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Die Luft ist raus im deutschen Fußball

Machtkämpfe und der Umgang mit der Corona-Krise verschärfen das schlechte Image des Fußballs. Die Kluft zwischen Profis und Amateuren wird immer größer.

Die Luft ist raus, fast jedenfalls. Die Schere zwischen Profis und Amateuren im Fußball geht immer weiter auseinander.
Die Luft ist raus, fast jedenfalls. Die Schere zwischen Profis und Amateuren im Fußball geht immer weiter auseinander. © Getty Images

Von Frank Hellmann

Die meisten Fußballfans werden bald seit einem Jahr kein Bundesligaspiel mehr live gesehen haben. Kein Gespräch am Bratwurststand, kein Gruppenerlebnis auf einer Bahnfahrt, kein Gemeinschaftsgefühl im Fanblock. Wie überall in der Gesellschaft sind auch hier die Langzeitfolgen noch nicht absehbar, denn nicht alles ist auf Knopfdruck reparabel, nur weil irgendwann die Stadiontore für (geimpfte?) Zuschauer wieder aufgehen. Branchenkenner warnen davor, die derzeit sehr ordentlichen Einschaltquoten der ARD-Sportschau oder bei Sky-Übertragungen als Maßstab für eine intakte Beziehung zu nehmen.

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Die guten Zahlen könnten damit zu tun haben, dass andere Freizeitangebote gerade rar gesät sind – und Fußball im TV noch die beste Ablenkung bietet. Der innere Verdruss über die Fehlentwicklungen im Fußball spiegelt das Quotenmeter jedenfalls nicht wider. Wartet ein Teil vielleicht nur ab, um sich dann abzuwenden? Bei Drittliga-Tabellenführer Dynamo Dresden sieht man das noch nicht so kritisch wie bei den anderen Schwarz-Gelben zwei Spielklassen höher. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke fürchtet selbst für den so treuen Publikumsstandort Dortmund eine „Ent-Emotionalisierung“. Mit Abstand und Masken alleine auf der Tribüne zu hocken, sei grauenvoll. „Mittlerweile deprimiert mich die sterile Atmosphäre von Monat zu Monat mehr“, sagt er. Doch wenigstens rollt der Ball.

DFB-Präsident Fritz Keller: Willkommen im Intrigantenstadl.
DFB-Präsident Fritz Keller: Willkommen im Intrigantenstadl. © Boris Roessler/dpa

Die Basis muss dagegen wie gelähmt hoffen, dass die Politik den kollektiven Bannstrahl überdenkt, wonach es aber derzeit nicht aussieht. Was spräche etwa dagegen, Kindern bis zum Alter von zwölf Jahren schrittweise einen Einstieg beim Fußball im Freien zu ermöglichen? Beispielsweise dafür müsste der Deutsche Fußball-Bund in diesen Tagen alle Kraft einsetzen. Dass wenigstens der Nachwuchs in den 25.000 Vereinen in irgendeiner Form kicken kann – und dass auch die Amateure eine Perspektive sehen. Aber so weit reicht der Einfluss von DFB-Präsident Fritz Keller nicht, zu sehr ist er mit der komplizierten und von Intrigen und Missvertrauen geprägten Gemengelage an der Verbandsspitze beschäftigt. Und auch der Arm von DFB-Vizepräsident Rainer Koch, zugleich Präsident des Bayerischen Fußballverbands, scheint dafür nicht lang genug, nicht mal im eigenen Bundesland.

Dort hat er gerade eine unter seinen Mitgliedsvereinen erhobene Umfrage bekommen, die detailliert darlegt, dass das Durchhaltevermögen schwindet. Nicht mal jeder zweite Klub glaubt, dass er die Krise ohne nachhaltige Schäden übersteht. Zu hoch die Einbußen ohne Trainings- und Spielbetrieb, ohne Feste, Veranstaltungen und Turniere. Die Hauptsorge aber sind verlorene Kinder und Jugendliche, das gaben vier von fünf Vereinen an.

Warum dürfen nur die Profis weitermachen?

