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Omikron: Biontech-Impfstoff schützt wohl nur teilweise

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer bietet offenbar nur einen teilweisen Schutz gegen die neue Corona-Variante. Erste Studiendaten machen aber auch Hoffnung.

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Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff
Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff © Sven Hoppe/dpa (Symbolbild)

Von Benjamin Reuter

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer bietet einer Studie zufolge offenbar lediglich einen teilweisen Schutz gegen die Coronavirus-Variante Omikron. Die Neutralisierung von Omikron habe im Vergleich zu einem früheren Covid-Stamm "sehr stark abgenommen", erklärte Alex Sigal, Professor am Africa Health Research Institute in Südafrika auf Basis vorläufiger Ergebnisse am Dienstag.

Sigal erklärte aber auch: "Die Resultate sind besser als ich erwartet habe. Je mehr Antikörper man hat, desto besser sind die Chancen, gegen Omikron geschützt zu sein." Die Wirkung eines Boosters hat Sigal nicht untersucht, denn die Auffrischimpfung ist in Südafrika noch nicht offiziell verfügbar. Sigal zeigte sich auf Twitter optimistisch: "Omikron ist ein Problem, das wir mit den Werkzeugen, die wir haben, lösen können."

Das Labor habe Blut von zwölf Personen untersucht, die mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft sind, heißt es in der auf der Website des Labors veröffentlichten Studie. Dabei sei ein 41-facher Rückgang der neutralisierenden Antikörper gegen die Omikron-Variante beobachtet worden.

Die vorläufigen Daten wurden noch nicht von Fachkollegen geprüft. Die geringe Zahl an Testpersonen könnte außerdem die Aussagekraft des Ergebnisses einschränken. Zudem ist unklar, was die Ergebnisse für einen möglichen Krankheitsverlauf bedeuten. Schon länger ist klar, dass sich auch Geimpfte infizieren können. Allerdings führt Corona dann nur noch in einem Bruchteil der Fälle zu schweren Erkrankungen.

Biontech-Chef Ugur Sahin geht davon aus, dass die Daten zur Wirksamkeit des Vakzins gegen die Omikron-Variante am Mittwoch oder Donnerstag vorliegen könnten. Es gibt auch noch keine aussagekräftigen Studien darüber, wie sich die Impfstoffe von Moderna, Johnson & Johnson und anderen Arzneimittelherstellern gegen die neue Variante verhalten.

Andere Experten gehen von anhaltendem Impfschutz gegen Omikron aus

Aussagen anderer Experten sprechen wiederum dafür, dass die Impfstoffe doch eine Wirkung gegen Omikron zeigen. So sagte der Leiter der WHO-Notfallabteilung, Michael Ryan, der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag, er halte es für "höchst unwahrscheinlich", dass die neue Omikron-Variante des Coronavirus den Schutz von Impfstoffen komplett aushebeln könnte. "Wir haben hochwirksame Impfstoffe, die sich bisher gegen alle Varianten als wirksam erwiesen haben, was schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte angeht", sagte er.

Der irische Arzt bestätigte auch frühere Experteneinschätzungen, wonach eine Ansteckung mit der neuen Variante weniger schwere Symptome hervorrufen könnte. "Das allgemeine Verhalten, das wir bisher beobachten, zeigt keine Zunahme des Schweregrads", sagte er. Zuvor hatte sich der US-Experten Anthony Fauci AFP gegenüber ähnlich geäußert. Ryan betonte jedoch, dass die Analyse der neuen Variante noch "ganz am Anfang" stehe.

Die Omikron-Variante war Ende November von Wissenschaftlern in Südafrika entdeckt worden. Seither wurde sie in dutzenden Ländern nachgewiesen, darunter Deutschland. Sie weist 50 Mutationen im Vergleich zu dem ursprünglichen Virus auf, davon 32 am sogenannten Spike-Protein, mit dem das Coronavirus an der Wirtszelle andockt. Es wird daher befürchtet, dass diese Variante deutlich ansteckender ist als frühere Varianten.

Ryan sagte aber: "Uns interessiert nicht so sehr, ob man sich mit Omikron neu infizieren kann, sondern ob die Neuinfektionen schwerer oder leichter verlaufen". Der hochrangige WHO-Mitarbeiter betonte: "Die beste Waffe, die wir derzeit haben, ist die Impfung". Die Daten aus Südafrika "zeigen nicht, dass wir einen katastrophalen Verlust der Wirksamkeit haben". Tatsächlich sei "im Moment sogar das Gegenteil der Fall".

Fauci: Ansteckender, aber mit weniger schweren Verläufen

Der führende US-Experte für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, erklärte am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass vorläufige Ergebnisse darauf hindeuten würden, dass die Variante wahrscheinlich einen höheren Grad der Übertragbarkeit aufweise, aber weniger schwerwiegend sei. "Es ist nahezu sicher, dass sie nicht schlimmer ist als Delta", sagte Fauci.

Die neue Variante breite sich in Südafrika schnell aus, sagte der oberste Corona-Berater von Präsident Joe Biden schon am Sonntag im Fernsehsender CNN. Die Variante habe einen "Übertragungsvorteil". "Bis jetzt sind die Signale etwas ermutigend", sagte Fauci bei CNN. Es sei aber noch zu früh, um eine abschließende Einschätzung abzugeben.

Drosten wegen Omikron besorgt – Impfstoffanpassung wohl nötig

Der Charité-Virologe Christian Drosten will in Hinblick auf die Verbreitung der Omikron-Variante kein Entwarnung geben. In Südafrika seien die Zuwachsraten trotz des dort einsetzenden Sommers wegen der Variante hoch. „Und darum würde ich im Moment auch nicht sagen, bis Ostern ist in Deutschland die Pandemie vorbei, wenn Omikron übernimmt“, sagte der Wissenschaftler im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info.

„Ich denke, ab Januar werden wir mit Omikron in Deutschland ein Problem haben“, sagte Drosten. Die Variante werde wahrscheinlich die Anpassung der vorhandenen Impfstoffe nötig machen. Bisher seien ihm hierzulande aus dem Austausch mit Kollegen ungefähr 25 bis 30 Omikron-Fälle bekannt.

Die Zahl sei nicht vollständig und werde rasch zunehmen. Das Virus scheine „extrem verbreitungsfähig“ zu sein. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte vergangenen Donnerstag von vier bisher bestätigten Fällen gesprochen.

Nach Einschätzung des Corona-Experten könnte ab dem zweiten Quartal 2022 womöglich eine neue Generation angepasster Impfstoffe verwendet werden. Hersteller hatten Arbeiten zur Anpassung an Omikron angekündigt.

Die Variante weist zahlreiche Mutationen an kritischen Stellen auf. Es sei zu befürchten, dass Omikron für Ungeimpfte „nicht harmlos“ sei, sagte Drosten. Man dürfe wegen Berichten über milde Verläufe in Südafrika nicht in Euphorie verfallen: Dort seien die meisten Menschen schon mit Sars-2-Coronavirus infiziert gewesen.