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Covid-19 trotz Impfung: Durchbrüche sind normal

Die Zahl geimpfter Covid-19-Erkrankter auf Intensivstationen in Deutschland nimmt zu. Wie gefährlich wird der Corona-Herbst?

„Aufgrund der Masse der Infektionen und Kontakte ist es nicht überraschend, dass es zu Ansteckungen auch Geimpfter kommt und manche auch auf der Intensivstation landen“, sagt Virologe Martin Stürmer.
„Aufgrund der Masse der Infektionen und Kontakte ist es nicht überraschend, dass es zu Ansteckungen auch Geimpfter kommt und manche auch auf der Intensivstation landen“, sagt Virologe Martin Stürmer. © dpa

Von Patrick Eickemeier

Es begann mit Anfragen der Abgeordneten Sahra Wagenknecht (Die Linke) an die Bundesregierung. Wieso nannte der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine andere Zahl der nach Impfdurchbrüchen auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Erkrankten als das Robert-Koch-Institut? Spahn hatte in Interviews gesagt, dass 90 bis 95 Prozent der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ungeimpft seien.

Wie aus den Berichten des RKI hervorgeht, waren in diesem Zeitraum von August bis September tatsächlich ungefähr zehn Prozent der wegen Covid-19 auf Intensivstationen behandelten Patienten vollständig geimpft. Wagenknechts zweite Frage galt den Wochen zuvor: Wie hatten sich die Anteile der Durchbruchsinfektionen unter den Intensivpatienten und unter symptomatisch Erkrankten entwickelt?

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In seinem letzten „Wöchentlichen Lagebericht“ zu Covid-19 vergleicht das RKI die Entwicklung von Anfang September bis Anfang Oktober mit der Gesamtentwicklung seit Februar 2021. Danach hat die Zahl der Impfdurchbrüche in beiden Gruppen stark zugenommen, vor allem bei den über 60-Jährigen. Mittlerweile ist jeder vierte über 60 Jahre alte Intensivpatient (24 Prozent) vollständig geimpft. Über den gesamten Zeitraum gerechnet war es nur jeder zwanzigste (sechs Prozent). In der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen ist der Anteil von intensivpflichtigen Covid-19-Patienten von etwa zwei Prozent auf fast acht Prozent angewachsen.

Unter den symptomatischen Fällen ist der Anteil von Durchbruchsinfektionen ebenfalls stark angestiegen: von zehn auf über 50 Prozent in der älteren und von sieben auf fast 30 Prozent in der jüngeren Gruppe. Insgesamt identifizierte das RKI mittlerweile rund 68.000 wahrscheinliche Impfdurchbrüche.

Vollständige Impfungen und bei Älteren auch eine Boosterdosis schützen vor einem schweren Verlauf von Covid-19.
Vollständige Impfungen und bei Älteren auch eine Boosterdosis schützen vor einem schweren Verlauf von Covid-19. © Matthias Balk/dpa (Symbilbild)

Laut der Angaben der Gesundheitsbehörde sind in Deutschland zwei Drittel der Menschen vollständig geimpft. Bedeutet die Zunahme der Durchbruchsinfektionen nun, dass die Fallzahlen im Herbst und Winter dennoch stark ansteigen und die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten an ihre Grenzen stößt? Das RKI geht davon aus, dass die Zahl der Durchbruchinfektionen noch unterschätzt wird, da bei der Zählung der Covid-19-Fälle der Impfstatus nicht immer vollständig erfasst wird.

Wie effektiv schützen die Impfungen vor Covid-19?

Schon aus den euphorisch aufgenommenen Ergebnissen der Zulassungsstudien der Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson&Johnson ging hervor, dass es zu Durchbruchinfektionen kommen würde. Einen Impfstoff, der Infektionen zu 100 Prozent unterbindet, gibt es nicht. Auch nicht gegen andere Krankheiten. Das RKI berechnet anhand der aktuellen Zahlen weiterhin hohe Impfeffektivitäten und verweist darauf, dass der „bei weitem größte Teil“ der übermittelten Covid-19-Fälle nicht geimpft war. Die Wirksamkeit der Impfungen schätzt die Behörde ab, indem sie den Anteil Geimpfter unter den Covid-19-Fällen mit dem Anteil Geimpfter in der Bevölkerung vergleicht. Diese Screening-Methode nach Farrington liefert Schätzwerte, für die Altersgruppe der 18- 59-Jährigen 83 Prozent und für die Altersgruppe über 60 Jahre etwa 82 Prozent.