Wenn das eine oder andere von mehr als sieben Millionen DFB-Mitgliedern nun in 2021 eine Austrittserklärung übermittelt, dann könnte das nicht nur mit dem fehlenden Angebot zu tun haben. Vielen Amateuren ist angesichts der immer restriktiveren Einschränkungen kaum mehr zu vermitteln, dass sich neuerdings nicht mal mehr drei Freunde auf einem verwaisten Bolzplatz treffen dürfen, während sich im Profifußball weiter alle Beteiligten vor laufender Kamera ohne Mund-und-Nasenschutz um den Hals fallen.

Umso problematischer wird es, wenn diejenigen, die bei bester Bezahlung weiterspielen dürfen, einen Gegenspieler anspucken wie es zuletzt kurz vor Weihnachten passiert ist: Der Mönchengladbacher Stürmer Marcus Thuram spuckte einen Spieler der gegnerischen Mannschaft auf dem Feld an, inzwischen ist er langzeitgesperrt. Mit seinem Fehlverhalten hat er seiner Branche einen Bärendienst erwiesen. Angesichts solcher Vorfälle fragen sich viele: Warum gehört der Profifußball eigentlich zu einem der ganz wenigen nicht-systemrelevanten Gewerben, die unabhängig von allen Inzidenzzahlen durchgängig weitermachen dürfen?

Und was sagen die Verantwortlichen zu der Situation? Anstatt dass der Deutsche Fußballbund (DFB) die aktuellen Verhältnisse einordnet, dreht er sich lieber um sich selbst – und verkennt dabei die Lage.

Der Mönchengladbacher Stürmer Marcus Thuram spuckte einen Spieler der gegnerischen Mannschaft auf dem Feld an.
Der Mönchengladbacher Stürmer Marcus Thuram spuckte einen Spieler der gegnerischen Mannschaft auf dem Feld an. © Marius Becker/dpa

Wie zuletzt kurz vor Weihnachten, als Präsident Keller seine Jahresbilanz zog. „Natürlich war Corona etwas, was die Menschheit wenigstens in den letzten Jahrhunderten nicht erlebt hat. Nicht nur im Fußball, sondern auch in der Kultur, in den Schulen, in den Universitäten, in den Betrieben ist dieses Jahr ein ganz besonderes, ein sehr trauriges Jahr. Auf der anderen Seite hat uns Corona gezeigt, wie wichtig das Zusammenleben ist. Wie wichtig es ist, respektvoll miteinander umzugehen“, sagte Keller. Dann wünschte sich der Gastronom vom Kaiserstuhl, dass im neuen Jahr „die Impfstoffe wirken, die Menschen keine Angst haben müssen, wieder mit Freunden feiern, Konzerte besuchen, gemeinsam tanzen können“ – und dass „die Totenstille in den Stadien endlich aufhört“.

Die Zahl der Aufrufe in dem vom DFB-TV verbreiteten Interview war danach arg überschaubar, nicht mal die Kommentarspalten füllten sich. Zu wenig Inhalt steckte auch in dieser Inszenierung des 63-jährigen Verbandschefs, der die eklatanten Widersprüche in seinen salbungsvollen Worten vermutlich selbst gar nicht bemerkte.

Die mächtigsten zwei Männer beim größten Einzelsportverband der Welt, Präsident Keller und sein Gegenspieler, Generalsekretär Friedrich Curtius, haben 2020 mitten in der Pandemie einen Machtkampf geführt, der an Respektlosigkeiten kaum zu überbieten war. Niemand weiß, wie sich die beiden zerstrittenen Herrschaften, die so völlig unterschiedliche Vorstellungen und Biografien besitzen, dauerhaft vertragen sollen. Der Zwist überdeckte, dass der DFB und allen voran die medizinische Abteilung großen Anteil hatte, dass Deutschland als erste Nation wieder den Profifußball im Mai letzten Jahres ins Laufen brachte, dass auch die 3. Liga und die Frauen-Bundesliga nicht vergessen wurden.

