sind im Zirkus aufgewachsen, das ist unser Leben“, bekräftigt Jürgen Köllner. Allerdings würden sie auch gerne einen festen Standort finden, von dem aus sie ihre Zirkustouren starten könnten.

Wer Familie Köllner mit Futterspenden oder einem Winterquartier helfen möchte, kann sich mit ihnen ab Sonnabend telefonisch in Kontakt setzen: 0177 8907148 

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