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"Covid-19 ist Realität, keine Verschwörung"

Die Kliniken im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge haben die Folgen der Pandemie zurzeit im Griff. Ein Pirnaer Oberarzt macht sich dennoch Sorgen.

Dr. Christian Riedel hat auf der Infektionsstation der Helios-Klinik in Pirna derzeit viel zu tun.
Dr. Christian Riedel hat auf der Infektionsstation der Helios-Klinik in Pirna derzeit viel zu tun. © Helios-Klinik

In der Helios-Klinik in Pirna wurden am Freitag, 20. November, 41 Covid-19-Patienten stationär behandelt, davon 13 auf der Intensivstation. Das ist ein neuer Höchststand. Es sind dennoch Betten für weitere Notfälle frei. Sächsische.de sprach darüber mit Dr. Christian Riedel, Leitender Oberarzt Pneumologie an der Helios-Klinik Pirna.

Wie ist die aktuelle Lage an der Klinik?

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Die Normal- und Intensivmedizinstation sind aktuell mit 41 Covid-19-Patienten belegt. Aufgrund der dynamischen Corona-Entwicklung verzeichnen wir auch hier im Helios-Klinikum Pirna einen hohen Patientenumschlag. Viele Covid-19-Patienten erholen sich nach einigen Tagen so weit, dass sie in die häusliche Quarantäne entlassen werden können, andere schwer Erkrankte müssen von Normalstation auf die Intensivstation verlegt werden. Auf www.helios-gesundheit.de findet jeder die jeweils tagesaktuellen Daten für das Helios-Klinikum Pirna.

Sind die Betten in der Infektionsstation und der Intensivstation ausreichend?

Derzeit verfügen wir auf der Normal- und Intensivstation über notwendige Betten für die Versorgung von Covid-19-Patienten. Wenn es die Situation verlangt, können wir im Klinikum Pirna zusätzliche Intensivbetten und Beatmungsplätze bereitstellen. Um diese zusätzlich notwendigen Kapazitäten personell ausstatten zu können, müssten dann vermehrt geplante Eingriffe verschoben werden.

Wie fällt der Vergleich zur Corona-Welle im Frühjahr aus?

Mit unseren Erfahrungen seit dem Frühjahr verfügen wir über eine gewisse Routine im Umgang mit der Behandlung und Therapie von Covid-19-Patienten. Dieses hilft uns dabei, eine derzeit viel höhere Anzahl an Covid-19-Patienten zu behandeln, als im Frühjahr.

Mit welchen Symptomen kommen Covid-19-Patienten zu Ihnen?

Der neue Corona-Virus befällt nicht nur die Atemwege, sondern auch zahlreiche andere Organe. Entsprechend unterschiedlich fallen die Symptome aus, mit denen Covid-19-Patienten zu uns kommen: Das sind neben Husten, Fieber und Atemnot ebenso Muskelschmerzen, Halsschmerzen sowie Geschmacks- und Geruchsstörungen. Einige Patienten haben einen schweren Sauerstoffmangel, ohne diesen jedoch zu bemerken. Ältere Patienten fallen durch Verwirrung oder Nahrungsverweigerung auf.

Nach den ersten positiven Tests von Prominenten ist oft zu lesen, dass sie keine Symptome haben. Treten diese sofort nach der Infektion ein oder später?

Nach einer Ansteckung vermehren sich die Viren zunächst in der Schleimhaut der oberen Atemwege, bis es zu einer immer effektiveren Immunantwort kommt, die das Wachstum der Viren dann eindämmt. Das äußert sich dann mit den typischen Symptomen. Diese können bei jungen Menschen oder Kindern häufiger ganz fehlen, dennoch sind sie ansteckend.

Wie ist die Verteilung der Covid-19-Patienten auf die Kliniken organisiert?

