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Kreis Bautzen: Coronakrise überfordert Familien

Fachleute beobachten stärkere psychische Erkrankungen, mehr Medienkonsum sowie fehlende Strukturen und Kontakte. Und sie sagen, wie man dem begegnen kann.

Keine Lust aufs Lernen zu Hause? Geschlossene Schulen und Kitas während des Corona-Lockdowns sind für Kinder und Eltern gleichermaßen eine Herausforderung - und sorgen zunehmend für psychische Belastungen.
Keine Lust aufs Lernen zu Hause? Geschlossene Schulen und Kitas während des Corona-Lockdowns sind für Kinder und Eltern gleichermaßen eine Herausforderung - und sorgen zunehmend für psychische Belastungen. © dpa-tmn

Bautzen. Nach den Schließungen von Schulen und Kitas im vergangenen Frühjahr sind Kinder und Jugendliche seit Mitte Dezember erneut zu Hause. Grund sind die Corona-Schutzmaßnahmen. Ines Pröhl denkt mit Sorge an die Beteiligten „Für Jugendliche ist diese Zeit der Beschränkungen eine besondere Herausforderung, ihr Kontaktbedürfnis wird gerade nicht erfüllt.“

Ines Pröhl ist systemische Beraterin beim Projekt mobiler Jugendschutz im Landkreis Bautzen, angesiedelt beim Netzwerk für Kinder- und Jugendarbeit in Bischofswerda. Die Gefahr, depressive Verstimmungen oder sogar eine Depression zu entwickeln, steigt, sagt Ines Pröhl. „Gerade für diejenigen, die schon vor der Pandemie anfällig waren, ist es besonders schwer, da die Bewältigungsstrategien nicht mehr greifen. Hier ist eine professionelle Unterstützung notwendig.“

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Gestiegener Medienkonsum und Cybermobbing

Dazu kämen laut Studien ein gestiegener Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen. „Es ist oft ein passiver Konsum. Die Aktivitäten werden weniger, und es ist bequemer, sich online abzulenken“, erklärt die Beraterin. Auch Cybermobbing habe zugenommen.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Cordula Schurz bietet Ines Pröhl im Landkreis Bautzen Fortbildungen an, gegenwärtig zum Thema psychische Gesundheit in der Krise und Herausforderungen in der Schule. Diese würden aktuell online mit Lehrkräften und Schulsozialarbeitern durchgeführt. „Krisenbewältigung zu betrachten und positiv zu besetzen ist uns sehr wichtig“, erklärt Ines Pröhl.

Cordula Schurz und Ines Pröhl (rechts) vom mobilen Jugendschutz des Netzwerkes für Kinder- und Jugendarbeit in Bischofswerda sind eigentlich im gesamten im Landkreis Bautzen unterwegs. Derzeit beraten sie online.
Cordula Schurz und Ines Pröhl (rechts) vom mobilen Jugendschutz des Netzwerkes für Kinder- und Jugendarbeit in Bischofswerda sind eigentlich im gesamten im Landkreis Bautzen unterwegs. Derzeit beraten sie online. © SZ/Uwe Soeder

Das Thema werde auch noch andauern, wenn die Schulen wieder öffnen. „Wir wünschen uns, dass es in der Schule seinen Platz hat, damit es allen Schülern und Lehrkräften gutgeht. Dazu gehört auch das Thema Kommunikation und die Frage: Wie spricht man miteinander?“ Eine gemeinsame Schulkultur mit Transparenz, Ritualen und der Beteiligung von Schülern sei ein zentraler Punkt beim Thema Prävention.

Jugendliche sind desillusioniert

Anne Friedland bestätigt ebenfalls, dass Corona und seine Auswirkungen seit dem vergangenen Jahr eine Rolle bei Kindern und Jugendlichen spielen. Die jetzige Schulsozialarbeiterin aus dem Landkreis Bautzen hat bis Ende 2020 das Kinder- und Jugendtelefon Löbau-Bautzen für die Diakonie koordiniert.

Dort hätten die jungen Anrufer etwa über fehlende soziale Kontakte, Langeweile oder sehr strenge Eltern gesprochen, berichtet Anne Friedland. „Es ging auch um Desillusion, weil etwa Praktika nicht stattfinden können und sich Jugendliche fragen: Wie geht’s weiter? Die Orientierung fehlt.“

Sie und die ehrenamtlichen Mitarbeiter hätten bei den Telefonaten viel gefragt und dazu geraten, mit den Eltern zu sprechen und Kompromisse zu finden. Auf der Internetseite der Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Diakonie Bautzen sind zehn Hinweise für Familien in der Coronakrise hinterlegt: Dazu gehört, etwa Tagesrhythmen beizubehalten, auf gesunde Ernährung zu achten oder soziale Kontakte online und telefonisch zu pflegen.

