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Wie Schule in Corona-Zeiten funktioniert

Maria Koch ist seit 17 Jahren Lehrerin in Dresden. Die Corona-Pandemie stellt sie vor ganz neue Herausforderungen. Ein Besuch.

Maria Koch unterrichtet an Dresdens 30. Grundschule Deutsch, Mathe, Sachunterricht, Sport und Musik. „Es ist mein Traumberuf“, sagt sie.
Maria Koch unterrichtet an Dresdens 30. Grundschule Deutsch, Mathe, Sachunterricht, Sport und Musik. „Es ist mein Traumberuf“, sagt sie. © Thomas Kretschel

Dresden. Zögerlich hebt Margarethe den Arm. Ein schüchterner Blick wandert Richtung Lehrertisch. „Margarethe?“, fragt Grundschullehrerin Maria Koch. „Ich habe den Corona-Test falsch gemacht“, antwortet die Schülerin und senkt den Kopf. Plötzlich stehen 13 Mitschülerinnen und Mitschüler dicht gedrängt um Margarethes Platz. Der Test zeigt ein negatives Ergebnis an. „Was hast du denn falsch gemacht?“, fragt Maria Koch. „Ich habe die Flüssigkeit auf die falsche Seite getropft.“ - „Dann musst du den Test noch einmal wiederholen.“

Situationen wie diese gehören derzeit zum Arbeitsalltag einer Grundschullehrerin. Zweimal wöchentlich müssen sich ihre Schüler und sie auf Corona testen lassen. „Ich bin nicht mehr nur Grundschullehrerin, sondern auch Krankenschwester und Therapeutin“, sagt Maria Koch, die an der 30. Grundschule am Hechtpark in Dresden Deutsch, Mathe, Sachunterricht, Sport und Musik unterrichtet. „Wir Lehrer bekommen mit, wie es den Kindern wirklich geht, welche Probleme und Sorgen sie haben.

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Und wie geht es der Lehrerin selbst? „Mich macht diese Kurzfristigkeit mürbe“, sagt sie. „Eigentlich bin ich sehr spontan, aber wenn am Freitag Beschlüsse gefasst werden, die wir am Montag umsetzen sollen, dann strengt das auf Dauer an.“

14.418 geteilt durch 6: Wie war das noch gleich mit der schriftlichen Division? Maria Koch erklärt Selma, wie sie zum richtigen Ergebnis (2.403) gelangt.
14.418 geteilt durch 6: Wie war das noch gleich mit der schriftlichen Division? Maria Koch erklärt Selma, wie sie zum richtigen Ergebnis (2.403) gelangt. © Thomas Kretschel

Vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen ergeht es ähnlich. Eine Studie der Krankenkasse DAK aus dem November 2020 hält das Gefühl in Zahlen fest: Jede vierte Lehrkraft ist regelmäßig emotional erschöpft und zeigt Burn-out-Symptome. Außerdem gaben 84 Prozent der befragten Lehrkräfte an, während der der Corona-Krise mehr zu arbeiten. Fast einen Arbeitstag würden sie im Schnitt zusätzlich arbeiten.

Burn-out? So weit möchte Maria Koch nicht gehen. „Ich sitze schon manchmal das gesamte Wochenende, um den Unterricht für die nächste Woche vorzubereiten. Doch ich bin Lehrerin aus Leidenschaft. Es fühlt sich derzeit an wie beim Referendariat. Da habe ich manchmal drei Stunden lang 45 Minuten Unterricht vorbereitet.“ Ihre Familie habe dafür Verständnis. „Sie kennen mich nur als Lehrerin. Und sie wissen auch, dass die Grundschüler gerade in dieser Zeit Unterstützung und Geborgenheit brauchen.“ Maria Koch ist seit 17 Jahren im Schuldienst. Die 45-jährige sportliche Frau trägt weiße Adidas-Sneakers und Slim-Fit-Jeans.

Es ist kurz vor 8 Uhr, als sie ihre Klasse mit zwei Schachteln Corona-Tests begrüßt. „Das ist meine 4c. Das sind meine Kinder“, sagt sie. „Wir sind Ihre Krümel“, entgegnet Paula, ein Mädchen mit schulterlangen blonden Locken. Die Klasse lacht, und auch unter der schwarzen OP-Maske von Maria Koch ist ein Lächeln zu erahnen. „Gut, dann lasst uns einmal anfangen. Lasse, lege bitte den Zauberwürfel zur Seite“, sagt sie zu dem Schüler in der dritten Bankreihe.

Mehr Sicherheit durch Schnelltests

Nur ungern verstaut Lasse den Zauberwürfel, den er fast fertig gelöst hat, unter seiner Bank. Wie seine Mitschüler steckt er sich ein Wattestäbchen etwa zwei Zentimeter in die Nase. „Einmal kräftig popeln, bitte“, sagt die Klassenlehrerin. Lasse kneift die Augen zusammen. „Es kitzelt“, sagt er und tunkt das Wattestäbchen in ein rundes Röhrchen, in dem eine wässrige Lösung ist. Dann greift er wieder zum Zauberwürfel.

