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SOE: "Wir haben die Bürgermeister um Hilfe gebeten"

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung wünscht sich mehr Ärzte, die beim Impfen mitziehen - auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Von Gabriele Fleischer
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Der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Klaus Heckemann in seiner Praxis in Dresden. Der KVS-Vorsitzende impft nicht nur seine eigenen Patienten.
Der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Klaus Heckemann in seiner Praxis in Dresden. Der KVS-Vorsitzende impft nicht nur seine eigenen Patienten. © Kassenärztliche Vereinigung Sac

Während sich inzwischen mehr Fachärzte zum Impfen gegen das Corona-Virus entschließen, bieten es noch immer nicht alle Hausärzte an. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge waren es zuletzt 110 von 132 Hausarztpraxen, die bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) in der letzten Novemberwoche gemeldet waren. Von den 110 Facharztpraxen im Landkreis beteiligten sich da 29, eine Woche zuvor 22. Warum angesichts der steigenden Anzahl der Erkrankungen noch immer nicht alle Ärzte mitziehen und was die Hausärzte fordern, darüber hat Sächsische.de mit Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KVS, gesprochen.

Herr Heckemann, warum impfen Sie, und das am Wochenende sowie nicht nur Ihre eigenen Patienten. Selbst Testen bieten Sie noch an. Wie schaffen Sie das als KV-Vorsitzender?

Ich habe den Vorteil, dass meine Frau und eine angestellte Ärztin mit in der Praxis arbeiten, und wir uns die Arbeit teilen können. Ich nehme auch Urlaubstage, um mich zeitweise von den Verpflichtungen durch die Kassenärztliche Vereinigung frei zu machen. Aber natürlich müssen die Arbeit für meine Patienten und die Versorgung von Pflegeheimbewohnern weitergehen. Dass ich Adventwochenenden mit zum Impfen nutze, ist für mich in der gegenwärtigen Situation wichtig. Aber diese Bereitschaft kann man nun wirklich nicht von jedem verlangen.

Warum impfen aus Ihrer Sicht immer noch nicht alle Hausärzte in Sachsen ?

Natürlich spielt die Überlastung eine Rolle, wenn Ärzte allein sind. Trotzdem sehen noch nicht alle die Notwendigkeit ein, beim Impfen mitzuhelfen, auch wenn der Stress für einige Wochen besonders hoch ist. Momentan werden sachsenweit in Arztpraxen 185.000 Menschen geimpft, 32.000 in Impfzentren kommen dazu. Schaffen wir 300.000, hätten wir es bis zum Jahresende geschafft all die zu impfen, die wir Ärzte von der Notwendigkeit überzeugen konnten und die es selbst wollen. Denn viele haben Sorge, auch ihre Auffrischungsimpfung nicht rechtzeitig zu bekommen oder haben inzwischen die Gefahr erkannt. Die Praxen würden es auch ohne eine erhebliche Erweiterung der Impfzentren, die mit viel Geld wieder hochgefahrenen sind, schaffen

Gibt es Unterschiede in den Landkreisen? Ich denke auch an die hohe Belastung speziell im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Natürlich gibt es Unterschiede. Wenn wie im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge die Erkrankungszahlen steigen und die Anzahl der Impfgegner besonders hoch ist, können die Ärzte, die vom Impfen überzeugt sind und es auch anbieten, die hohen Erkrankungszahlen nicht stoppen. Mit 17 Praxen, die neben den eigenen Patienten auch fremde impfen, das sind sieben auf 100.000, liegt der Landkreis aber im guten Durchschnitt und gleichauf mit Dresden. Auch mal ein positives Signal.

Aber es gibt auch unter Ärzten Impfgegner.