Im Raum Dresden und Ostsachsen stellt die Zentrale Krankenhausleitstelle (KLS) am Universitätsklinikum Dresden sicher, dass Patienten gleichmäßig in den Krankenhäusern der Region verteilt werden. Hierzu stehen die ostsächsischen Krankenhäuser täglich im Austausch mit der KLS und melden ihre aktuellen Kapazitäten. So unterstützen wir uns gegenseitig, falls punktuell hohe Auslastungen auftreten sollten.

Musste die Klinik die Zahl geplanter OPs reduzieren?

Neben der Versorgung von Covid-19-Patienten ist es uns sehr wichtig, unserem regulären Versorgungsauftrag für die Region nachzukommen. Das heißt, dass wir geplante Eingriffe weiterhin durchführen. Wir prüfen täglich unsere Kapazitäten, sodass wir möglicherweise weniger dringliche Operationen neu terminieren müssen, um all diejenigen Eingriffe vornehmen zu können, die aus medizinischer Sicht keinen Aufschub erlauben. Die Kapazitäten sind dabei jedoch nicht nur von den aktuell zu behandelnden Covid-19-Patienten abhängig, sondern können auch durch saisonale Krankheitsausfälle im Personal mit bedingt sein.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 ist seit Oktober stark gestiegen. Wie geht die Klinik mit der psychischen Belastung des Klinik-Personals um, gibt es eine Supervision?

Der Umgang mit und die Verarbeitung von Todesfällen gehört unabhängig von der aktuellen Infektionslage zur professionellen Arbeit in einem Krankenhaus. Dennoch ist die hohe Anzahl der zu behandelnden Covid-19-Fälle und die damit verbundene Arbeitsbelastung, zum Beispiel die dauerhafte Arbeit in entsprechender Schutzkleidung, eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Sollten die Fallzahlen weiter steigen, ist es sicherlich notwendig, über eine Supervision (Gespräche zur psychologischen Unterstützung, Anm.d.Red.) nachzudenken. Hierfür stehen sowohl hausinterne Fachexperten als auch externe Kooperationspartner zur Verfügung.

Einige behaupten, Corona sei nur eine Grippe. Was sagen Sie dazu?

Wir haben selbst in der schweren Grippesaison von 2017/18 hier im Klinikum nur vereinzelt Patienten mit Grippe auf der Intensivstation betreut. Mussten diese Patienten beatmet werden, lag das häufig an einer bakteriellen Lungenentzündung, die nach antibiotischer Behandlung und einigen Tagen Intensivtherapie besser wurden.

Beatmete Covid-19-Patienten bleiben aber über sehr lange Zeit auf der Intensivstation an der Beatmung und haben auch danach weiterhin einen erhöhten Sauerstoffbedarf. Das führt zu einer sehr hohen Auslastung der Intensivkapazitäten.

Amerikanische Studien zeigen, dass die Sterblichkeit von Patienten mit einer Influenza bei 0,05 Prozent liegt. Bei Covid-19 ist die Sterblichkeit um das 16-fache erhöht und liegt bei 0,8 Prozent. In Ländern mit einer älteren Bevölkerung, also auch in Europa, ist die Sterblichkeit noch einmal höher.

Was sind aktuell die größten Sorgen in der Pandemie?

Das ist zum einen der fortwährende Anstieg der Fallzahlen, der sich anscheinend nur langsam durch die beschlossenen Maßnahmen beeinflussen lässt. Dies wiederum steht in engem Zusammenhang mit der zunehmenden Arbeitsbelastung in den Kliniken und der Frage danach, ob Verbrauchsgüter wie Masken oder Schutzkittel auch weiterhin verfügbar bleiben werden. Zum anderen bereitet es mir Sorgen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie immer weniger Akzeptanz in der Bevölkerung finden.

Was würden Sie gern denjenigen sagen, die gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren?

Es ist Fakt, dass in Kliniken schwerkranke Menschen mit nachgewiesener Coronavirus-Infektion versorgt werden. Das ist Realität und keine Verschwörung. Fragen Sie Menschen mit medizinischem Sachverstand – Ihren Hausarzt, Ihren Facharzt oder Pflegepersonal, das auf einer Corona-Station arbeitet.

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