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Die Grippeimpfung ist so wichtig wie nie

Zusätzlich zu den steigenden Coronazahlen kommt die Influenzawelle auf uns zu. Schnell werden Schreckensbilder gemalt, obwohl der Schutz so einfach sein könnte.

Anders als gegen das Coronavirus gibt es gegen Influenzaviren schon eine Impfung.
Anders als gegen das Coronavirus gibt es gegen Influenzaviren schon eine Impfung. © Christin Klose/dpa

Zehntausende Kranke, Hunderte Behandlungen in Kliniken und auch Todesfälle – alljährlich fällt die Bilanz der Grippewelle in Sachsen so aus. Mit dem herbstlichen Wetter wächst wieder die Gefahr einer Ansteckung. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass in diesem Jahr mit Corona ein weiteres Risiko hinzukommt. Manche fürchten sogar gefährliche Superinfektionen, wenn beide Erkrankungen zusammentreffen. Das ist zwar spekulativ, denn seriöse Nachweise dafür fehlen. 

Aber ein Schutz ist ohne Zweifel sinnvoll – und in Teilen auch möglich. Auch wenn der Impfstoff gegen Corona noch auf sich warten lässt. Gegen Grippe gibt es ihn schon lange, auch gegen Lungenentzündung. Und zwei der möglichen Krankheitsrisiken in der kalten Jahreszeit auszuschließen, ist besser, als gar nichts zu tun. Das ist auch ein Stück Verantwortungsgefühl anderen gegenüber. Damit aber alle, die es brauchen, geschützt werden können, ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig.

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Zum Beispiel in Sachen Wirksamkeit: Kritiker werden nicht müde zu behaupten, dass man sich vor einer Grippe überhaupt nicht schützen könne. Dazu muss man wissen, dass Grippe oft mit einer Erkältung verwechselt wird. Bekommt jemand nach einer Impfung einen Schnupfen, steht für ihn fest: Die Grippeimpfung hat mal wieder nicht gewirkt. Doch Grippe und Erkältung sind nicht dasselbe. Infekte mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit werden durch Hunderte verschiedene Viren ausgelöst. Einen Impfstoff gegen sie alle kann es gar nicht geben, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Influenza wird dagegen von zwei Gattungen von Viren ausgelöst: Influenza A und Influenza B. Und gegen diese Viren gibt es einen Schutz, auch wenn dieser nicht hundertprozentig ist. Denn auch Influenza A und B haben – wie alle Viren – die Gabe, sich ständig zu verändern, um das Immunsystem auszutricksen.

Nur drei Prozent der Geimpften erkranken

Erschwert wird die Sache dadurch, dass die Produktion eines Impfstoffs zeitlichen Vorlauf braucht. So steht jährlich bereits im Februar fest, wie sich der Impfstoff zusammensetzt, der im Herbst verabreicht werden soll. Kann das funktionieren? Ein Blick auf die Meldezahlen von Sachsen aus dem vergangenen Jahr zeigt zumindest, dass die Fachleute bei der Wahl des Impfstoffs offenbar ein glückliches Händchen hatten. Denn unter den rund 21.000 gemeldeten Grippekranken im Freistaat waren nur drei Prozent Geimpfte. Eine gute Bilanz, die die Wirksamkeit der Grippeimpfung bestätigt.

Wirksam ist eine Impfung aber selbst dann, wenn die Zusammensetzung des Impfstoffs nicht so gut passt. Denn Impfungen trainieren das Immunsystem, ähnlich wie durchgemachte Erkrankungen. Dafür hat die Spritze in der Regel aber viel weniger Nebenwirkungen und Komplikationen als eine echte Virusgrippe. Die Erkrankten, die als Grippetote gezählt werden, sterben in Wirklichkeit zum Beispiel an Lungen- oder Herzmuskelentzündung und vor allem dann, wenn diese Organe bereits vorgeschädigt waren. Die Reaktionen nach einer Impfung gehen hingegen in der Mehrzahl nicht über eine Rötung an der Einstichstelle, Unwohlsein oder erhöhte Temperatur hinaus. Nur ganz selten gibt es schwerere Fälle. Vor allem chronisch Kranke und Ältere sollten daher den Grippeschutz aus Angst vor den Nebenwirkungen nicht ablehnen.

Impfstoffe seit Jahren knapp

Überzeugung ist auch bei der Bestellung des Impfstoffs gefragt. Mit rund 25 Millionen Dosen wurde zwar so viel geordert wie nie zuvor. Doch würden sich tatsächlich alle Risikopersonen impfen lassen – so wie es wegen Corona in diesem Jahr empfohlen wird –, brauchen wir laut Robert-Koch-Institut deutschlandweit 40 Millionen Dosen. Das wirft Fragen auf.

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Die Hersteller sind die nächsten, die überzeugt werden müssen. Das trifft vor allem auf den Impfstoff gegen Pneumokokken zu, die zum Beispiel Lungenentzündungen auslösen können. In der Corona-Zeit wird besonders vehement dazu geraten, denn 5.000 Todesfälle sollen jedes Jahr auf das Konto von Lungenentzündungen gehen. Obwohl hier – vielleicht anders als bei der Grippe – die Bereitschaft zur Impfung sehr groß ist, kann nicht jeder geschützt werden. Der Impfstoff ist seit Jahren knapp. Nur wenige Hersteller weltweit produzieren überhaupt noch Impfstoffe, weil sich das für sie finanziell kaum mehr lohnt. Hier muss sich dringend etwas ändern.

Corona bietet die Chance, selbst Kritiker zum Umdenken beim Impfen zu bewegen. Doch dazu braucht es zuerst einmal genug Impfstoff – in jedem Fall aber Überzeugung.

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