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Pirnas Händler: "Es ist frustrierend"

Viele Ladeninhaber und Gastwirte fürchten um ihre Existenz - und machen erneut auf ihre coronabedingt prekäre Lage aufmerksam. Sie haben klare Forderungen.

Katrin Seifert-Delank, Inhaberin des Ladens "Crazy Curvy" in Pirna: "Bis März halte ich vielleicht noch durch."
Katrin Seifert-Delank, Inhaberin des Ladens "Crazy Curvy" in Pirna: "Bis März halte ich vielleicht noch durch." © Daniel Schäfer

Katrin Seifert-Delank steht am Montagvormittag in ihren Laden "Crazy Curvy" auf der Schössergasse in Pirna, sie wirkt etwas verloren zwischen all den Kleidungsstücken, Kunden sind nicht in Sicht, die Innenstadt liegt da wie ausgestorben.

Normalerweise wäre jetzt die Zeit für den Winterschlussverkauf, Gelegenheit, die Bestände an warmen Sachen zu lichten, um Platz zu schaffen für die Frühjahrskollektion. Ob sie die aber überhaupt brauchen wird, weiß sie derzeit jedoch nicht.

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Normalerweise wäre sie jetzt schon dabei, die Sachen für den nächsten Winter zu ordern, aber momentan sitzt sie noch auf der Ware von der letzten Herbst- und Wintersaison.

Aber normal ist gerade gar nichts, verkauft hat Katrin Seifert-Delank in ihrem Laden schon seit Wochen nichts mehr. "Die Situation", sagt sie, " ist mittlerweile unerträglich."

Die Situation ist dramatisch

Dieser Zustand offenbart ein gravierendes Problem: Wegen der Corona-Pandemie sind die meisten Geschäfte und Lokale in der Pirnaer Innenstadt seit Dezember dicht. Vielen Händlern und Gastronomen steht wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals, viele fürchten gar um ihre Existenz. Finanzielle Hilfen fließen nur schleppend oder gar nicht. Hinzukommt die quälende Ungewissheit, wie und wann es weitergehen wird.

Angesichts der inzwischen dramatischen Lage haben die Betroffenen nun erneut auf ihre coronabedingt prekäre Lage aufmerksam gemacht. Rund 40 Ladeninhaber und Gastwirte beteiligten sich am Montag an der Aktion "Wir gehen mit voran", es waren diesmal etwa doppelt so viele wie bei der Aktion "wirmachenAUFmerksam" vor drei Wochen.

Gegen 11 Uhr öffneten sie symbolisch ihre Läden, allerdings nur kurz, ohne Verkauf, ohne Publikumsverkehr. Bei der Aktion ging es ihnen nicht darum, die Pandemie-Regeln infrage zu stellen. Die Initiatoren und Teilnehmer tragen die coronabedingten Einschränkungen und Vorschriften mit, sie grenzen sich auch klar von Corona-Leugnern, Rechten, Querdenkern und Maskenverweigerern ab.

Händler haben vier zentrale Forderungen

Vielmehr geht es darum, abermals auf die mittlerweile sehr kritische Lage hinzuweisen und nach einem Ausweg zu suchen. "Wir wollen zeigen, dass wir zusammenstehen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die für den Erhalt der Ladenvielfalt in der Innenstadt kämpft", sagt Katrin Seifert-Delank.

Damit das gelingen kann, gibt es im wesentlichen vier Hauptforderungen: schnelle Hilfe durch Vorabzahlungen, einen unbürokratischen Antrags- und Genehmigungsprozess, faire und angemessene Ausgleichszahlungen sowie ein konkretes Wiedereröffnungsszenario für den Einzelhandel.

Gegen halb zwölf versammeln sich die Händler und Gastronomen auf der Dohnaischen Straße, mit Plakaten untermauern sie ihre Forderungen. "Es lebe der Einzelhandel, es lebe die Gastronomie, es lebe die Innenstadt", ruft Jens Weinhold, Inhaber des Bergsportgeschäftes "rotpunkt", in den stillen Protest. Es klingt fast schon ein wenig verzweifelt. Gleichwohl beschreibt es ziemlich treffend die Gemütslage vieler Pirnaer Händler.

Händler-Aktion auf der Dohnaischen Straße in Pirna: "Wir fordern ein klares Wiedereröffnungsszenario."
Händler-Aktion auf der Dohnaischen Straße in Pirna: "Wir fordern ein klares Wiedereröffnungsszenario." © Daniel Förster

Online-Geschäft gleicht Verlust nicht aus

Auch Katrin Seifert-Delank ist einigermaßen ratlos, wie es weitergehen soll. Sie hatte ihren Laden erst im August 2020 eröffnet, im Dezember kam der Lockdown, dazwischen blieb wenig Zeit, um großartig Rücklagen zu bilden.

