merken
PLUS Leben und Stil

Die Sachsen haben ihre Zähne vernachlässigt

Vielen fehlt im Corona-Jahr der Bonusstempel für die Vorsorge. Deshalb gibt es eine Sonderregel.

Nach zwischenzeitlichem Rückgang liegt die Zahl der Behandlungen nun wieder auf dem Vor-Pandemie-Niveau.
Nach zwischenzeitlichem Rückgang liegt die Zahl der Behandlungen nun wieder auf dem Vor-Pandemie-Niveau. © dpa/Markus Scholz

Aus Angst vor Corona haben viele Sachsen im vergangenen Jahr auf ihre jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt verzichtet. Vor allem zu Beginn der Pandemie war die Unsicherheit groß, wie eine Auswertung mehrerer Krankenkassen belegt. Allein die Barmer hat 2020 in Sachsen rund zehn Prozent weniger Zahnarztbehandlungen abgerechnet als 2019. Besonders dramatisch sei der Einbruch im zweiten Quartal gewesen. Hier hätten rund 19 Prozent weniger Versicherte einen Termin wahrgenommen. „Nicht nur zur Vorsorge, sondern sogar bei Schmerzen wurde der Zahnarztbesuch aufgeschoben“, sagt Landesgeschäftsführer Fabian Magerl.

Die größten Rückgänge verzeichnete die Barmer bei den über 65-Jährigen, die geringsten bei den 21- bis 30-jährigen. Nur ein Teil der Termine sei im Laufe des Jahres nachgeholt worden. „Es ist verständlich, dass sich einige Menschen aufgrund der Pandemie Gedanken darüber machen, ob sie zur Vorsorge gehen sollen oder nicht. Sie sollten aber auch bedenken, dass sich die Zahngesundheit ohne Kontrolle verschlechtern kann“, sagt Magerl. „Hat ein Zahnarztbesuch stattgefunden, hat der Arzt auch meist umfänglich behandelt. Das spricht dafür, dass Schmerzbehandlungen, auch aufwendige Behandlungen fortlaufend durchgeführt wurden.“

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Die AOK Plus, die größte Krankenkasse im Freistaat, hat 2020 insgesamt rund vier Prozent weniger Abrechnungsfälle im Vergleich zu 2019 gezählt. Im zweiten Quartal sei die Zahl der Behandlungen sogar um 12,5 Prozent gesunken. „Der Rückgang im ersten Halbjahr wurde über den Jahresverlauf zwar nicht vollständig kompensiert, aber abgeschwächt“, sagt AOK-Sprecherin Hannelore Strobel. Ursache müsse aber nicht automatisch die Angst vor einer Ansteckung in der Zahnarztpraxis gewesen sein. Andere Faktoren wie Änderungen der Abrechnungsbestimmungen oder der Versichertenstruktur würden sich ebenso auswirken. Allerdings: Die Zahl der Behandlungen in diesem Jahr liegt wieder auf dem Vor-Pandemie-Niveau.

„Ausgelassene Routineuntersuchungen und damit nicht entdeckte kleine Kariesdefekte oder Zahnfleischentzündungen können sich zu komplizierten Behandlungsfällen entwickeln“, sagt Thomas Breyer, Präsident der Zahnärztekammer Sachsen. Besonders wichtig sei die Vorsorge für chronisch Kranke wie Diabetiker. „Einige neigen generell dazu, den Besuch beim Zahnarzt aufzuschieben, weil sie Angst haben. Und dann kam Corona. Ich verstehe, dass die Patienten Bedenken hatten. Die hatten die Zahnärzte und Praxisteams zu Beginn der Pandemie aber auch“, sagt Breyer. Die Befürchtungen hätten sich nicht bestätigt.