„Der Tilli gibt uns Bescheid, wenn 60 Sekunden vorbei sind“, sagt Maria Koch. Solange muss das Wattestäbchen in der Flüssigkeit der bleiben. Tilli heißt eigentlich Tillmann und sitzt in der vierten Reihe. Sein Blick wandert zum rechten Handgelenk. 17 Sekunden sind verstrichen. „Es gibt auch Kinder, die ihren Corona-Test zu Hause machen“, sagt Koch. „Da müssen wir Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Eltern und Kinder haben. Wir können nicht überprüfen, ob der Test wirklich gemacht worden ist.“

In der vierten Klasse lernen die Kinder verstärkt, am Computer zu arbeiten. Emiljo (Mitte) hat da manchmal noch seine Probleme. Maria Koch muss helfen.
In der vierten Klasse lernen die Kinder verstärkt, am Computer zu arbeiten. Emiljo (Mitte) hat da manchmal noch seine Probleme. Maria Koch muss helfen. © Thomas Kretschel

Nach 60 Sekunden ziehen die Kinder das Wattestäbchen aus dem Röhrchen, lassen die Flüssigkeit langsam auf die Testkassette tropfen. „Durch die Tests bekommen wir ein wenig mehr Sicherheit. Deswegen achten wir darauf, dass sie richtig gemacht werden“, sagt Maria Koch. Denn natürlich läuft wie bei Margarethe, die auf die falsche Seite tropfte, manchmal etwas schief.

Seit Ostern müssen sich die Grundschüler regelmäßig testen. Das Kultusministerium spricht von niedrigen Infektionsraten. Doch die Inzidenzen sagen etwas anderes. So meldeten Dresdens Grundschulen in der letzten April-Woche immerhin 13 positive Testergebnisse. Das entspricht einer Inzidenz von 105.

„15 Minuten sind vorbei“, ruft Zeitnehmer Tillmann. Der Blick der Schüler wandert von den Mathe-Aufgaben zu der kleinen Testkassette: Himbeerrote Streifen ziehen sich über die Plastikkästchen auf den Tischen, alle Tests sind negativ – auch Margarethes zweiter. Theoretisch dürften sie sich jetzt die Masken abnehmen. „Die wenigsten tun das. Die Maßnahmen haben sie so verinnerlicht“, erzählt Koch. Auch sie selbst dürfte die Maske absetzen. Sie ist bereits zweifach geimpft. „Ich setze sie nur ab, wenn ich vor der Klasse stehe. Ich habe eine Vorbildfunktion.“

Subjekt, Prädikat und Akkusativ unterstreichen: Elsa braucht im Deutsch-Unterricht die Hilfe von Lehrerin Maria Koch.
Subjekt, Prädikat und Akkusativ unterstreichen: Elsa braucht im Deutsch-Unterricht die Hilfe von Lehrerin Maria Koch. ©  Thomas Kretschel

Während sich die 14 Kinder in der Schule mit schriftlicher Division herumquälen, muss auch die andere Hälfte der Klasse, die im Heimunterricht ist, Schulaufgaben erledigen. Seit dem 26. April lernen die Kinder im Wechsel. Dafür hat sich Maria Koch einen Lernplan überlegt – jeden Tag eine Aufgabe in Deutsch, Mathe und Sachunterricht. English is missing. „Das wird verstärkt im Präsenzunterricht gelehrt“, sagt Koch. „So haben die Kinder nicht einen Berg an Aufgaben, sondern wissen genau, was sie an einem Tag schaffen sollen.“

Eine aktuelle Studie der Universität München zeigt, dass die Kinder zu Hause rund drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag mit schulischen Tätigkeiten verbringen. „Ich bin Lehrerin geworden, um vor den Kindern zu stehen. Sie brauchen die Hilfe von uns“, sagt Maria Koch.

Vormittags zu Hause, nachmittags im Hort

Es gebe aber auch Schüler, die im Heimunterricht besser lernen. „Paula zum Beispiel hatte eine richtige Leistungsexplosion. Das merke ich auch jetzt, wo ich sie wieder in der Schule unterrichte“, sagt Koch. Die Kinder, die schon in der Schule schwer zu erreichen waren, erreiche sie im Heimunterricht noch schwerer. „Da bin ich auf die Hilfe der Eltern angewiesen. In meiner Klasse funktioniert das gut.“

Mittlerweile hat die Frühstückspause begonnen. Die Kinder dürfen sich in den Pausen ihre Lieblingslieder wünschen. „Wir wollen etwas Rockiges hören“, sagt Jaron. „Spielen Sie mal ihr Lieblingslied ab“, schlägt Elsa vor. „Ja, spielen sie ihr Lieblingslied ab“, sagt Paula. „Mein Lieblingslied?“, fragt Maria Koch. „Ich habe so viele.“ Schließlich schallt One von U2 und Smalltown Boy von Bronski Beat aus den Lautsprechern des Samsung-Fernsehers. Die Musik wird lauter, die Kinder leiser.

