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Griechenlands gefeuerte Corona-Helden

Die Regierung geht besonders rigoros mit Ungeimpften im Gesundheitssektor um. Wer nicht geimpft ist, darf nicht mehr arbeiten.

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So wie hier in Athen demonstriert ungeimpfte Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen derzeit in vielen griechischen Städten.
So wie hier in Athen demonstriert ungeimpfte Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen derzeit in vielen griechischen Städten. © Ferry Batzoglou

Von Ferry Batzoglou

Es ist wie beim Sirtaki-Tanz, fängt ganz langsam an und wird dann immer schneller. Es sind die ersten Niederschläge nach gefühlt unendlichen Monaten in der Vier-Millionen-Metropole Athen, die an diesem Freitag ganz allmählich beginnen, dann wird der Regen immer heftiger.

Doch Despina Tsaousidou bleibt an diesem trüben Morgen unbeirrt vor einem schmucken, neoklassizistischen Gebäude in der Athener Innenstadt stehen, so wie es Hunderte andere Demonstranten tun. Sie skandieren „Gestern Helden, heute suspendiert!“ Sie halten Transparente, auf denen Parolen stehen wie „Wir sagen ‚Nein‘ zum Zwang!“ oder „Ohne Freiheit keine Gesundheit“.

Despina Tsaousidou ist Krankenpflegerin, 40 Jahre alt, seit 18 Jahren in diesem Beruf. Seit sechs Monaten arbeitet sie in der Notaufnahme im öffentlichen Großkrankenhaus im südwestlichen Athener Arbeitervorort Nikäa. Normalerweise. Aber seit ein paar Wochen darf sie das nicht mehr. Der Grund dafür: Sie ist nicht gegen das Coronavirus geimpft.

Ihr Vorgesetzter habe sie am Arbeitsplatz aufgesucht, erzählt sie. „Er sagte mir: ‚Despina, du wirst suspendiert, falls du dich jetzt nicht impfen lässt.‘ Ich habe ihn sofort gefragt: ‚Erpressen Sie mich?‘ Er antwortete: ‚Nein, natürlich nicht. Aber du musst dich impfen lassen, Despina.‘ Ich fragte ihn: ‚Können Sie mir garantieren, dass mir nichts passiert?‘ Ich bin eine alleinerziehende Mutter, habe ein Kind.“

Für die Krankenpflegerin ist die Sache klar, aber nicht so, wie es sich ihr Vorgesetzter wünscht. Sie lässt sich nicht impfen. „Über meinen Körper bestimme ich. Sonst niemand. Das ist nicht verhandelbar.“ Der Haken dabei ist, dass dies Folgen für sie hat. Schwerwiegende. Beruflich, finanziell, sozial. Tag für Tag.

Nirgends in Europa geht eine Regierung härter gegen Ungeimpfte vor als in Griechenland. Es gibt nicht nur Einschränkungen für sie im Alltag, so wie auch anderswo. In Bars, in Restaurants, Kinos, Theatern. Die Regierung in Athen geht weiter: Einsatzkräfte der Spezialeinheit zur Bekämpfung von Katastrophen, die sich nicht impfen lassen wollen, wurden im Juni kurzerhand vom Chef der Behörde vom Dienst suspendiert.

Dann stellte die konservative Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis den Beschäftigten im Gesundheitssektor ein Ultimatum: Ob Ärzte, Krankenpfleger, Verwaltungsangestellte oder Techniker in den Krankenhäusern und kleineren Gesundheitszentren oder Erwerbstätige im öffentlichen Rettungsdienst EKAB: Ungeimpft dürften sie ab dem Stichtag 1. September nicht mehr arbeiten, so lautete die Ansage. Und dies, obgleich sie Vollbeamte sind.

Suspendierte bekommen kein Geld

Ferner erhält das suspendierte Personal kein Gehalt mehr. Null Euro. Wer suspendiert ist, kann sich nicht einmal arbeitslos melden, um Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Und solange sie suspendiert sind, wird diese Zeit auch nicht für ihre Rente angerechnet. Eine „tote“ Zeit, wie Arbeitsrechtler in Athen monieren.

Wer sich impfen lässt, darf sofort auf seinen Arbeitsplatz zurück. Nur ein Stich reicht. Selbst im krisengeschüttelten Griechenland, das nach dem faktischen Staatsbankrott im Frühjahr 2010 ein qualvolles Jahrzehnt rigoroser Sparpolitik inklusive massivem Lohn- und Sozialdumping über sich hat ergehen lassen müssen, ist so ein Umgang einmalig. Griechischen Beamten, die etwa wegen irgendwelcher Verfehlungen vom Dienst freigestellt werden, sogar jene, die sich beispielsweise wegen schlimmer Sexualdelikte zu verantworten haben, steht per Gesetz die Hälfte ihrer regulären Bezüge zu. Nicht so für Ungeimpfte.