Diese Werte sinken auch nicht wesentlich, wenn man nur die letzten vier erfassten Wochen betrachtet. Sie liegen dann bei 80 Prozent bei der jüngeren und bei 77 Prozent bei der älteren Gruppe. Vor einer Krankenhauseinweisung schützt die vollständige Impfung zu rund 90 Prozent. Vor einer Einweisung auf eine Intensivstation 18-59-Jährige zu 95 Prozent und über 60-Jährige zu 93 Prozent. Das RKI rät, diese Werte „mit Vorsicht“ zu interpretieren, sie könnten aber zur Einordnung der Impfdurchbrüche und der Impfeffektivität dienen. Zusammengefasst bestätigen die Anzahl der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche sowie die nach der Screening-Methode geschätzte Wirksamkeit der eingesetzten Impfstoffe die hohe Wirksamkeit aus den klinischen Studien.

Bei einem schweren Verlauf müssen Patienten beatmet und regelmäßig umgelagert werden.
Bei einem schweren Verlauf müssen Patienten beatmet und regelmäßig umgelagert werden. © Archiv: Ronald Bonß

„Aktuell sind von 24 Million Menschen über 60 Jahren schon etwa 85 Prozent vollständig geimpft, rund 20 Millionen Menschen“, sagte Uwe Janssens, Chefarzt am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler und ehemaliger Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Wenn man von einer Effektivität der Impfung von 95 Prozent ausgeht, können sich fünf Prozent der Geimpften anstecken. Das würde bedeuten, dass etwa eine Million Menschen über 60 Jahre in Deutschland das Risiko haben sich trotz Impfung zu infizieren. „Diese Zahl sollte man sich vor Augen führen“, sagt Janssens. Dagegen sei die Zahl von 313 Patienten die seit Februar auf Intensivstation behandelt werden mussten doch „relativ niedrig“.

Das Gesundheitsministerium resümiert, „dass Impfungen schützen und ein fehlender Impfschutz der Hauptgrund ist, warum Personen mit einer Covid-19-Infektion intensivmedizinisch behandelt werden müssen“. Auch der amtierende Präsident der Divi, Gernot Marx, sagte: „Die Patientinnen und Patienten mit schweren und tödlichen Corona-Verläufen sind in fast allen Fällen ungeimpft.“ Es gelte: „Die Corona-Impfung ist ein wirksamer Schutz vor schweren Erkrankungen.“

Worauf ist die Zunahme der geimpften Intensivfälle zurückzuführen?

Für das RKI sind die Impfdurchbrüche „erwartbar“. Einerseits sind immer mehr Menschen geimpft und andererseits breitet sich die Deltavariante des Coronavirus Sars-Cov-2 derzeit wieder vermehrt aus. „Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen“, sagt das RKI. Diese Kontakte führen bei einem Teil der Menschen zur Ansteckung und bei einem Teil der Angesteckten zu einem schweren Verlauf mit Aufenthalt im Krankenhaus oder sogar auf der Intensivstation.

„Aufgrund der Masse der Infektionen und Kontakte ist es nicht überraschend, dass es zu Ansteckungen auch Geimpfter kommt und manche auch auf der Intensivstation landen“, sagt Martin Stürmer, Virologe vom IMD Labor Frankfurt. Der Schutz der Impfung vor einem schweren Verlauf betrage eben nicht 100 Prozent.

Zudem gibt es Menschen, die auf eine Impfung schlecht oder auch gar nicht ansprechen. Impfdurchbrüche träfen meist Menschen, deren „Immunsystem etwa durch eine Chemotherapie oder eine dauerhafte Kortisonbehandlung geschwächt ist, oder die älter als 80 Jahre sind“, sagt der Intensivmediziner Marx. Mit fortschreitendem Lebensalter lässt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems nach. Ältere sind daher anfälliger für Krankheiten und auch die Wirksamkeit von Impfungen ist bei ihnen geringer als bei Jüngeren. Das schlägt sich auch im größeren Anteil der Durchbruchinfektionen bei über 60-Jährigen nieder.

