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Kita-Eingewöhnung: „Mami, bitte geh nicht weg!“

Die Corona-Pandemie hat die Eingewöhnung in Kitas noch schwerer gemacht. Sachsens Pädagogen helfen beim Loslassen.

Von Stephanie Wesely
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Trennungsschmerz: Vielleicht können die vielen bunten Bausteine ablenken?
Trennungsschmerz: Vielleicht können die vielen bunten Bausteine ablenken? © 123rf

Das Mädchen klammert sich in der Kita fest an ihre Mutter. „Bitte geh’ nicht weg“, ruft die Zweijährige schluchzend. Doch das wird die Mutter wohl müssen, denn sie hat nach der Elternzeit einen neuen Job angefangen.

Katrin Meisner kennt solche Szenen. Sie leitet die Kita „Sonnenblume“ in Chemnitz und weiß, wie sich Eltern in solchen Momenten fühlen. „Den Kindern geht es gut in der Kita. Darauf können sich die Eltern verlassen“, sagt sie. Erzieher in Sachsen seien sehr gut ausgebildet und gingen sensibel mit solchen Situationen um, sodass die Tränen wirklich nur eine Momentaufnahme seien.

Sie räumt aber auch ein, dass sich die Pandemie sehr stark auf die Psyche der Kinder ausgewirkt habe. „Nach der Schließung haben viele Kinder wieder von vorne angefangen. Sie brauchten eine neuerliche Eingewöhnungszeit.“ Der Lockdown habe auch dazu geführt, dass begonnene Eingewöhnungsphasen abgebrochen werden mussten oder in der Zeit der Notbetreuung stattfanden. „Das war für die Kinder eine große Belastung“, sagt die Kita-Leiterin.

Spiel- und Beschäftigungstipps für die Eltern

Auch die Situation nach der Wiederöffnung der Kitas war eine besondere: Viele Eltern mussten von einem Tag auf den anderen wieder zur Arbeit gehen. Über Wochen stundenweise gesteigerte Eingewöhnungen waren da oft nicht drin. Meisner: „Auch für uns waren die Erfahrungen neu.“ Man habe aber Möglichkeiten gefunden, den Kindern den Wiedereintritt in die Kita zu erleichtern.

„Damit sie durch die vielen Kinder und den Lärmpegel nicht gleich überfordert werden, haben wir einen Extraraum geschaffen, wo sie allein mit einer Erzieherin waren und sich Schritt für Schritt an die anderen Kinder gewöhnen konnten.“ Wo es möglich war, durften Mutter oder Vater anfangs stundenweise anwesend sein. Diesen Weg nutze man in der Chemnitzer Kita auch, wenn Kinder durch Krankheit längere Zeit ausgefallen sind.

„Vor allem haben wir den Kontakt während des Lockdowns nie ganz abreißen lassen“, so Katrin Meisner. Das hätte ihnen auch die Wiedereingewöhnung erleichtert. „Wir haben den Kindern Videobotschaften nach Hause geschickt, den Eltern Spiel- und Beschäftigungstipps mit ihren Kindern gegeben.“

Probleme in der Interaktion mit Gleichaltrigen

Am schwierigsten sei die Eingewöhnung für Kinder gewesen, die in der Zeit der Pandemie geboren wurden. „Da ihnen bis zum Kita-Eintritt der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlte, gab es häufiger Trennungsprobleme, als uns das vorher aufgefallen ist.“ Anfangs waren sogar Spielplätze geschlossen, die Großeltern und andere Familien sollten nicht besucht werden – Möglichkeiten der Fremdbetreuung gab es kaum. Das alles hat Spuren bei den Kindern hinterlassen.

Diese Beobachtungen teilt auch Professor Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinderpsychiatrie am Uniklinikum Dresden. „Sowohl im Privaten als auch bei unseren Patienten beobachten wir mehr Probleme in der Interaktion mit Gleichaltrigen nach den Besonderheiten der Corona-Pandemie.“ Ein Teil der Kinder habe Schwierigkeiten beim gemeinsamen Spiel, beim Aushandeln von Kompromissen oder in Streitsituationen. „Hier fehlt einfach die Lernzeit in einer Gruppensituation.“

Inzwischen ist wieder ein nahezu normaler Alltag möglich. Die Kitas in Sachsen bieten eine individuelle Eingewöhnungszeit an, die vier Wochen und länger dauern kann, denn jedes Kind habe sein eigenes Tempo. Tränen und Trennungsschmerz werde es trotzdem immer mal wieder geben, so Rößner. Sie seien eine normale Reaktion, denn Übergänge in eine andere Umgebung machten den meisten Kindern anfangs zu schaffen.

