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Großweitzschen: Corona-Fall wirft Fragen auf

Ein positives Testergebnis im Großweitzschener Ortsteil Westewitz lässt die Gerüchteküche brodeln. Und wirft so manche Frage auf.

Aufgrund von positiven Corona-Fällen fehlen derzeit einige Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in Großweitzschen.
Aufgrund von positiven Corona-Fällen fehlen derzeit einige Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in Großweitzschen. © André Braun

Region Döbeln. Zunächst war er zu Hause ans Bett gefesselt. Kam nicht mehr raus, hatte keinen Appetit. Kopf und Glieder schmerzten. Der Geschmackssinn war weg. Hinzukamen die Schweißausbrüche. Dann wäre er fast zusammengebrochen. „Da hat meine Lebensgefährtin den kassenärztlichen Notdienst informiert“, erzählt der 60-jährige Vater von Carsten Lange. Mit dem Krankenwagen wurde der Mann in die Klinik nach Merseburg eingeliefert. Dort wird er noch immer auf der Isolierstation betreut.

Langes Vater lebt in Sachsen-Anhalt, beruflich ist er jedoch in der Gemeindeverwaltung in Großweitzschen tätig. Und hier lebt auch Carsten Lange mit seiner Familie. Zu der gehören drei Kinder im Alter von drei, sieben und zehn Jahren. Doch diese haben keinen Kontakt zu ihrem Opa, versichert der Westewitzer. 

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Er hingegen schon, in der vergangenen Woche, bevor der Vater krank wurde. „Ich stand neben ihm, mit weniger als 1,50 Meter Abstand, und bin in der Woche zuvor mit ihm in einem Auto gefahren“, schildert der 37-jährige Familienvater. Er sieht sich selbst als Kontaktperson. 

Aber vom Gesundheitsamt, weder aus Sachsen-Anhalt, noch von Mittelsachsen, wurde er bisher nicht angerufen. Vielmehr hat er sich selbst an die mittelsächsische Behörde gewandt. Der Grund: Sein Sohn durfte die Grundschule nicht mehr besuchen. Weil im Dorf erzählt worden sei, dass der Opa am Coronavirus erkrankt ist, deswegen sogar im Koma liege.

Grundschulkinder bleiben vorerst zu Hause

„Die Grundschule hat am Montag meine Frau angerufen und gefragt, ob mein Sohn Kontakt zum Opa hatte“, erzählt Lange. Die Familie verneinte. Am Dienstag schickte sie den Sohn wie gewohnt in die Schule. Dort bleiben durfte er nicht. Die Eltern wurden angerufen und sollten ihren Sohn wieder abholen. Der Grund: Der Vater selbst hatte Kontakt zum Opa, gilt als Kontaktperson. Daraufhin hat sich Langes Frau auch in der Kita und der Oberschule in Leisnig erkundigt, wie es weitergehen soll. 

Alle drei Kinder blieben zunächst zu Hause. Der Westewitzer ging zum Test und stellte den Kontakt zum Gesundheitsamt her. Dort sei ihm versichert worden, dass die Kinder die Einrichtungen besuchen dürfen. „Sie sind doch der Erstkontakt und nicht die Kinder“, wurde Lange gesagt. „Auf welcher Basis dürfen die Kinder nicht in die Schule“, sei er vom Gesundheitsamt gefragt worden. 

Seine kleine Tochter geht seit Mittwoch wieder in die Kita „Wirbelwind“. Dort habe man sich auf die tägliche Gesundheitsbestätigung berufen, sagt Lange. Mit ihrer Unterschrift versichern die Eltern jeden Tag, dass das Kind gesund ist und keinen Kontakt zu einer direkt infizierten Person hatte. Mit den beiden Schulen hat sich die Familie darauf geeinigt, dass die Kinder bis zur Vorlage des Testergebnisses zu Hause bleiben.

Lange ist jedoch verärgert über die Umstände, die sich aus den Gerüchten heraus ergeben haben. Schließlich müssen die Kinder auch betreut, die Eltern daher vom Arbeitgeber freigestellt werden. „Das stellt einen schon erstmal vor Probleme“, sagt er. Auch sein Vater sei sauer gewesen, als er erfahren habe, dass wegen ihm die Enkel aus Schule und Kita geholt werden mussten, obwohl es keinen Kontakt zu ihm gab.

