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Leere Klinik-Betten waren Meldefehler

Entscheidungen zum Lockdown im Landkreis SOE hängen an Statistiken. Was passiert, wenn diese falsch gefüttert werden?

Am 22. April waren im Landkreis sämtliche Intensivbetten belegt. Covid-Patienten waren dafür aber nicht der Grund.
Am 22. April waren im Landkreis sämtliche Intensivbetten belegt. Covid-Patienten waren dafür aber nicht der Grund. © Screenshot Divi-Intensivregister

Von einem Tag auf den anderen waren die Intensivstationen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge voll. Anfang April waren noch 127 Betten als "frei" gemeldet worden. Am Tag darauf sollen es plötzlich nur noch vier gewesen sein. So meldete es jedenfalls der Verein Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) in seinem Intensivregister. Das ist für alle im Internet einsehbar.

"Eigenartig!", schrieb Rainer Paatsch auf der Facebookseite SZ Dippoldiswalde zu dem beschriebenen Fall. Das ist doch nur Panikmache, postete eine andere Leserin in ihrem Kommentar. Auf Nachfrage von Sächsische.de konnte der Divi-Verein den gewaltigen Sprung auch nicht sofort erklären.

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Was ist der Grund für den steilen Anstieg?

Jetzt hat Divi eingeräumt, dass der enorme Sprung auf eine fehlerhafte Meldung einer Klinik im Landkreis zurückzuführen ist. Die Klinik sei von einer Leitstelle darauf hingewiesen worden, "dass sie ihre Kapazitäten falsch melden würde, nämlich Betten als frei, die eigentlich belegt sind", teilt Divi mit.

Der Verein selbst verarbeitet die Daten nur, die er wiederum vom Robert-Koch-Institut (RKI) erhält. Das hat schließlich bei der in Verdacht geratenen Klinik nachgefragt und den Meldefehler nach drei Wochen aufgeklärt. Nunmehr wurde die Meldung im Intensivregister angepasst und korrigiert. "Auf diese Zusage müssen wir uns im Intensivregister entsprechend verlassen", erklärt ein Divi-Sprecher.

Um welche Klinik es sich handelt, dürfe aber nicht gesagt werden. Detaillierte Zahlen für einzelne Kliniken werden nicht veröffentlicht. Das sei so festgelegt, weil es sich um Wirtschaftsunternehmen handelt.

Liegt der Ursprung des Fehlers in Kreischa?

Allem Anschein nach kann die fehlerhafte Meldung eigentlich nur von der Bavaria-Klinik in Kreischa stammen. Auf Nachfrage von Sächsische.de gab es dazu aber keine Antwort.

Im Intensivregister werden sechs Kliniken aufgeführt. Die Helios-Kliniken in Pirna, Freital und Dippoldiswalde veröffentlichen freiwillig ihre Patientenzahlen. Das hat unmittelbar mit der Corona-Pandemie zu tun. Helios ist einer der größten Klinik-Konzerne in Deutschland und möchte mit seiner täglichen Veröffentlichung der Auslastung der Klinikbetten für größtmögliche Transparenz sorgen. Dort ist erkennbar, dass es keinen besonderen Sprung in der Bettenauslastung gegeben hat. In der Größenordnung von mehr als 100 Betten sowieso nicht. Alle drei Krankenhäuser zusammen kommen auf etwa 50 Intensivbetten. Ob sie alle belegbar sind, die Zahl schwankt. Das hängt auch vom zur Verfügung stehenden Personal ab.

Im Register sind zudem die Asklepios-Kliniken in Sebnitz und Hohwald aufgeführt. Die betreiben noch weniger Intensivbetten als Helios und von einem Meldefehler ist nichts bekannt.

Aufgrund der Spezialisierung der Klinik in Kreischa auf Beatmungs-Patienten stehen der Definition zufolge dort zahlreiche Intensivbetten zur Verfügung. Auch Covid-Patienten wurden dort behandelt. Als Reha-Klinik gehört sie aber nicht zur Regelversorgung. Für Notfälle ist sie nicht vorgesehen.