Ja, das kommt dazu. Die Ärzteschaft ist auch ein Abbild der Bevölkerung des jeweiligen Landkreises und leider gibt es auch unter denen Impfgegner. Und wenn ein Leipziger Arzt, der bis zur Kündigung der Kooperation durch die Universität auch noch Lehrpraxis war, behauptet, impfen sei Körperverletzung und nur dem gesellschaftlichen Zwang geschuldet, dann müssen wir als KV und impfende Ärzte dem entschieden entgegentreten. Impfen war noch nie eine Körperverletzung. Es ist ein Angebot und angesichts der Menschen, die aus heiterem Himmel an der Infektion versterben, ein Gebot der Stunde. Alle öffentlich empfohlenen Schutzimpfungen werden nur nach ärztlicher Aufklärung und individueller Einwilligung gegeben.

Kapitulieren möglicherweise auch einige der Ärzte wegen der Anfeindungen und Angriffe der Impfgegner?

Das glaube ich nicht. Ich hatte auch mal einen Zettel von Impfgegnern im Briefkasten. Doch flächendeckend ist so etwas nicht. Viele Menschen stehen ja Schlange, eben weil sie eine Impfung wollen.

Sind Sie für eine Impfpflicht?

Nein, aber möglicherweise ist es für bestimmten Berufsgruppen wie Pflegern in Altenheimen doch erforderlich. Ich bin allerdings kein uneingeschränkter Impfbefürworter und würde in meiner Praxis keine Kinder impfen. Darüber sollen die Kinderärzte entscheiden.

Sind Forderungen nach Entlastung, die 20 Ärzte, darunter auch aus Dohna und Heidenau, in einem Brief an den Ministerpräsidenten und die Sozialministerin gestellt haben, aus Ihrer Sicht berechtigt?

Ich kenne diesen Brief. Aber ich glaube, er ist in der momentanen Situation nicht konstruktiv. Wie müssen zeigen, was geht und uns nicht über das aufregen, was nicht geht. Als Kassenärztliche Vereinigung haben wir unsere Mitglieder in Mails aufgefordert, bis zum Jahresende mit durchzuziehen. Das kostet Kraft, hilft aber allen.

Das heißt, die Ärzte schaffen das aus Ihrer Sicht ohne Hilfe?

Natürlich können wir Unterstützung gebrauchen. Deshalb hat die KV Bürgermeister um Hilfe gebeten. Für die Ärzte in ihren Kommunen könnten die Verwaltungen für diese begrenzte Zeit, die wir noch für das Impfen benötigen, mit den Bürgern Termine koordinieren, schauen, wer wann mit der Impfung dran ist. Diese Listen müssten die Ärzte dann abarbeiten. Dafür brauch es keine medizinische Vorbildung. Aber genau das hält uns derzeit in den Praxen von anderen Aufgaben ab oder führt zu extrem langen Arbeitszeiten und legt die Telefonanlage lahm.

Und die Hilfe durch Impfzentren?

Da bin ich prinzipiell in einer solch angespannten Situation, wie wir sie gerade haben, nicht dagegen. Auch wenn ich Ende Oktober überzeugt war, dass, wenn alle Ärzte mitmachen, das zu schaffen ist. Dann aber gab es immer wieder andere Regelungen hinsichtlich des Alters der zu Impfenden oder der Zeiträume zwischen den Impfungen. Auch unser neuer Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte seine Meinung innerhalb von 18 Tagen hinsichtlich des Alters der zu Boosternden geändert. Daraufhin wurden wir regelrecht überrannt, weil viele Menschen Angst bekamen.

Könnte die bei einigen Ärzten fehlende Impfbereitschaft auch an der Honorierung liegen?

Nein, denn das Honorar ist bereits von 20 auf 28 Euro und am Wochenende sogar auf 36 Euro pro Impfe aufgestockt worden. Für kaum eine andere Leistung bekommen wir so viel Geld. Allerdings sollte das Geld nicht die wesentliche Motivation sein.

Zur Person: Allgemeinmediziner Dr. Klaus Heckemann ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Die Vertreterversammlung, der er vorsteht, ist bis 2022 gewählt. Unter den 40 Mitgliedern sind 16 Hausärzte, 20 Fachärzte sowie vier Psychotherapeuten. Der 65-Jährige hat seit 1988 eine eigene Praxis in Dresden.