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Ärztin nach Corona-Erkrankung: Hatte noch mal Glück

Die Großpostwitzer Allgemeinmedizinerin Marina Graf musste elf Tage ins Krankenhaus und danach zur Reha. Über ihre Erfahrungen spricht sie ganz offen.

Aus eigener Erfahrung und aus Mediziner-Sicht kann die Großpostwitzer Ärztin Marina Graf bei Corona mitreden. Sie sagt: Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben.
Aus eigener Erfahrung und aus Mediziner-Sicht kann die Großpostwitzer Ärztin Marina Graf bei Corona mitreden. Sie sagt: Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben. © Steffen Unger

Großpostwitz. Marina Graf ist keine, die gern viel Aufheben um ihre Person macht. Am 1. Januar 1991 hat sich die Allgemeinmedizinerin mit ihrer Praxis in Großpostwitz niedergelassen, hätte in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert - eigentlich. Die Feier musste ausfallen. Nicht nur, weil sie verboten gewesen wäre. Sondern vielmehr, weil Marina Graf zu diesem Zeitpunkt nicht nach feiern zumute war: Die Medizinerin war über den Jahreswechsel schwer an Corona erkrankt.

Die Diagnose kam Mitte Dezember - zu einer Zeit, als mehrere Orte in Sachsen mit Inzidenz-Werten über 1.000 kämpften, als die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen dramatisch wuchs und die Krematorien an den Grenzen ihrer Kapazität arbeiteten.

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Mit schweren Symptomen in die Klinik

Auch Marina Graf kam mit schweren Symptomen ins Krankenhaus, elf Tage lang - die Intensivstation blieb ihr erspart. Erschrocken über ihre eigene Ansteckung sei sie nicht gewesen, sagt sie: "Dafür bin ich nicht der Typ." Ihre medizinische Ausbildung habe ihr dabei geholfen: "Natürlich hat man Respekt vor der Erkrankung und weiß nicht, wie sich die eigen Symptome entwickeln - ist aber aber besser informiert über die möglichen Krankheitsverläufe und schaut entsprechend auf sich selbst." Aber sie habe gestaunt: Über die missliche Situation im Krankenhaus und auch darüber, "wie ausgeprägt die Krankheitssymptome sich anfühlen", sagt sie.

Marina Grafs Situation war doppelt misslich - für sie persönlich, aber auch für ihre Patienten, deren Hausärztin gerade in dieser schwierigen Zeit monatelang ausfiel. "Gerade meine Stammpatienten hat es schon sehr mitgenommen, als sie gehört haben, was mit mir los ist", erinnert sich Marina Graf zurück. Aber sie hatte Glück im Unglück, konnte sich auf den Rückhalt ihrer drei Angestellten, befreundeter Mediziner und ihrer Familie verlassen: "Meine Mädels haben im ersten Monat weitergemacht - haben Folgerezepte und Überweisungen ausgestellt, um meine Vertretungen zu entlasten. Mein Kollege Dr. Hänsch, der eigentlich seit Januar im Ruhestand ist, hat mich vertreten. Letztlich hat auch mein Sohn meine Praxis zeitweise übernommen", sagt sie voller Dankbarkeit.

Ärztin: Mit einer Grippe keinesfalls zu vergleichen

So ganz kam ihre Praxis aber ohne Marina Graf dennoch nicht aus: "Ich musste mich um die Steuersachen, die Betriebswirtschaft, die Quarantänegelder kümmern", zählt sie auf. Alles das telefonisch und per Mail - unmittelbar nach dem Krankenhaus-Aufenthalt sei das für sie schon erheblicher Aufwand gewesen, sagt die Medizinerin, denn: "Corona verlangt Pausen."

Eine Covid-Erkrankung, räumt sie mit einer weit verbreiteten Meinung auf, sei mit einer Grippe keinesfalls zu vergleichen: "Ich habe schon mal eine Grippe gehabt. Das ist anders", stellt sie klar. Besonders aufgefallen sei ihr das bei der Reha, die sich an ihren Krankenhausaufenthalt angeschlossen habe. Mit ihr seien dort viele Covid-Patienten gewesen. Marina Graf hat beobachtet: "Man sieht den Leuten, wenn sie an den Folgen von Long-Covid leiden, nicht an, wie schlecht es ihnen geht." Dabei seien Steifigkeit im Brustkorb, Gelenk- und Muskelbeschwerden bis hin zu neurologischen Schäden bei diesen Patienten stark verbreitet. Auch Erschöpfung und Müdigkeit seien weit verbreitet. "Es gibt Menschen, die wollen ein Vierteljahr nach der Krankheit wieder arbeiten gehen und schaffen es einfach nicht", hat sie beobachtet. Von sich selbst sagt sie: "Da habe ich nochmal Glück gehabt."

Angst vor der Ansteckung ist zurückgegangen

Angst, nach dieser Erfahrung wieder in die Praxis zurückzukehren, sich vielleicht erneut zu infizieren, habe sie nicht gehabt: "Das ist mein Beruf. Ich will Menschen helfen und meine Erfahrungen aus der Covid-Erkrankung weitergeben", sagt sie. Der Gefahr, selbst zu erkranken, seien Mediziner immer ausgesetzt.

Und auch die Scham, die eigene Ansteckung mit dem Virus zuzugeben, hält Marina Graf für falsch: "Es ist keine Schande, an Corona zu erkranken und dazu zu stehen", stellt sie klar. Für den Fakt, dass die Infizierten-Zahlen wieder steigen, hat die Ärztin eine einfache Antwort: "Am Anfang war die Angst viel größer", sagt sie. Dass sich das nach einem Jahr Pandemie-Erfahrung geändert hat, hält sie nicht zwingend für falsch. "Wir werden lernen müssen, dass Corona zum Leben dazugehört", denkt sie - und rät zur Impfung.

Anzahl an Coronavirus-Mutationen ist erstaunlich

Sie selbst hat ihre erste Spritze kürzlich erhalten, hatte Nebenwirkungen, die dem Krankheitsverlauf in abgeschwächter Form ähnelten. Es sei seltsam gewesen, die Symptome ein zweites Mal zu erleben. "Aber wenigstens kannte ich die Ursache", sagt sie milde.

Dass die eine Impfung ein Leben lang vor der Ansteckung schützt, denkt sie nicht: "Corona ist ein Überlebenskünstler. Es ist erstaunlich, wie viele Mutationen das Virus in kürzester Zeit hervorgebracht hat." Vielmehr, sagt sie, gehe sie davon aus, dass die Impfung mit angepasstem Impfstoff immer wieder wiederholt werden muss, um wirkungsvollen Schutz vor einer Ansteckung zu gewährleisten.

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