„Es ist 10.30 Uhr, ihr dürft zur Hofpause“, sagt Maria Koch. Durch die gestaffelten Pausenzeiten können nicht mehr alle Klassen zur selben Zeit rausgehen. Jede Klasse hat zudem nur einen abgegrenzten Bereich auf dem Schulhof. Kontakte zwischen den Klassen sollen vermieden werden. Im Hort läuft es am Nachmittag genauso.

Die Hitliste der 4c: Ein Sammelbecken für Radiosongs in dem Tokio Hotel genauso schwimmt wie die Prinzen oder die Barbara Schöneberger.
Die Hitliste der 4c: Ein Sammelbecken für Radiosongs in dem Tokio Hotel genauso schwimmt wie die Prinzen oder die Barbara Schöneberger. © Thomas Kretschel

„Anschließend können wir es nicht mehr kontrollieren“, muss Horterzieherin Katharina Backhaus zugeben. „Die Kinder melden sich aus dem Hort ab. Eine halbe Stunde später stehen sie mit anderen Kindern auf dem Bolzplatz.“ Lehrerin Maria Koch fügt hinzu: „Paradox ist auch, dass die Kinder, die am Vormittag zu Hause lernen, am Nachmittag in den Hort gehen könnten. Von unseren Eltern nimmt das zum Glück keiner in Anspruch.“

Die 30-minütige Hofpause ist vorbei. „Wir bleiben gleich draußen und machen jetzt Sport“, sagt Maria Koch. „Och nö, muss das sein?“, stöhnen einige Kinder. „Darf ich mich noch umziehen?“, fragt dagegen Jaron, während er mit einem gelb-blauen Fußball jongliert. Den roten Tartanplatz muss sich die Klasse mit einer weiteren teilen. Damit sie sich nicht in die Quere kommen, dienen die Jacken der Schüler als Abgrenzung.

„Es ist wichtig, dass sich die Kinder bewegen. Sie brauchen Ausgleich“, sagt Koch. „Ich versuche immer wieder, Sport in den Schulalltag einzubauen.“ Sie hat auch ein kleines Work-out für die Kinder, die zu Hause lernen müssen, entwickelt. Die Kinder auf dem Sportplatz haben allerdings wenig Lust auf Hampelmänner, Liegestütze und Kniebeugen. Sie wollen spielen.

Maria Koch baut immer wieder Kraft- und Koordinationsübungen in den Schullalltag der Kinder ein. „Gerade in diesen Zeiten ist Bewegung wichtig“, sagt sie.
Maria Koch baut immer wieder Kraft- und Koordinationsübungen in den Schullalltag der Kinder ein. „Gerade in diesen Zeiten ist Bewegung wichtig“, sagt sie. © Thomas Kretschel

„Fußball“, rufen die Jungen. „Völkerball“, die Mädchen. „Okay, wir stimmen ab.“ Sieben Jungen und das Mädchen Lisette melden sich für Fußball. Die restlichen sechs Mädchen sind für Völkerball. Die Fußballer jubeln. „Wir wollen aber Völkerball spielen“, fangen die sechs Mädchen eine Diskussion an. „Wenn ihr euch nicht einig werdet, machen wir eben Deutsch“, entgegnet Maria Koch. Die Jungs geben nach. Es wird Völkerball gespielt, Mädchen gegen Jungs. „Da gewinnen wir zu 100 Prozent“, gibt sich Emiljo siegessicher. Es wird knapper als gedacht. Lisette dirigiert als Kapitänin ihre Mannschaft, stemmt sich zum Schluss selbst mit vollem Körpereinsatz gegen die Niederlage – vergeblich.

Wieder im Klassenzimmer angekommen, müssen die Kinder Satzglieder bestimmen. „In ihrem Heft schreibt Anne Schönschrift“, lautet einer dieser Sätze, in dem sie Subjekt, Prädikat und den Akkusativ mit Farben unterstreichen sollen. „Gut, Schönschrift kann ich nicht“, sagt Selma, die ihre lockigen Haare zu zwei Zöpfen zusammengeflochten hat. Frau Koch kann sich das Lachen nicht verkneifen. „Dann versuche wenigstens, den Akkusativ zu bestimmen“, sagt sie schließlich.

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Nach 45 Minuten ist die Deutsch-Stunde vorbei. Feierabend hat Maria Koch noch nicht. „Ich muss den Lernplan für die Kinder zu Hause anpassen und die Aufgaben von heute kontrollieren.“ Und sie hat noch eine Aufgabe: „Auch meine eigenen Kinder brauchen manchmal Hilfe. Mein Sohn hat gerade Absolutismus in Geschichte. Da muss auch ich mich erst einmal einlesen.“

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