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Kritik an Hygienekonzept der Stadt Dresden

Bei zwei Veranstaltungen in Dresden saßen Fremde ohne Maske direkt nebeneinander. Einigen Zuschauern war das nicht geheuer. Das sagen die Veranstalter.

Hat sich bislang nicht zu ihrem Auftritt in Dresden geäußert: Comedian Hazel Brugger.
Hat sich bislang nicht zu ihrem Auftritt in Dresden geäußert: Comedian Hazel Brugger. © dpa

Dresden. Thomas Pommrich hatte eigentlich fest damit gerechnet, dass die Veranstaltung verschoben wird. Der 49-jährige Familienvater aus Dresden und seine Frau sind große Fans der Kabarettistin Hazel Brugger. 

Als bekannt wird, dass Brugger am 9. Oktober im Alten Schlachthof einen Tourneehalt einlegt, besorgen sich beide sofort Karten - das war vor zehn Monaten, sprich, weit vor Corona. Umso mehr überrascht es Pommrich Anfang Oktober, dass der Auftritt wie geplant stattfinden soll.

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Auf dem Gang trugen noch alle Besucher Maske

"Schließlich wurden auch fast alle Konzerte im Alten Schlachthof verschoben. Wir haben dann davor noch überlegt, ob wir hingehen sollen oder nicht", erzählt Pommrich. "Zwar hatte Dresden zu dem Zeitpunkt noch verhältnismäßig wenige Infektionen, doch die genaue Zahl der Infizierten kennt ja niemand. Und Hazel Brugger zieht ein junges Publikum an, das nicht nur aus Dresden, sondern von überall herkommt." 

Pommrich und seine Frau beschließen, sich die Lage zumindest anzusehen. Bereits 20 Minuten vor Veranstaltungsbeginn sei es auf dem Flur vor dem Großen Saal sehr voll gewesen, sagt er. Hier hätten auch alle Besucher der Hausordnung gemäß Maske getragen, ebenso wie auf den Gängen und in den Toiletten. 

Fan berichtet: "Sind wieder gegangen"

Doch der Blick in den Saal ist für Pommrich ein Schock. "Es schien, als wären die Plätze im großen Saal nahezu ausverkauft, es gab kaum noch freie Stühle", sagt er. Er habe erwartet, dass "zumindest ansatzweise der sonst üblicherweise geforderte Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen Personen aus unterschiedlichen Haushalten eingehalten werden kann." 

Stattdessen hätte es keine gesperrten Plätze gegeben - wie es etwa in Fußballstadien der Fall ist - man habe dort "dicht an dicht" gesessen. Auch Maske sei in der Mehrheit nicht getragen worden. 

"Wir haben uns im Verantwortungsgefühl für unsere Familie dafür entschieden, uns nicht der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen und sind wieder gegangen – wahrscheinlich als einzige", sagt Pommrich. 

Anschließend setzt der 49-Jährige eine lange E-Mail auf, in der er die Situation schildert - und schickt diese an die Veranstalter und das Dresdner Ordnungsamt. 

Reaktionen bei Twitter: "Die Stadt hat versagt"

Es bleibt nicht die einzige Kritik an dem Hygienekonzept im Alten Schlachthof. Einen Tag vor Hazel Brugger treten dort junge Comedians im Rahmen der Sat-1-Sendung "Nightwash" auf. 

Einer von ihnen, Daniel Storb, postet im Anschluss auf seinem Instagram-Profil ein Foto der Veranstaltung mit dem Vermerk: "Ich hab keine Ahnung, wie das möglich war, aber es war möglich...Was für ein Abschluss bei Nightwash!" Auf dem Bild zu sehen: Die Künstler auf der Bühne, im Hintergrund Zuschauer, die in den meisten Fällen eng beieinander sitzen. 