Beratungsstellen bieten jetzt telefonisch Hilfe

Viele dieser Tipps gibt auch Ramona Nitschke, Leiterin der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Landkreis Bautzen. Wichtig sei, sich in schwierigen Situationen Hilfe zu holen. „Das kann entlastend sein. Die Beratungsstellen sind telefonisch erreichbar und bieten aktuell auch kurzfristige telefonische Beratungen an“, sagt die Sozialpädagogin, systemische Familientherapeutin und Mediatorin.

In den Beratungsgesprächen würden sie und ihre Mitarbeiter versuchen, Druck herauszunehmen. Eltern seien keine Lehrer, sie sollten das Machbare mit den Kindern angehen und Dinge auch mal weglassen, die nicht machbar sind.

Ganz wichtig für alle Familienmitglieder sei eine feste Tagesstruktur, „mit Zeiten für Schlafen, Aufstehen, Mahlzeiten, Lern- und Arbeitsphasen. Pausen sind ganz wichtig und Bewegung an frischer Luft“, erklärt Ramona Nitschke.

Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 habe zu einem Rückgang der Anmeldungen bei der Beratungsstelle der Awo geführt. In der Folge sei es dann bis zum Jahresende zu einem deutlichen Anstieg der Anmeldezahlen gekommen, die zu Wartezeiten geführt hätten, „weil der Ansturm mit der vorhandenen Kapazität nicht bewältigt werden konnte“, beschreibt Ramone Nitschke die Lage.

Je länger der Lockdown, desto größer die Probleme

Kinder und Jugendliche würden besonders die sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen vermissen. Auch der Wegfall von Freizeitangeboten und Freizeitsport werde als großes Problem beschrieben. „Eine weitere große Herausforderung ist das Homeschooling. Je länger der Lockdown anhält, umso größer scheinen die Probleme zu werden“, erklärt die Leiterin der Beratungsstelle.

Schulstoff werde nicht geschafft und die Motivation sinke. Neue Themenfelder zu erarbeiten, werde als schwierig erlebt. Vor allem Schulanfänger oder die Prüfungsjahrgänge seien betroffen. „Zusätzlich sind viele Eltern an der Belastungsgrenze, neben Homeoffice noch Kinderbetreuung und Schulaufgaben zu meistern. Sie fühlen sich überfordert“, fügt Ramona Nitschke hinzu.

Dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie auch die Eltern betreffen, erfährt Hannes Bielas in seinem Arbeitsalltag. Er ist Chefarzt des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist hier einer der Behandlungsschwerpunkte. „Die Eltern sind belasteter als im Vorjahr. Wir stellen Ausweglosigkeit und Überforderung fest.“

Chefarzt rät, Familienzeit positiv nutzen

Bei Kindern und Jugendlichen sei die Ausbildung der jeweiligen Symptome um zehn bis 20 Prozent stärker. „Sie berichten von Perspektivlosigkeit und Angst, den Schulabschluss nicht zu schaffen“, erklärt der Chefarzt. Gerade sehr personenbezogenen Patienten fehle nicht nur der Kontakt zu Freunden, sondern auch zu Lehrern.

Es gebe stärkere Symptome bei Erkrankungen wie Depression, Angst-, Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen. „Die Angst etwa vor Verunreinigung oder Kontamination ist ja real“, erklärt Hannes Bielas. Das therapeutisch zu behandeln, sei schwierig. Patienten fürchteten, jemanden anzustecken oder selbst angesteckt zu werden.

Der Chefarzt rät, gemeinsame Familienzeit positiv zu nutzen, sich mindestens 30 Minuten pro Tag zu bewegen, mindestens drei schöne Dinge aufzuschreiben, die man am Tag erlebt hat, oder etwas für Andere zu tun. „Es geht darum, das eigene Glücksempfinden zu stärken.“

Kinder sollten unbedingt wieder in die Schule

Sabine Hiekisch hat eine scheinbar einfache Lösung, die aber aktuell wegen des Lockdowns nicht umzusetzen ist. „Kinder sollten unbedingt wieder in die Schule gehen dürfen, gern auch in kleineren Klassen“, sagt die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Sächsischen Krankenhaus Großschweidnitz, wo Patienten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz behandelt werden.

Die Probleme hinsichtlich depressiver Verstimmungen infolge exzessiver Mediennutzung hätten sich weiter verstärkt, „weil viele Kinder mit monatelangem Homeschooling überfordert sind“, fügt Sabine Hiekisch hinzu. Kinder und Jugendliche seien in besonderem Maße auf reale soziale Kontakte und Tagessstrukturierung angewiesen.

Die einfachste und vielleicht wichtigste Behandlung von depressiven Symptomen und suizidalen Gedanken bei Kindern und Jugendlichen sei der Medienverzicht, wenn stattdessen „Beziehungsangebote, Bewegung im Freien, angemessene Aufgaben, die bewältigt werden können und Befriedigung verschaffen,“ an diese Stelle treten.

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