Schulen in der Region Döbeln verweisen an Behörde

Doch auch für die Schulen ist die aktuelle Situation schwierig, gerade was Kinder angeht, in deren Familien es Corona-Fälle gibt. Kristin Dorias-Thomas, Leiterin der Peter-Apian-Oberschule in Leisnig, sei in den vergangenen Tagen schon öfter von ratlosen Eltern angerufen worden, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten.

Sie rät den Müttern und Vätern, sich mit dem Gesundheitsamt in Verbindung zu setzen, so wie es auch das Sächsische Kultusministerium (SMK) in seinen Empfehlungen vorsieht. Die Behörde soll entscheiden, ob das Kind, obwohl es vielleicht nur entfernt eine Kontaktperson ist, die Schule oder Kita besuchen darf. Um die anderen in der Schule zu schützen, bittet Dorias-Thomas die Eltern, die Kinder bis zur Klärung zunächst zu Hause zu lassen.

Ähnlich verfährt auch Diana Hörnig, Leiterin der Grundschule in Großweitzschen. „Sobald wird die Information erhalten, dass die Kinder Kontakt hatten, lassen wir sie abholen“, sagt Hörnig. Viele Eltern seien auch vernünftig und ließen die Kinder von sich aus zu Hause. Auch Hörnig verweise die Mütter und Väter zur Klärung der Situation an das Gesundheitsamt. 

„Bis zur Entscheidung des Gesundheitsamtes kann die Schulleitung vorübergehende Maßnahmen anordnen“, sagt Dr. Susann Meerheim, Referentin am SMK. Trotzdem bleibt die Unsicherheit, selbst in den Kitas, wie Steffen Kinle, Leiter der Kita Pfiffikus in Großweitzschen, deutlich macht. „Wir sitzen zwischen den Stühlen und fühlen uns allein gelassen.“

Quarantänepflicht für Erstkontakte?

Doch dass selbst das Gesundheitsamt offenbar nicht immer weiterhelfen kann, zeigt noch ein weiterer Aspekt der Geschichte von Carsten Lange. Denn bisher ist er von der Behörde nicht in Quarantäne geschickt worden. Obwohl er am Telefon als „Erstkontakt“ eingestuft worden sei. Und für jene gilt die Quarantänepflicht, wie Kreissprecher André Kaiser auf Nachfrage betont. Damit hätte müssen für den 37-Jährigen auch ein Test angeordnet werden. 

Um jenen habe er sich stattdessen selbst bei seiner Hausärztin gekümmert. Sein Arbeitgeber habe ihn freigestellt, solange bis das Testergebnis vorliegt. Auch alle Personen, mit denen er zuletzt in Kontakt stand, habe er Bescheid gegeben, dass er sich hat testen lassen.

Gemeindeverwaltung in Großweitzschen geschlossen

Jörg Burkert, Bürgermeister in Großweitzschen bestätigt indes, dass es in der Verwaltung mit Stand Mittwoch zwei positiv getestete Mitarbeiter im Bauhof gibt. Insgesamt fehlten aufgrund dessen derzeit fünf Mitarbeiter.

„Die Verwaltung ist für den Besucherverkehr geschlossen. Es werden nur unaufschiebbare Anliegen mit Terminvergabe bearbeitet. Der Bauhof kann nur eingeschränkt tätig sein“, schildert Burkert die Folgen. Er geht davon aus, dass sich seine Mitarbeiter beim Umzug der Bewohner aus dem Brandhaus am Waldrand infiziert haben. „Zum Zeitpunkt des Umzugs waren sie gesund“, versichert Burkert. 

Das Gesundheitsamt sei unverzüglich informiert worden, nachdem ein Mitarbeiter positiv getestet worden sei, so das Gemeindeoberhaupt weiter. Ob die Behörde inzwischen alle Kontaktpersonen ermittelt habe, dazu konnte er keine Auskunft geben.

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Langes Vater verfolgt die Diskussionen in der Gemeinde aus der Ferne, und erholt sich von seinem Infekt. Das Fieber ist gesunken. Der Geschmacks- und Geruchssinn wieder da. „Ich hab das immer auf die leichte Schulter genommen. Nun denk ich anders“, schrieb er seinem Sohn.

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