Daraufhin entbrennt im sozialen Netzwerk Twitter eine heftige Debatte. "Unfassbar", "Die Stadt hat versagt", "Finde die Künstler asozial, denn daraus kann ein Superspreader-Event entstehen" sind noch die harmlosesten Reaktionen. 

Freiwillig den ganzen Abend Maske getragen

Zu Wort meldet sich auch ein weiterer Besucher des Hazel-Brugger-Auftritts vom 9. Oktober. Auch er sei überrascht gewesen, wie eng man beieinander dort gesessen habe. Er und seine Begleiter hätten als Reaktion den ganzen Abend Masken getragen. 

Unter dem Foto kommentiert auch Hazel Bruggers Bühnenpartner Thomas Spitzer. Als Künstler sage man eine Veranstaltung nicht fünf Minuten vor Beginn ab, weil man "ein biss'l ein komisches Gefühl habe". 

Man habe gewisse vertragliche Pflichten. "Dass es nicht ideal, ein Heidenspaß oder ähnliches ist, wissen wir alle." Spitzer weist auch darauf hin, dass in Sachsen Veranstaltungen aktuell "mit sehr wenig Einschränkungen" erlaubt sind. 

Betreiber: "Wir lassen uns nicht denunzieren"

Darauf beruft sich auch Rodney Aust, Geschäftsführer der Bernd Aust Kulturmanagement GmbH, Betreiber des Alten Schlachthofs. "Wir lassen uns nicht denunzieren. Wir haben ein genehmigtes Hygienekonzept der Stadt Dresden und halten uns an die sächsische Corona-Schutzverordnung", sagt Aust im SZ-Gespräch.

Sein Konzept im Schlachthof: Zuschauer müssen ihre Kontaktdaten in ein Formular eintragen. Das nehmen sie mit zum Platz, wo sie die am Stuhl befestigte Nummer eintragen. Nach der Veranstaltung geben sie den Zettel am Ausgang ab. So könnte im Fall einer Infektion genau nachgeprüft werden, wer neben wem saß. 

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"Gibt es eine Nachverfolgung, dann fällt der Abstand auf einen Meter. Nur weil den Menschen eingetrichtert wird, dass die Regel immer 1,5 Meter Abstand sein muss, sind sie überrascht, was möglich ist und was nicht."

Und tatsächlich: Auch die Stadt Dresden weist online darauf hin, dass eine "Verringerung des Mindestabstandes" möglich sei, wenn "verpflichtende, sitzplatzbezogene Erhebung von Kontaktdaten sichergestellt ist".

Diese Regel hat die sächsische Regierung mit dem Erlass der Corona-Schutzverordnung vom 1. September eingeführt. Betreiber Aust weist auch auf seiner Website darauf hin. 

Nur zwei, drei Veranstaltungen im Monat

Er könne den Unmut zwar verstehen, sagt Rodney Aust. "Doch wir sind dankbar, dass die Landesregierung die Tür ein Stück weit geöffnet hat." Im Schlachthof seien momentan nur etwas mehr als die Hälfte aller möglichen Stühle aufgebaut, in jeder Reihe sitzen laut Aust maximal 10 Personen nebeneinander - wie vom Freistaat vorgeschrieben. 

"Mit Maske würde es in Zukunft gar keine Veranstaltungen mehr geben", sagt er. Schon jetzt fänden pro Monat nur zwei bis drei Auftritte von Künstlern statt, der Rest werde abgesagt, weil es sich nicht rechne.

Zu befürchten hat Aust vermutlich also nichts. Das Ordnungsamt prüfe Pommrichs Hinweis, heißt es von Seiten der Stadt Dresden. Pommrich selbst wünscht sich vor allem, dass die Konzertveranstalter und Künstler über die gesetzlichen Bestimmungen "hinaus Verantwortung übernehmen". 

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Vom Berliner Veranstalter d2m zumindest hat er Rückmeldung bekommen. Man sei "nicht sonderlich glücklich über die Situation" und werde "in Dialog mit dem Alten Schlachthof" treten. 

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