Zweifel am Rückkehr zur Weltspitze: DFB-Präsident Fritz Keller (l) und Nationaltrainer Joachim Löw.
Zweifel am Rückkehr zur Weltspitze: DFB-Präsident Fritz Keller (l) und Nationaltrainer Joachim Löw. © Christian Charisius/dpa

Der Verband steht derzeit auch deshalb so schlecht da, weil sein Aushängeschild, die Männer-Nationalmannschaft, weiter an Vertrauen einbüßte. „Die Mannschaft“ hat als letztes Lagerfeuer der Gesellschaft seit Längerem ausgedient. Fragwürdige Freundschaftsspiele, vor allem aber schwache Leistungen hatten schon weit vor Corona zu einem sinkenden Interesse geführt; ablesbar an den Einschaltquoten bei ARD, ZDF und RTL. Der bei der WM 2018 erlittene Imageschaden ist nicht repariert. Die 0:6-Abreibung in der Nations League gegen Spanien geriet zum nächsten Tiefpunkt. Das Geisterspiel von Sevilla verkam zu einer der gruseligsten Vorstellungen einer deutschen Nationalmannschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Die proklamierte Rückkehr an die Weltspitze wird eine Gipfelbesteigung mit akuter Absturzgefahr.

Ob Nationaltrainer Joachim Löw dafür der richtige Bergführer ist, daran gibt es Zweifel. Keller wollte deswegen den seit 2006 amtierenden Bundestrainer dazu bringen, den Vertrag nur noch bis zum EM-Sommer laufen zu lassen – was dieser brüsk ablehnte. Löw teilte danach kräftig gegen seinen Arbeitgeber aus, vor allem wegen der ständigen Indiskretionen. Der DFB ist zum Intrigantenstadl mutiert, vom Virus des gegenseitigen Misstrauens infiziert. Im fünfköpfigen Präsidialausschuss werden Vizepräsident Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge dem Curtius-Lager zugerechnet, während Peter Peters eher hinter Keller steht – aber vor allem als Horchposten den Bundesliga-Vereinen dient. „Fehlendes Miteinander in der Spitze ohne jedes Vertrauen“, prangerte der wegen seiner Mitverantwortung am Missmanagement beim FC Schalke gescheiterte Peters an – und hatte damit einerseits den Ist-Zustand treffend beschrieben. Andererseits wirkte es zu offensichtlich, wem der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Fußball-Liga (DFL) dienen wollte: Peters überbrachte die Kernpunkte der Kritik aus der Liga, die sich in dem Machtkampf grundsätzlich auf Kellers Seite geschlagen hat und lieber heute als morgen Curtius loswerden möchte.

Leere Zuschauerränge im Stadion wie hier bei RB Leipzig prägen in diesen Tagen das Bild des Bundesliga-Fußballs.
Leere Zuschauerränge im Stadion wie hier bei RB Leipzig prägen in diesen Tagen das Bild des Bundesliga-Fußballs. © Jan Woitas/dpa

Das Bild der Zerrissenheit setzt sich fort, wenn die DFL mit dem Finger auf den DFB zeigt. „Generell wünsche ich dem DFB, dass das teilweise sehr unwürdige Schauspiel an Illoyalität langsam sein Ende findet“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert Anfang Dezember mit einem moralisierenden Unterton. Aber sind die 36 Profivereine unter DFL-Obhut so viel besser?

Allein das Tauziehen um die Verteilung der schrumpfenden Fernsehgelder offenbarte, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Der Vorstandsboss des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, war in München auf Plakaten als Pippi Langstrumpf mit roten Zöpfen abgebildet worden, weil er sich die „Fußball-Welt“ macht, wie ihm gefällt. Seine Gegen-Veranstaltung ohne jene aufmüpfigen Klubs, die es gewagt hatten, ein Modell für eine fairere Verteilung der TV-Milliarden zu unterbreiten, sagt viel über das Selbstverständnis aus: Wer nicht mitzieht, wird ausgegrenzt. Demokratische Prozesse in einer Solidaritätsgemeinschaft gehen eigentlich anders. Es bleibt fraglich, ob der Profifußball als Vorbild für faires Miteinander taugt – dafür ist schlicht zu viel Geld im Umlauf.