„Darüber hinaus finden sich bei älteren im Vergleich zu jüngeren Menschen häufiger relevante Begleiterkrankungen“, sagt Janssens. Sie könnten ebenfalls einen Einfluss auf einen möglicherweise schwereren Krankheitsverlauf im Falle einer Durchbruchinfektion nehmen. Darauf deuteten auch Ergebnisse einer aktuellen israelische Studie.

Eric Topol, Direktor des Scripps Research Translational Institute in La Jolla in Kalifornien verweist ebenfalls auf die Rolle von Vorerkrankungen, die bei den Durchbruchinfektionen eine Rolle spielen: „Starkes Übergewicht und Diabetes sind Risikofaktoren für schweres Covid-19. Impfdurchbrüche und Long-Covid“ twitterte der Kardiologe.

Welche weitere Entwicklung ist zu erwarten?

„Wir werden im Herbst und Winter voraussichtlich sehen, dass die Inzidenz in Deutschland wieder weit über 100 steigt“, sagte Norbert Suttorp von der Berliner Charité dem Tagesspiegel. Der Direktor der Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie erwartet jedoch nicht, dass Durchbruchinfektionen zu einer kritischen Belastung des Gesundheitssystem führen werden. „Ich gehe weiterhin von einem Verhältnis 90 Prozent Ungeimpfte und zehn Prozent Geimpfte unter den schwer Erkrankten aus“, sagt Suttorp. Wenn Die Inzidenz weiter steigt, werde man weiterhin vor allem Ungeimpfte auf den Intensivstationen sehen. „Das ist gar keine Frage.“

Uwe Janssens warnt davor in der jetzigen Infektionsdynamik Schutzmaßnahmen zu reduzieren. „Das Übertragungsrisiko von Sars-Cov-2 nimmt angesichts der nun einsetzenden Witterungsbedingungen eindeutig zu,“ Daher sollten die aktuellen Maßnahmen des Infektionsschutzes weiter fortgeführt werden und in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation 2G- oder 3G-Regeln zur Teilhabe gelten. Auch die AHA+L Regeln sollten soweit möglich weiter beachtet werden. „Ein Abschaffen der Masken könnte durchaus sehr negative Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Pandemie haben“, sagt Janssens.

Impfdurchbrüchen kann zudem mit Booster-Impfungen effektiv vorgebeugt werden. „Die meisten Impfdurchbrüche, die ich gesehen habe, waren ältere Patienten, die noch keine Boosterimpfung erhalten haben“, sagt Suttorp. An der Charité sei man mittlerweile dazu übergegangen, allen Mitarbeitern ab 50 Jahren eine dritte Dosis der Impfstoffe zu verabreichen. Unabhängig vom Alter werde auch dem medizinischen Personal, das auf Risikogruppen wie Tumorpatienten oder Menschen mit einer Organtransplantation treffen kann, eine dritte Impfung angeboten. „Wo Impfdurchbrüche kritisch sein können, wie im Altersheim oder bei Menschen über 70 Lebensjahren, wird schon gegengesteuert“, sagt Suttorp.

Sorge bereitet dem Arzt die Bevölkerungsgruppe, die sich bislang nicht hat impfen lassen. Innerhalb dieser Gruppe werde die Inzidenz besonders stark ansteigen und es werde auch weiterhin schwere Verläufe bei den 20- bis 60-Jährigen unter ihnen geben. „Die Impfquote um zehn Prozent zu steigern macht im Winter einen fetten Unterschied aus“, sagt der Arzt.

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„Ich sehe im Moment deutliche Defizite dabei, das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle zu bringen“, sagt Stürmer. Er plädiert dafür die etablierten Regelungen gegen das allgemeine Ansteckungsrisiko wie etwa die Maskenpflicht vorerst beizubehalten.

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