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"Da wird Angst verbreitet"

Der Meißner Wissenschaftler Norbert Herrmann plädiert für mehr Eigenverantwortung in der Corona-Krise und warnt vor Panikmache.

Zählt auch in der Corona-Krise gern eins und eins zusammen: Der Meißner Mathematiker Dr. Norbert Herrmann spricht mit der SZ über Mathematik und Viren.
Zählt auch in der Corona-Krise gern eins und eins zusammen: Der Meißner Mathematiker Dr. Norbert Herrmann spricht mit der SZ über Mathematik und Viren. © SZ

Herr Dr. Herrmann, wie blicken Sie als Mathematiker auf die aktuelle Corona-Situation?

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Mich beschäftigen als Wissenschaftler vor allem die mathematischen Begriffe, mit denen in diesen Tagen sehr oft gearbeitet wird. Hier wird häufig nicht exakt argumentiert. Mein Lieblingsbeispiel ist die oft strapazierte Formel vom "exponentiellen Wachstum".

Was kritisieren Sie genau?

Ein gutes Beispiel für exponentielles Wachstum ist die indische Legende vom Erfinder des Schachspiels und dem Reis- oder Weizenkorn. Auf das erste Feld eines Schachbretts wird ein Korn gelegt, auf das zweite Feld das Doppelte, auf das dritte wiederum die doppelte Menge und so weiter. In diesem Fall ergibt sich tatsächlich ein exponentielles Wachstum, das stärker ausfällt als jede Potenz. Auf dem 64. Feld müsste mehr Reis aufgehäuft werden, als auf der ganzen Erde in einem Jahr erzeugt wird. Von einer solchen Zunahme sind wir jedoch weit entfernt. Es wird mit Begriffen hantiert, die nicht zutreffend sind und dadurch Angst verbreiten.

Wie würde sich ein exponentielles Wachstum auswirken?

Wenn die Infektionszahlen tatsächlich derart rasant zunehmen würden, wäre innerhalb von rund 30 Tagen die gesamte Weltbevölkerung infiziert. 

Der Meißner Wissenschaftler Dr. Norbert Herrmann spricht sich für Corona-Impfungen aus. Er selbst lässt sich regelmäßig gegen Grippe impfen.
Der Meißner Wissenschaftler Dr. Norbert Herrmann spricht sich für Corona-Impfungen aus. Er selbst lässt sich regelmäßig gegen Grippe impfen. © Archiv/dpa/Julian Stratenschulte

Welcher Begriff oder welche Formel würde sich aus Ihrer Sicht besser eignen, um die derzeitige Lage zu beschreiben?

Die Mathematik kennt in verschiedenen Formen das sogenannte Räuber-Beute-Problem. Vermehren sich zum Beispiel Füchse sehr stark und dezimieren die Hasen, dann kann das nicht immer ungebremst weitergehen. Irgendwann gibt es zu wenig Hasen, um alle Füchse zu ernähren. Dann nimmt die Zahl der Räuber wieder ab. Auf Corona übertragen ließe sich sagen, dass die Infektionszahlen nicht ewig rasant steigen können, weil irgendwann entweder ein Großteil der Menschen natürlich oder auch über eine Impfung immunisiert sein wird.

In den Nachrichten werden täglich die aktuellen Infektions- und Sterbezahlen genannt. Herrscht hier nicht größtmögliche Transparenz?

Auf den ersten Blick ja. Aber die Zahlen werden nur selten in Relation gesetzt. So sterben zum Beispiel täglich in Deutschland durchschnittlich 3.000 Menschen. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich. Sie reichen von Krebs über Herz-Kreislauf-Krankheiten bis hin zu Unfällen oder Drogensucht. Weshalb greift der Staat eigentlich nicht ein und verbietet jeglichen Alkoholkonsum, obwohl dieser täglich für zahlreiche Tote verantwortlich ist?

Sie plädieren für mehr Selbstverantwortung?

Ja. Meine Frau und ich lassen uns regelmäßig gegen Grippe impfen. Das finden wir selbstverständlich. Wer dies nicht tut, setzt sich einem selbst gewählten Risiko aus. Ich verstehe nicht, weshalb der Staat im Fall von Corona den Menschen diese Wahl abgenommen hat.

Sie sind in Meißen unter anderem in der Jahnhallen-Stiftung und im Kunstverein aktiv. Wie beurteilen Sie die jetzt von Bund und Ländern getroffenen Maßnahmen?

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Fangen wir mit dem Positiven an: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Kitas und Schulen offen bleiben, sonst hätten wir bald eine verlorene Generation zu beklagen. Die Schließung von Gaststätten und Hotels kann ich nur schwer nachvollziehen. Mir wird zu wenig erklärt und belegt, weshalb gerade diese Punkte so sensibel sein sollen. Ich erlebe in Meißen eine hohe Disziplin der Gäste und des Personals. Der in Aussicht gestellte finanzielle Ausgleich sollte die Schäden abmildern. Trotzdem befürchte ich, dass unsere Innenstadt nach Corona nicht mehr so belebt sein wird wie zuvor.

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