Dennoch: Laut offiziellen Angaben zogen es per 1. September 6.412 Beschäftigte in Krankenhäusern und Gesundheitszentren sowie 500 Beschäftigte im Rettungsdienst EKAB vor, sich nicht impfen zu lassen. Das entspricht einem Anteil von etwa sechs Prozent aller Beschäftigten im Gesundheitssektor. Das klingt nach nicht viel. Schließlich sind derzeit erst 60 Prozent der knapp elf Millionen Griechen vollständig geimpft. Umgekehrt haben also 40 Prozent der Griechen noch keinen Impfschutz gegen Corona.

Dabei hat Hellas in der Corona-Pandemie bereits 15.375 Sterbefälle zu beklagen. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt aktuell bei 165, insgesamt liegen 357 Corona-Patienten auf den Intensivstationen.

Der griechische Gesundheitsminister Thanos Plevris, ein strammer Rechtsaußen in der Regierungspartei Nea Dimokratia, der auch schon mit antisemitischen Äußerungen unangenehm auffiel und erst kürzlich ins Amt gehievt wurde, bleibt jedenfalls hart. Unverhohlen sagt er: „So wie ein Arzt in einer Krebsklinik das Recht hat, sich nicht impfen zu lassen, so hat ein Patient das Recht darauf, sich nur von einem geimpften Arzt behandeln zu lassen.“ Eine Kampfansage. Das Tauziehen zwischen Minister Plevris und den Ungeimpften im Gesundheitssektor geht weiter. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mit jedem Tag wächst die Wut, gar Empörung der Geschassten. Fast täglich finden in Athen, Thessaloniki, Patras, Korfu, Kreta oder anderswo Demonstrationen statt. Wie an diesem regnerischen Oktobertag vor Griechenlands Oberstem Verwaltungsgericht. Der Anlass: Gleich über zehn Anträge gegen den Impfzwang verhandelt das Gericht, unter anderem einen von der Dachgewerkschaft der Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitssektor. Die unnachgiebige Krankenpflegerin Despina Tsaousidou, die vor dem Gebäude protestiert, weiß: Klarheit über ihre Zukunft wird sie heute nicht bekommen. Die Mühlen der Justiz mahlen auch zu Füßen der Akropolis langsam: Die Urteile werden in rund drei Monaten erwartet.

Despina Tsaousidou ist seit 18 Jahren Krankenschwester, Seit Wochen darf sie das nicht mehr tätig sein, denn sie will sich nicht gegen Corona impfen lassen.
Despina Tsaousidou ist seit 18 Jahren Krankenschwester, Seit Wochen darf sie das nicht mehr tätig sein, denn sie will sich nicht gegen Corona impfen lassen. © Ferry Batzoglou

So geht der Protest weiter. Buchstäblich im Regen steht auch Dimitris Efthymiadis, 58, ein erfahrener Chefarzt vom Rettungsdienst EKAB. Auch er ist suspendiert. So muss er auf sein ohnehin nicht üppiges Monatsgehalt in Höhe von 1.924,42 Euro netto verzichten. Was Dimitris Efthymiadis aber weit mehr als das verlorene Geld umtreibt: „Ich kann nicht mehr meinen Patienten helfen. Wieso?“

Zisis Delichas, 43, Nuklearmediziner von der renommierten Athener Geburtsklinik „Alexandra“, muss ohne sein Gehalt von 1.200 Euro netto mit seiner Frau und einem Kind in der teuren Metropole Athen über die Runden kommen. Doch auch er will sich dem Impfzwang nicht beugen. Sein weißer Arztkittel ist schon ganz nass vom Regen, als er das beteuert.

Der Elektriker Thomas Satos, 52, schwarze Lederjacke, darf nicht mehr in der Araiterio-Klinik arbeiten. Ohne sein Monatsgehalt von 800 Euro könne er sich nicht mehr eine Miete leisten, sagt er. Notgedrungen wohne er bei seiner Schwester. Um die Ausgaben für das Studium seiner Tochter decken zu können, habe er sich Geld von seinem Schwager leihen müssen. Lapidar sagt er: „Ich lüge nicht: Es gibt Tage, da hungern wir.“

Wer glaubt, die unter Dauerregen Versammelten vor dem Gericht seien bloß verwirrte Corona-Leugner, religiöse Fanatiker, irre Verschwörungstheoretiker oder gleich alles auf einmal, die Bill Gates, Big Pharma und den berühmt-berüchtigten Great Reset verfluchen, der irrt gewaltig. Die Ungeimpften im Kittel stellen klar, dass sie keine generellen Impfgegner seien. Dimitris Efthymiadis, der EKAB-Chefarzt, sagt: „Wir sind Mediziner, Wissenschaftler. Wie könnten wir gegen den wissenschaftlichen Fortschritt sein?“

Die Corona-Impfstoffe sehen sie jedoch kritisch, wie alle hier erklären. Weil sie nicht ausreichend erprobt seien, weil sie Nebenwirkungen hätten. Einhellig fordern sie von der Regierung in Athen: „Nehmt die Suspendierungen zurück! Sofort!“ Sie würden sich ja ständig testen lassen, die Schutzmaßnahmen penibel einhalten. So wie seit Ausbruch der Pandemie.