Verstärkt das Meldeverhalten die dritte Corona-Welle?

Insbesondere die vehementen Kritiker der Corona-Maßnahmen ärgert, dass ausgerechnet parallel zu diesem Meldefehler Intensivmediziner und Politiker im April Alarm schlugen, dass die Intensivstationen volllaufen. In Chemnitz war das tatsächlich der Fall. Das Krankenhaus musste den Regelbetrieb aussetzen, um weitere Kapazitäten für Covid-Patienten zu schaffen.

Zur Einschätzung der Gesamtlage ist das Divi-Intensivregister ein wichtiges Werkzeug. Da ist es für alle Beteiligten umso ärgerlicher, wenn Fehler passieren. Zumal, wenn sie nicht sofort aufgeklärt werden. Das Meldeverhalten der Kliniken beeinflusst die Statistiken. Das macht auch eine zweite Seite des Intensivregisters deutlich.

Mit einem Ampel-System geben sämtliche Krankenhäuser in Deutschland seit einem Jahr auf dem Divi-Intensivregister ihre Bettenauslastung an.
Mit einem Ampel-System geben sämtliche Krankenhäuser in Deutschland seit einem Jahr auf dem Divi-Intensivregister ihre Bettenauslastung an. © Screenshot Divi-Intensivregister

Welchen Anteil hat Covid an der Bettenauslastung?

Seit einem Jahr sind die Kliniken gesetzlich dazu verpflichtet, täglich ihre Auslastung zu melden. Am 22. April dieses Jahres kam es zu dem Fall, dass für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge von 180 aktuell möglichen Intensivbetten sämtliche 180 als "belegt" angezeigt wurden.

Die Kliniken in Sebnitz und Hohwald meldeten für die Divi-Seite mit dem Ampel-System, dass keine freien Intensivbetten mehr verfügbar waren. Für die Rettungsleitstelle ist damit klar, dass sie Notfälle in andere Kliniken lenken muss.

Für manche war das ein klares Zeichen dafür, dass die Corona-Pandemie dramatische Auswirkungen hat. Das zeigen die Zahlen aber nicht. Im Landkreis wurden 16 Covid-Fälle auf Intensivstationen behandelt, in acht Fällen war an jenem Tag eine invasive Beatmung nötig. Bei 180 Intensivbetten wirkt das nicht so viel.

Ist die medizinische Versorgung gesichert?

Erstaunlich ist zudem, dass die Helios-Kliniken für jenen 22. April noch Kapazitäten anzeigten. Wie kann das sein, wenn von 180 Betten sämtliche 180 belegt sind? "Auch das muss an einem Meldefehler der Krankenhäuser liegen", heißt es von Divi. Die Häuser stellen ihre Ampeln selbst ein. Inzwischen habe man noch einmal mit den Kliniken gesprochen. Daraufhin habe es eine Anpassung der Einschätzung der eigenen Kapazitäten gegeben, heißt es.

Was im Detail zu den vollen Intensivstationen führt, also welche Erkrankungen dahinter stehen, ist nicht belegbar. Divi erfasst nur die aktuelle Zahl der jeweils behandelten Covid-Patienten. Als mögliche Ursachen nennt Divi, dass planbare OPs, die im Dezember und Januar wegen fehlender Betten nicht stattfinden konnten, sich nun nicht mehr verschieben lassen.

Zudem sei die Meldung auch eine Momentaufnahme. An jedem Tag verändert sich die Belegung der Intensivstationen mehrmals und auch stündlich. "Da kann es eben passieren, dass es auch einmal kein freies Bett mehr gibt", erklärt ein Divi-Sprecher.

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Die Krankenhäuser im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge versichern aber alle, dass die medizinische Versorgung für jeden gesichert ist. Es wird sogar daran appelliert, im Krankheitsfall keineswegs damit zu warten, eine Klinik aufzusuchen.

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