merken
PLUS Freital

Freitaler Pflegeheim im Lockdown-Modus

Von 88 Bewohnern im Haus Sonnengarten sind 80 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Auch 36 Mitarbeiter hat es erwischt. Wie geht das Heim damit um?

Unter Quarantäne: Im Haus Sonnengarten hat sich ein Großteil der Bewohner infiziert.
Unter Quarantäne: Im Haus Sonnengarten hat sich ein Großteil der Bewohner infiziert. © SZ/Tilman Günther

Der Herbstwind pustet das Laub über das Betonpflaster vor dem Heim. Die Blätter vollziehen lustige Kringel, doch das ist auch das einzige, was hier bei einem Blick aus dem Fenster momentan für Abwechslung sorgt. Das Pflegehaus Sonnengarten an der Pesterwitzer Straße in Freital-Wurgwitz steht unter Quarantäne. 

Alle Bewohner müssen in ihren Zimmern bleiben. Für die Mitarbeiter ist eine Arbeitsquarantäne angeordnet. Das heißt, sie dürfen nur zwischen Arbeitsplatz und ihrem Zuhause pendeln. Kein Einkaufsbummeln, keine sportliche Betätigung nach Arbeitsschluss, kein Besuch bei Verwandten oder Freunden. Denn das Corona-Virus hat hier voll zugeschlagen. 80 von fast 90 Bewohnern, hoch betagt und pflegebedürftig sowie 36 Mitarbeiter haben sich infiziert. Das ist ein trauriger Rekord im Landkreis. Wie konnte es dazu kommen? 

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

"Den Bewohnern geht es gut"

Ina Feist, die Geschäftsführerin des gleichnamigen Pflegedienstes, der das Haus Sonnengarten betreibt, ist schnell bereit für ein Telefonat. Und sie möchte gleich als Erstes etwas klarstellen: "Ja, wir haben viele Corona-Positive. Aber die meisten Bewohner und Mitarbeiter sind symptomfrei, haben weder Fieber noch Husten oder sonstige Beschwerden, die sich auf das Virus zurückführen lassen." 

Allerdings: Zwei Bewohner, die kürzlich positiv getestet wurden, seien leider im Krankenhaus verstorben. "Mit dem Virus, nicht an dem Virus", meint Ina Feist. Die beiden alten Menschen hätten schwere Vorerkrankungen gehabt. "Einer war langjähriger Dialyse-Patient."

Wie das Virus sich ausgerechnet in ihrer Einrichtung verbreiten konnte, kann sich Ina Feist nicht erklären. Im benachbarten Haus Sonnenblick, ebenfalls zum Pflegdienst Feist gehörend, ist weitestgehend alles in Ordnung. Dort gab es unter den Bewohnern bisher einen positiven Fall. Feist betont, man habe seit Monaten ein strenges Hygienekonzept. Besucher dürfen nicht mehr in die Zimmer, sondern können sich lediglich im Aufenthaltsbereich mit ihren Angehörigen treffen, und auch dort nur mit Mundschutz. Ebenso müssen alle Mitarbeiter im Haus Mundschutz tragen. Es gibt Desinfektionsmittelspender, immer wieder Belehrungen, es werde überall geputzt. Besucher mussten sich anmelden und ihre Daten hinterlassen. Das Virus hat sich dennoch rasant verbreitet.

Es begann am 7. Oktober, als ein Mitarbeiter sich testen ließ, weil er Symptome verspürte. Einen Tag später lag das Ergebnis vor: positiv. Der Mann gehört zum Hausmeisterteam, das in erster Linie für Reparatur- und Wartungsarbeiten überall im und am Gebäude zuständig ist. Die Hausmeister sind mitunter aber auch nah dran an den Bewohnern, erledigen zum Beispiel Fahrdienste. Laut Feist habe man sofort reagiert, die Hygienevorschriften nochmals verschärft und im Haus versucht, weitere Infektionen zu unterbinden.

Tiefenprüfung angesetzt

Obwohl am 8. Oktober klar war, dass das Virus im Haus unterwegs sein muss, dauerte es bis zum 19. Oktober, bis ein behördlich organisierter Massentest durchgeführt wurde. Zwischenzeitlich hatte eine weitere Mitarbeiterin über Symptome geklagt und wurde am 12. Oktober ebenfalls getestet. Auch bei ihr wurde das Virus nachgewiesen. "Ich mache niemanden einen Vorwurf, dass wir bis zum 19. mit dem Test warten mussten. Es sind verrückte Zeiten und die Behörden haben viel zu tun", sagt Ina Feist. Als alle Testergebnisse vorlagen und die Dimension klar wurde, erließ das Landratsamt am 22. Oktober eine Allgemeinverfügung für den Sonnengarten und ordnete strenge Quarantänemaßnahmen an.

Die Behörden interessieren sich angesichts der Zahlen nun auch für die Vorgänge im Heim. Wie der Pirnaer Landrat Michael Geisler (CDU) zur SZ sagte, laufe derzeit eine Tiefenprüfung. Es soll auch darum gehen, ob und welche Fehler eventuell gemacht wurden. Arbeitsberatungen, Besucherverkehr, das Ein- und Ausgehen von externen Diensten, die Küche - alles wird unter die Lupe genommen. Was im Sonnengarten passiert ist, soll sich nicht andernorts wiederholen. 

Denn schon bei niedrigen Zahlen droht unabhängig vom tatsächlichen Verlauf der Infektion eine Quarantäne. Und die ist anstrengend, wie Ina Feist bestätigt. "Bewohner und Mitarbeiter kommen an ihre Grenzen." Die meisten der corona-positiven Beschäftigten erscheinen nach wie vor zum Dienst - solange sie keine Symptome haben. Andernfalls sei ein Betrieb nicht aufrechtzuerhalten. Sie dürfen - von Kopf bis Fuß in komplette Schutzmontur gekleidet  - nur in die Bereiche, wo sich ohnehin positiv getestete Bewohner aufhalten. Die sitzen nun 24 Stunden täglich in ihren Zimmern - eine langweilige Qual vor allem für die vielen Dementen im Haus Sonnengarten. Sie sind in der Regel körperlich noch ganz gut drauf und haben einen hohen Bewegungsdrang.

Den können sie frühestens am kommenden Montag wieder ausleben. Dann gibt es erneut Tests. Kommt kein neuer Fall hinzu, endet die Quarantäne. 

Mehr Nachrichten aus Freital lesen Sie hier. 

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen. 

Mehr zum Thema Freital