Dafür sind auch viele Griechen, die gar nicht im Gesundheitssektor tätig sind. Bei ihren Demonstrationen in diesen Tagen in den Athener Straßen ist auch die Regenbogenfahne, das Symbol der Lesben- und Schwulenszene, zu sehen. Die Protestler fürchten, dass nach dem Impfzwang für das Gesundheitspersonal auch die Freiheit anderer Minderheiten, Andersdenkender und Anderslebender in Gefahr geraten könnte. Nach dem Prinzip: „Heute die, morgen wir.“ So lautet ihr Motto: „Kein Impfzwang, keine Ausgrenzung von Ungeimpften, auch im Gesundheitssektor.“

Kliniken fehlt das Personal

Das Fehlen des suspendierten Gesundheitspersonals sei in den Krankenhäusern spürbar, sagt Gewerkschafts-Chef Michalis Jannakos. Sein schlichtes Büro liegt in einem unscheinbaren Gebäude genau gegenüber dem Gesundheitsministerium in Athen. Ein „akuter Personalmangel“ herrsche im Gesundheitssektor nach dem chronischen Sparkurs, klagt Jannako. Zehntausende Stellen seien unbesetzt, nun kämen noch die Suspendierungen des ungeimpften Personals hinzu. Ein Unding.

„Dabei haben wir mit fast 95 Prozent in unseren Reihen die höchste Impfquote in ganz Griechenland“, sagt Jannakos, ein erklärter Impfbefürworter. Für die harte Haltung der Regierung habe er kein Verständnis. „Kein Patient fragt, ob sein Arzt geimpft ist oder nicht. Ist es besser, wenn der gar nicht da ist? Wir brauchen jeden Arzt, jeden Pfleger, alle in der Verwaltung.“

Er nennt Beispiele: Im Krankenhaus der Kykladeninsel Naxos, einem beliebten Urlaubsziel, würden beide Chirurgen fehlen. Im Krankenhaus von Kefallonia, einer Urlaubsinsel im Ionischen Meer, sei nun der einzige Pathologe vom Dienst freigestellt. Im Krankenhaus „Aghia Olga“ im dicht besiedelten nördlichen Athener Vorort Nea Ionia fehlten nun fast 50 der 700 Beschäftigten.

So wie Aspa Kouroupakis. Sie demonstriert in diesen turbulenten Tagen viel, diesmal vor dem Athener Parlament. Wieder einmal. Die 44-jährige Mutter von vier minderjährigen Kindern ist Biologin. Im Krankenhaus „Aghia Olga“ ist sie im Labor für Krebsdiagnose tätig. „Ohne jeglichen Kontakt mit Patienten“, wie sie betont.

Auch sie habe Vorbehalte in Sachen Corona-Impfstoffe. Zuerst habe sie nicht daran geglaubt, dass die Regierung den Impfzwang durchziehen werde. Ob sie sich nicht doch irgendwann impfen lassen wird? Aspa Kouroupakis schüttelt den Kopf. „Ochi!“ – Nein. Ihre Augen funkeln, als sie das sagt.

Dem pflichtet auch Maria Jordanidou bei. Auch sie ist ungeimpft. Dabei hat die 54-Jährige ihr Gehalt von 800 Euro netto pro Monat, das sie als Verwaltungsangestellte im Krankenhaus im Athener Vorort Nikäa eigentlich bezieht, bitter nötig. Ihr Mann musste 2016 in der Finanzkrise seine Möbelfabrik schließen, heute verdingt er sich in einem Teilzeitjob für 400 Euro. Rechnungen für Wasser und Strom könne sie nicht mehr bezahlen, auch Kreditraten könne sie nicht mehr tilgen. Es gehe jetzt ums schlichte Überleben.

Maria Jordanidou ist verbittert. Man sieht das, man hört das. „In der Corona-Pandemie waren wir an vorderster Front tätig, wir waren die Helden. Nun fliegen wir hochkant raus“, ätzt sie.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem sie eine Impfung gegen Corona wenigstens erwägen, Frau Jordanidou? „Diesen Punkt gibt es nicht. Ich habe das Recht auf Selbstbestimmung. Es geht um meine Würde. Egal, wie oft sie uns auf den Boden werfen, wir werden wieder aufstehen.“