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"Mama, dann gehen wir also nicht pleite?"

Maria Gentzsch führt mit Leidenschaft ihren Lindenhof. Jetzt wartet sie auf die versprochene Staatshilfe und kommt in schlaflosen Nächten auf gute Ideen.

Ihren Traum vom eigenen Restaurant hat sich Maria Gentzsch gleich nach ihrer Ausbildung erfüllt. Jetzt kämpft sie um ihren Optimismus, dass daraus kein Alptraum wird.
Ihren Traum vom eigenen Restaurant hat sich Maria Gentzsch gleich nach ihrer Ausbildung erfüllt. Jetzt kämpft sie um ihren Optimismus, dass daraus kein Alptraum wird. © Sven Ellger

Dresden. Dass die Welt Kopf steht, ist an den Stuhlbeinen zu sehen. Sie ragen in die Luft, zeigen zur Decke des Restaurants Lindenhof. Am Sonntag haben sich hier die Stammgäste die Klinke in die Hand gegeben. 

Sie kamen, um ein letztes Mal Hähnchenbrust Hawaii zu bestellen. Oder die hausgemachte Sülze. Am Hackepetertag hatte die Bundesregierung den neuen Lockdown verkündet. 

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Wir gegen Corona!
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Gemeinsam mit den Landkreisen und kreisfreien Städten hat die Staatsregierung weitere Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie beschlossen.

Seit jenem Mittwoch ist Maria Gentzsch kaum noch nach Hause gegangen. "So viele Menschen waren da, um noch einmal bei uns zu essen und sich zu verabschieden", erzählt die 34-Jährige.

Seit fünf Jahren führt sie in Tolkewitz ihr eigenes Restaurant. Schon während der Ausbildung zur Restaurantfachfrau war ihr klar, dass sie danach selbstständig sein will. Zunächst betrieb Maria ein Gartenlokal ganz in der Nähe, dann gab der frühere Lindenhofbesitzer seinen Eckladen an der Marienberger Straße auf.

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Am Sonntagabend, nach dem letzten Scheidebecher hat die Wirtin ihr Büro aufgeräumt und das Gestühl auf die Tische gestellt. "Obwohl ich wusste, dass es so kommen würde und darauf vorbereitet war, sind mir doch die Tränen gekommen", erzählt sie. Wann werden sich in ihrer Gaststube die Nachbarn des Viertels wieder dienstags zum Riesenschnitzel treffen? 

Oder zum Tanzabend? Die letzte Polonaise quer durch die Gaststätte scheint ewig her zu sein. So viele Jugendweihen, Jubiläen und Hochzeiten, die seit März nicht bei ihr gefeiert werden konnten.

"Am meisten habe ich um meine Mitarbeiter Angst"

Dann kam das Ausmessen und Tischerücken, das Desinfektionsmittel und der Mundschutz. Maria Gentzsch hat das nichts ausgemacht. Alles besser als Stillstand. Ihr kleines Team besteht aus drei Leuten, sie selbst mitgerechnet. 

Koch Oliver ist 27 Jahre alt, Kellnerin Birgitt die gute Seele des Hauses. "Am meisten habe ich um meine Mitarbeiter Angst", sagt die Chefin. Die will sie nicht verlieren. Wenn es irgendwie geht, stockt sie das Kurzarbeitergeld ein wenig auf. Aber viel Spielraum sieht sie dafür künftig nicht. Vor allem nicht, wenn es so kommt, wie sie befürchtet.

"Ich bezweifle sehr, dass wir im Dezember wieder öffnen dürfen", sagt Maria Gentzsch. Und wenn doch, wie wird der Januar? Woche für Woche hat sich die Verunsicherung ins Gastgewerbe gefressen. 

In Maria aber hat Corona auch Kampfgeist geweckt. Wenn sie nachts wach liegt, kreisen ihre Gedanken um die Frage: Was kann ich noch tun? Wie können wir trotz allem Geld verdienen? Rund 15.000 Euro braucht sie pro Monat für Löhne, Miete, Kredit. Wenigstens einen kleinen Teil davon will sie erwirtschaften. 

Eintrag ins Gästebuch: Das Restaurant Lindenhof in Tolkewitz hat viele treue Stammgäste, denen die Wirtin Maria Gentzsch sehr dankbar ist.
Eintrag ins Gästebuch: Das Restaurant Lindenhof in Tolkewitz hat viele treue Stammgäste, denen die Wirtin Maria Gentzsch sehr dankbar ist. © Sven Ellger

Schon am Mittwoch vor dem "Lockdown light", der für sie genau so schwer ist wie der erste, hat sie Flyer bestellt. Am Hiobs-Mittwoch waren sie da. 

"Mein bester Freund stand sofort bereit und hat die ersten 2.500 Stück im Stadtteil verteilt", sagt Maria Gentzsch. So wussten die Bewohner schon am Donnerstag, dass sie ab sofort ihr geliebtes Schweineschnitzel oder Bauernfrühstück auch bestellen und liefern lassen oder abholen können. "Von einigen Stammgästen habe ich noch am gleichen Abend Bestellungen per WhatsApp bekommen."

"Kommt trotz Corona der Weihnachtsmann?"

Maria hat zuhause davon erzählt. "Da fragte meine neunjährige Tochter: Mama, dann gehen wir also nicht pleite?" Wieder so ein Moment, der ihr die Tränen in die Augen treibt, als Mutter und als Unternehmerin. 

Auch die Frage der Kleinen, ob denn trotz Corona der Weihnachtsmann kommt, hat sie sehr berührt. Ihr Jüngstes ist gerade ein Jahr. Es bekommt von der Krise nur subtil etwas mit. "Ich bin so froh, dass mein Partner und meine Eltern so hinter mir stehen", sagt sie. Mama kocht und passt auf die Enkel auf, Papa liefert Essen aus, wenn es mal stressig wird.

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"Ich will kein Politiker sein, der all diese Dinge entscheiden muss", sagt Maria Gentzsch, "Leicht ist das bestimmt nicht." Doch sie habe das Gefühl, dass viele Entscheider die Sorgen und Nöte der Betroffenen nicht wirklich verstehen. 

Marias Rücklagen sind aufgebraucht, Anträge für die angekündigten neuen Staatshilfen noch nicht verfügbar. Ohne sich lange aufs Warten zu verlegen, hat sie weitere 2.500 Flyer drucken lassen: "Dienstag: Riesenschnitzel mit Pommes. Mittwoch: hausgemachter Hackepeter frisch durchgedreht".

Wenn sich die Welt irgendwann wieder bewegt, will sie ein Stadtteilfest feiern. Das ist ihr Traum. Schon als Gartenspartenwirtin hatte sie vor Jahren hunderte Gäste, mixte Cocktails und briet Roster im Akkord. 

"Das war einfach herrlich und fehlt hier in Tolkewitz." Da könne man die Leute ganz sicher begeistern. "Und bis dahin tue ich alles dafür, dass wir die harte Zeit überstehen."

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