Bewährtes Eingewöhnungsmodell in Sachsen angeboten

In vielen Familien ist der Kita-Besuch die erste wirkliche Trennung von den Eltern. Deshalb hilft die Eingewöhnung beiden Seiten. Eltern können das Loslassen lernen, Kinder das Zusammenleben mit Gleichaltrigen in der Gruppe.

In Sachsen wird jetzt wieder das vor Corona bewährte Eingewöhnungsmodell angeboten. Am ersten Tag darf das Kind allein mit Erzieher oder Erzieherin und einem Elternteil seine neue Umgebung erkunden – zu einer Zeit, wo die anderen Kinder schon zu Hause sind. Kontakt zur Gruppe gibt es am zweiten Tag. Das Kind ist dann etwa eine Stunde mit den anderen zusammen. Mutter oder Vater sind mit dabei. Die Eltern müssten da gar nicht viel tun: „Einfach da sein als sicherer Hafen“, so Katrin Meisner.

Ab der zweiten Woche wird der Aufenthalt auf zwei Stunden gesteigert, in der dritten wird gemeinsam Mittag gegessen, in der vierten halten sie dann eventuell mit Mittagsschlaf. Brauchen Kinder eine Woche länger, sei das kein Problem. Erleichtern könnte man den Kindern den Kitabesuch, wenn man sich auch zu Hause im Wesentlichen am Tagesablauf der Kita orientiert. „Nach diesen Wochen ist den Kindern dann nichts mehr fremd, die Kita wird zu ihrem zweiten Zuhause“, sagt Meisner.

Neue Rangfolge

Doch das bereite manchen Eltern Probleme, sagt die Kita-Leiterin: „Es gibt Mütter und Väter, die befürchten, nun nicht mehr die Nummer eins für ihre Kinder zu sein.“ Den Erzieher oder die Erzieherin vor dem Kind zu kritisieren oder ihre Entscheidungen anzuzweifeln, sei schlecht – auch für den Eingewöhnungsprozess. „Wenn es Unstimmigkeiten gibt, bitten wir die Eltern, das direkt mit uns zu besprechen.“ Das Kind dürfe durchaus eine stabile Beziehung zu seinen Erziehern aufzubauen. Mutter und Vater hätten immer eine starke Bedeutung, die Kita ändere nichts daran. Deshalb sollten Eltern solche Entwicklungen positiv begleiten.

Und wenn es zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich wieder Tränen gibt? „Meistens stecken da keine gravierenden Probleme dahinter“, sagt Veit Rößner. Da inzwischen noch mehr tragfähige sichere Bindungen zu Erziehern und Gleichaltrigen bestehen, beruhigten sich die Kleinen schnell wieder.

Oft seien es ganz normale Alltagsgeschichten, zum Beispiel ein Streit mit den Freunden am Vortag, der die Lust auf die Kita nimmt. Dann helfe es, einfühlsam nachzufragen und Lösungen zu suchen. Auch Kita-Leiterin Meisner kennt aus ihrer langen Erfahrung solche wiederkehrenden Tränenphasen bei den Kindern. „Wir nehmen die Kleinen dann öfter an die Hand oder auf den Arm, dann bessert sich das meist schnell wieder.“

Vertrauen der Kinder nicht schädigen

Wichtig ist auch aus Sicht des Kinderpsychiaters, dass sich die Eltern bei der Abgabe des Kindes immer deutlich verabschieden, statt sich in einer unbemerkten Situation leise davonzuschleichen. „Das kann das Vertrauen der Kinder nachhaltig schädigen. Künftig werden sie sich schon vorsichtshalber an die Eltern klammern, um ihr Verschwinden zu verhindern.“

Dauert der Kita-Frust längere Zeit an, sollten Eltern dem auf den Grund gehen. Sie haben meist ein gutes Bauchgefühl, ob etwas Grundsätzliches nicht stimmt oder das Kind schlichtweg keine Lust auf die Kita hat. Letzteres beobachten Erzieher immer wieder, wenn ein kleines Geschwisterkind geboren ist, dass zu Hause bleiben darf, während das große in die Kita muss.

„Man tut dem Kind keinen Gefallen damit, es dann aus der Kita zu nehmen“, so Rößner. Denn einerseits fehlen ihm wichtige Kontakte, was sich zum Beispiel beim Schuleintritt negativ auswirken könne. Andererseits werde dem Kind durch das Nachgeben vermittelt, dass eine Vermeidung der stressigen Situation möglich ist, wenn es nur hartnäckig genug darauf besteht.