"Wir konnten verhindern, dass es zu Infektionen kommt“

Auf dem Zahnarztstuhl hat man engen Kontakt, der eine Übertragung des Virus leicht macht. Gerade in den ersten Tagen nach einer Infektion sind die Viren vor allem im Rachenraum hochkonzentriert. Beim Bohren, wenn sich mit dem Wasser ein feiner Nebel bildet, könnten Viren auch aus dem Rachenraum und der Mundhöhle in die Luft gelangen. Neben gutem Mundschutz und Handschuhen gehört für Zahnärzte daher eine Schutzbrille zur Ausrüstung. „Wir haben schon immer sehr hohe Hygienestandards in den Praxen, die wir noch verstärkt haben. Es gibt auch andere übertragbare Krankheiten, vor denen wir uns und die Patienten schützen müssen. Das hat sich bewährt. Wir konnten verhindern, dass es zu Infektionen kommt“, sagt Breyer. Zwar habe im vergangenen Frühjahr in einigen Praxen Schutzmaterial wie Masken und Handschuhe gefehlt, sodass diese vorübergehend schließen mussten. Mittlerweile seien jedoch alle ausreichend ausgestattet. „Niemand muss also wegen Corona Angst vor einem Zahnarztbesuch haben“, sagt der Kammer-Präsident.

Auch die DAK verzeichnete im vergangenen Jahr deutschlandweit einen Behandlungs-Rückgang von acht Prozent. „Interessant ist, dass Schienenbehandlungen dagegen um zwei Prozent zugenommen haben“, sagt Landeschefin Christine Enenkel. „Das sehen wir im Zusammenhang mit den pandemiebedingten Herausforderungen. Stress und Sorgen führen oft auch zu Verspannungen im Kiefergelenksbereich, die oftmals mit Schienenbehandlungen gelindert werden“, sagt Enenkel.

Die jährliche Zahnvorsorge nicht ausfallen zu lassen, hat noch einen anderen wichtigen Grund: der Stempel im Bonusheft. Allgemein gilt: Erwachsene müssen einen Stempel pro Kalenderjahr nachweisen, Kinder und Jugendliche zwei Stempel, um höhere Zuschüsse für Zahnersatz zu bekommen. Nach fünf lückenlosen Jahren gibt es 70 Prozent Festzuschuss, nach zehn Jahren sind es 75 Prozent. Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen hatte im Januar dieses Jahres aufgrund der Pandemie die Empfehlung ausgesprochen, auf den Bonus-Nachweis zu verzichten. Der Großteil der Kassen setzt das um.

„Sollte ein Eintrag im Bonusheft fehlen, wird 2020 als Bonusjahr mitgezählt“, sagt DAK-Chefin Enenkel. Auch AOK Plus und Barmer versichern, dass der Zuschuss zum Zahnersatz erhalten bleibt, auch wenn die Kontrolle 2020 ausgeblieben ist.

Weiterführende Artikel

Sachsen schließt die Corona-Zahnarztpraxen

Sachsen schließt die Corona-Zahnarztpraxen

Wie sich positiv getestete Patienten nun verhalten sollen, erklärt Dr. Holger Weißig von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen.

Coronatest beim Zahnarzt ist in Sachsen jetzt möglich

Coronatest beim Zahnarzt ist in Sachsen jetzt möglich

Patienten lassen aus Angst die Zahnvorsorge sausen, zeigen Kassendaten. Die Ausweitung der Testmöglichkeiten soll das aber ab jetzt verhindern.

Kann ich mich beim Zahnarzt mit Corona anstecken?

Kann ich mich beim Zahnarzt mit Corona anstecken?

Die Hygienestandards in Zahnarztpraxen sind besonders hoch. Auch für Corona-Patienten gibt es eine Lösung.

Und wie sieht das in diesem Jahr aus? „Infolge des Rückgangs der Inzidenzen, der steigenden Impfrate und der allgemeinen Schutzkonzepte sieht der Spitzenverband derzeit keine Gründe mehr, auf den Besuch der Zahnarztpraxis zu verzichten“, sagt Christine Enenkel. Sie empfiehlt daher allen, noch im Laufe des Jahres einen Vorsorgetermin sagt zu vereinbaren.

Mehr zum Thema Leben und Stil