Ob sie finanzielle Hilfe vom Staat bekommt, ist noch ungewiss. Der Umsatzverlust im Dezember soll wohl ausgeglichen werden, doch dafür ist ihr Geschäft möglicherweise insgesamt noch nicht lange genug auf.

Möglicherweise hat sie Anspruch auf eine sogenannte Neustart-Hilfe, aber auch das steht noch in den Sternen. In Planung ist auch, Modegeschäften die nicht verkaufte Winterware zu ersetzen, beschlossen ist aber auch das noch nicht.

Und das Überbrückungs-Modell "Click & Collect", bei dem Kunden telefonisch oder online Ware ordern und sie dann kontaktlos im Geschäft abholen können, gibt es in Sachsen bislang nicht. "Das hätte uns in der Übergangszeit sicher gut geholfen. Kommt es jetzt erst, bringt es gar nichts", sagt Katrin Seifert-Delank.

Einen Teil ihrer Ware hat sie zwar über ihren Online-Shop verkauft, doch das gleicht den Umsatzverlust nur minimal aus. Und es ist auch nicht ihr bevorzugtes Geschäftsmodell. "Wir haben ja alle unsere Läden, um die Innenstadt zu beleben und etwas gegen den Leerstand zu tun", sagt sie.

Keine Laufkundschaft, keine Termine, kein Umsatz

Ganz ähnlich ergeht es Ines Tippmann, Inhaberin des Fotostudios "Mobile Fotografie" auf der Barbiergasse. "Die gesamte Situation momentan", sagt sie, " ist sehr frustrierend."

Zwar darf sie offiziell seit 13. Januar wieder öffnen, um Pass- und Bewerbungsfotos zu machen. Doch das funktioniert nur bedingt. Weil sie ihre Kinder betreuen muss, kann sie nicht den ganzen Tag im Laden stehen.

Zudem fehlt die Laufkundschaft, und auch der Terminplan für dieses Jahr, um diese Zeit üblicherweise gut gefüllt, ist noch weitgehend leer. Eine einzige kleine Hochzeit steht derzeit im Kalender.

Sie kann auch nicht nachvollziehen, warum sie und andere nicht wenigstens einen Kunden in den Laden lassen können. Gerade die kleinen Geschäfte und die Gaststätten hätten so viel in ihre Hygienekonzepte investiert. Daher sei unverständlich, warum sie schließen müssen, große Lebensmittelmärkte mit starkem Kundenaufkommen hingegen nicht. "Ich kann nur hoffen", sagt Ines Tippmann, "dass die Innenstadt nicht ausstirbt."

Nachschlag bei den gesponserten Gutscheinen

Um den dramatischen Umsatzverlust zumindest ein wenig abzufedern, hat der Verein "Citymanagement Pirna" bereits im Dezember eine besondere Aktion gestartet. Kunden können Gutschein-Karten erwerben, sie mit beliebigen Beträgen aufladen und das Geld dann bei den teilnehmenden Händlern und Gastronomen einlösen. Über 900 Stück davon sind inzwischen verkauft, der Gesamtumsatz liegt bei über 40.000 Euro.

Ganz besonders gefragt waren die gesponserten Gutscheine, sie kosten 75 Euro, haben aber einen Wert von 100 Euro. Die erste, auf 400 Stück limitierte Auflage ist weg, es gibt nun noch einmal 400 Stück davon, die sich laut des Citymanagement-Vereins ebenfalls gut verkaufen. Infos dazu gibt es auf der Seite www.kaufinpirna.de.

Allerdings kommen die Händler erst in den Genuss des Geldes, wenn sie ihre Läden und Lokale wieder öffnen dürfen.

Händler sind mit den Nerven am Ende

Doch genau das ist das Problem: Es gibt noch keinen Termin, nicht einmal einen Ansatz dafür. Vielleicht können die Geschäfte zu Ostern wieder öffnen, vielleicht auch erst im Juni. Genau weiß das derzeit niemand.

Katrin Seifert-Delank empfindet dieses Hinhalten, diese Ungewissheit als furchtbar, zumal die Folgen dramatisch sein könnten. "Bis März halte ich vielleicht noch durch", sagt sie, "aber danach ist definitiv Schluss."

Auch Ines Tippmann schwant Schlimmes. "Ich befürchte, dass es nach dem Lockdown einige Geschäfte nicht mehr geben wird", sagt sie. Die meisten Händler seien ohnehin schon mit den Nerven am Ende.

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Michaela Ritter hat an Minister Dulig und den Wahlkreisabgeordneten Beger geschrieben. Sie sorgt sich nicht nur um den Einzelhandel in der Stadt.

Sie selbst hat auch schon überlegt, ihren Laden aufzugeben, sollte es nicht bald ein konkretes Wiedereröffnungsszenario mit einer klaren Zukunftsperspektive geben. "Derzeit kann ich nur hoffen", sagt Ines Tippmann, "dass es nicht soweit kommt."

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