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Ringelpiez ohne Anfassen

Cornelia Poppe inszeniert in Dresden die erste Operette, in der Liebesszenen ohne Tuchfühlung auskommen und Handschuhe Teil der Kostüme sein müssen.

Nicht nur Theatermacher müssen sich etwas einfallen lassen, um ihr Publikum zu überraschen. Auch Fotografen brauchen Ideen. Cornelia Poppe hat als Regisseurin an der Staatsoperette Dresden viel Sinn für Fantasie.
Nicht nur Theatermacher müssen sich etwas einfallen lassen, um ihr Publikum zu überraschen. Auch Fotografen brauchen Ideen. Cornelia Poppe hat als Regisseurin an der Staatsoperette Dresden viel Sinn für Fantasie. © Sven Ellger

Dresden. So erlangt "Liebe auf Distanz" eine ganz neue Bedeutung. Die meinte bisher Fernbeziehungen getrennt lebender Paare, die an Wochenenden zueinander pendeln. Inzwischen verlangt Corona dem Theater Szenen ab, in denen sich die Liebenden nicht in die Arme fallen und leidenschaftlich küssen können. Der Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern ist auch auf den Bühnen geboten, wollen die Theatermacher keine Hygienehüter auf den Plan rufen.

Cornelia Poppe ist inzwischen Expertin für Szenerien, die allen Coronaschutz-Kriterien genügen und dem Zuschauer dennoch schöne Illusionen verschaffen. An der Staatsoperette inszeniert sie das erste Stück der Saison. Es ist ihre erste Regiearbeit in Dresden und für das gesamte Ensemble die erste Stückentwicklung einer Operette unter nie dagewesenen Bedingungen.

Late Night Shopping Dresden
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Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Mit dem Special "Ich hab noch einen Koffer... Ein Operettenspaziergang" hatten die Künstler schon im Juni eine Form gefunden, um ihrem Publikum trotz aller Verbote ein musikalisches Erlebnis zu schaffen. An fünf Stationen boten sie rotierend jeweils bis zu 25 Zuschauern ihr Programm, überwiegend unter freiem Himmel. Doch nun soll endlich das auf die Bühne, was das Haus ausmacht: eine Operette.

Zurück in den Kreidekreis!

"Anfangs haben wir in alle Richtungen überlegt, welches Stück sich eignen könnte. Dazu gab es unzählige Vorschläge der Kollegen", erzählt Cornelia Poppe. Doch recht bald wurde klar, dass jenes das Rennen macht, welches bereits im Juli beim ersten Sommernachtsball der Staatsoperette zu sehen sein sollte. Die besondere Ballnacht musste zwar ausfallen. Aber das "Märchen im Grand Hotel" sollen die Operettenfreunde nun dennoch sehen.

"Wir müssen auf jede Menge Regeln achten, ohne dass das Publikum am Ende davon viel bemerkt", schickt Cornelia Poppe voraus. Umso spannender sei es, hinter die Kulissen der Theaterarbeit zu schauen: "Es dürfen nur maximal sechs Solisten gleichzeitig auf der Bühne stehen. Auch die Zahl der Balletttänzer ist auf sechs beschränkt. Ebenso wie der Chor", erklärt die Spielleiterin. Auf dem Bühnenboden ist mit Kreide genau markiert, wo welcher Darsteller stehen oder sich bewegen darf.

Denn alle Künstler müssen Mindestabstand halten und dürfen sich schon gar nicht berühren. Nicht einmal, sich beim Singen einander zuzuwenden, ist erlaubt. Sonst könnten sich infektiöse Aerosole zu sehr verdichten. Doch worum geht es denn im märchenhaften Grad Hotel an der Côte d’Azur? Um Liebe und Leidenschaft!

Schließlich ist es der Ort, an dem europäische Adelige bei Jazzbandmusik Heiratspläne schmieden. Völlig erwartbar kommt es dabei zu Verwicklungen, Dramen und Intrigen. Der schüchterne Kellner Albert, der eigentlich Hotelerbe ist, verliebt sich Hals über Kopf in die aus ihrem Land vertriebene, mittellose spanische Prinzessin Isabella. Die wiederum ist einem österreichischen Prinzen versprochen. Stoff, nicht nur für eine Operette, sondern auch für einen echten Hollywoodfilm. Das findet zumindest die Tochter des insolventen Filmproduzenten Makintosh. Bald geht es in der Beziehungsanbandelei drunter und drüber.

Wenn der Wüterich nicht zupacken darf

Bei den Proben in der Staatsoperette sind unübersichtliche Zustände jedoch streng verboten. Regisseurin Cornelia Poppe und ihr Ensemble dürfen nie den Überblick verlieren und müssen alle Protagonisten streng auf ihre Plätze verweisen, sollte die Spiellaune mit ihnen durchzugehen drohen. "Das ist echt schwer. Schließlich gehen wir beim Theatermachen normalerweise sehr auf Tuchfühlung, sei es beim Spielen oder beim Tanzen", sagt Cornelia Poppe. Aber wie spielt man das, was am meisten nahegeht, mit Abstand? 

"All die Ideen, die dazu im Stück umgesetzt sind, haben wir gemeinsam erarbeitet", sagt Cornelia Poppe. Zum Beispiel die Szene, in der ein Wüterich seinen Gegner packt und schüttelt. Das Packen fällt aus. Keine Berührungen bitte! So schüttelt es den einen aus sich selbst heraus, während der Angreifer entsprechend gestikuliert. Ähnlich im Liebes-Spiel. "Wir haben eine hinreißende Szene, in der sich zwei Verliebte nahe kommen, ohne dass sie es wirklich tun", verrät die Regisseurin. Die beiden Solisten spielen so ergreifend, dass sich der Zuschauer nichts sehnlicher wünsche, als dass sie wirklich zusammen sein könnten.  

Requisiten für spitze Finger

Eine große Herausforderung sind auch Bühnenbild und Requisite. Kein Ding darf von zwei Künstlern berührt werden. Jedenfalls nicht an derselben Stelle. Übergeben sich in einer Szene zwei Darsteller ein Buch, dann greift es der eine am oberen und der andere am unteren Rand. Das Ganze mit ausgestreckten Armen - ohne dass es seltsam aussieht. "Viele Mitwirkende tragen Handschuhe. Zum Glück passt das gut zum Stück." So lasse sich die hygienische Notwendigkeit ganz unauffällig in die Kostüme integrieren.

Wenn sich am Sonnabend in der Staatsoperette der Vorhang für das "Märchen im Grand Hotel" hebt, wird Cornelia Poppe sehr aufgeregt sein. "Ganz sicher habe ich Lampenfieber, aber noch mehr freue ich mich darauf, unsere Arbeit endlich im Ganzen und vor Publikum zu sehen." Als sich die gebürtige Erfurterin trotz ihrer großen Liebe zum Film einst fürs Theater entschied, Medien- und Theaterwissenschaften studierte und nach sieben Jahren am Theater Gera nach Dresden kam, versprach dieser Weg spannende Zeiten. Solche wie diese waren unvorstellbar. "Corona macht unsere Arbeit sehr kompliziert", sagt sie, "aber das Allerschönste ist, dass sie wieder möglich ist." 

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