Gestiegene Gagen belasten die Klubs

Rummenigge hat selbst noch in einer Zeit gespielt, als die Spitzenverdiener bei rund 400.000 D-Mark erhielten. Heutzutage lehnt Bayern-Star David Alaba ein Vertragsangebot ab, das ihm 20 Millionen Euro per annum garantiert haben soll. Das sorgt für Unverständnis. Selbst Liga-Chef Seifert plädiert dafür, die Personalkosten massiv runterzufahren. Die immerzu gestiegenen Gagen – das Durchschnittsgehalt eines Bundesligaspielers betrug 2018/2019 rund 2,5 Millionen Euro jährlich – zieht die Klubs gerade schwer herunter.

Derzeit erlebt natürlich auch die Bundesliga ihre „anstrengendste und herausforderndste Saison der Geschichte“, sagt Seifert. Auf rund eine Milliarde Euro beziffert der Bundesliga-Boss den Umsatzeinbruch. 650 Millionen Euro fehlen allein durch die weggebrochenen Zuschauereinnahmen. Schon in wenigen Monaten werde es für die nächsten Vereine wieder „eng“ und „sehr eng“. Denn bei den Gehältern werden vielerorts allenfalls Reduzierungen in homöopathischer Dosis verabreicht. Das bringt sogar Schwergewichte wie Borussia Dortmund an ihre Grenzen.

Das Geschäftsjahr 2019/2020 mit den neun Geisterspieltagen endete mit 44 Millionen Euro Verlust, diese Spielzeit werden es bis zu 75 Millionen Euro sein. Trotzdem sei die Lage noch beherrschbar, sagte Dortmunds Chef Watzke, der sich einen Seitenhieb an seinen Lieblingsfeind aus Sachsen mal wieder nicht verkneifen konnte: Es helfe natürlich, „wenn du wie RB Leipzig einen Multimilliardär im Rücken hast“, lästerte Watzke kürzlich im führenden Branchenblatt Kicker.

„Ich habe die Angst, dass wir das Bild der Bundesliga vor der Pandemie so nicht mehr sehen werden und die Stadien nicht mehr so voll sind, wie wir es gewohnt waren:“ Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff (r).
„Ich habe die Angst, dass wir das Bild der Bundesliga vor der Pandemie so nicht mehr sehen werden und die Stadien nicht mehr so voll sind, wie wir es gewohnt waren:“ Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff (r). © Jan Woitas/dpa

Dabei hat Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff klargestellt, dass Corona auch einen Red-Bull-Klub trifft. In diesem Jahr als auch 2021 führe die Pandemie zu Mindereinnahmen von jeweils 30 Millionen Euro. Und mitnichten würde der Hauptsponsor mit Sitz im österreichischen Fuschl für die fehlenden Gelder aufkommen. „Es ist nicht so, dass ich in Fuschl anrufe und sage: Wir haben Covid-19, überweist uns mal das Geld“, betonte der RB-Boss, dem noch etwas ganz anderes Sorge bereitet: „Ich habe die Angst, dass wir das Bild der Bundesliga vor der Pandemie so nicht mehr sehen werden und die Stadien nicht mehr so voll sind, wie wir es gewohnt waren.“

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Damit könnte er richtig liegen. Gerade die organisierten Fans sind längst auf Distanz gegangen, die meisten blieben den Spielen fern, als eine Teilzulassung der Zuschauer erfolgte. Ihr Unverständnis über die nicht korrigierten Auswüchse ist gewaltig. Ziemlich schnell nach der ersten Frühjahrsunterbrechung war der Ruf nach Veränderungen erklungen, deswegen hat die DFL eine prominent besetzte „Task Force Zukunft Profifußball“ einberufen, die Wettbewerbsbalance, Zahlungsströme, gesellschaftliche Verankerung, Ethik-Richtlinien und Faninteressen bündeln sollte. Doch die Arbeit des Gremiums endet recht geräuschlos. Bald wird eine Abschlusserklärung herausgegeben. Die Befürchtung der Fanvertreter: Das ist alles nur ein Feigenblatt.

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