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Supermärkte systemrelevant, Drogerien nicht?

Nur Sachsen macht in der Pandemie bei der Kindernotbetreuung zwischen Drogerien und Supermärkten einen Unterschied. Angestellte wehren sich.

Wohin mit meinen Kindern?“, fragen sich Ulrike Wilhelm (vorn) und viele Mitarbeitende in Sachsens Drogerien.
Wohin mit meinen Kindern?“, fragen sich Ulrike Wilhelm (vorn) und viele Mitarbeitende in Sachsens Drogerien. © kairospress

Sachsen pflegt in der Pandemie die Rolle eines Einzelgängers. Neben der Nichtzulassung des Abholservices Click & Collect im Freistaat machen nun Drogerien auf eine weitere – aus Ihrer Sicht zweifelhafte – Alleinstellung aufmerksam. Zwar dürfen die Filialen wie alle Lebensmittelläden öffnen. Jedoch haben dort Beschäftigte, anders als Mitarbeitende in Supermärkten, keinen Anspruch auf Notbetreuung ihrer Sprösslinge in einer Kita. Das bringt die Betroffenen und ihre Arbeitgeber in Not.

Im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr hatte sich Lisa Heydel nach einigem Hin und Her noch einen Platz in der Notbetreuung erkämpft. Jetzt wechselt sich die Leiterin der Rossmann-Filiale in Dippoldiswalde bei der Kinderbetreuung mit ihrem Mann ab und reicht ihre 6-jährige Tochter bei Eltern und Schwiegereltern umher. „Das ist fernab jeder Logik“, sagt die 28-Jährige. „So erhöht sich für alle Beteiligten eher das Infektionsrisiko, zumal in einem Haushalt mit den Großeltern auch noch eine Risikogruppe lebt.“ Einer ihrer Mitarbeiterinnen gehe es ähnlich, so die Chefin von 13 Angestellten.

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Auch bei Ulrike Wilhelm müssen zur Betreuung ihrer Töchter (sechs und zwölf Jahre) notgedrungen Oma und Opa, Mitte 70, ran. „Weil mein Mann zur Arbeit nach Bayern pendelt, haben wir keine andere Wahl“, sagt die 40-Jährige, die in einer Dresdner Rossmann-Filiale arbeitet. Als gar nichts mehr ging, habe sie ihr Arbeitgeber auch schon freigestellt – sogar ohne Lohnabzug. Aber auf Dauer sei das keine Lösung. In der nächsten Eskalationsstufe müsse sie wohl die Kind-krank-Tage nutzen.

"Wanderzirkus" bei Verwandten und Freunden

Zur Kontaktminimierung werde die Notbetreuung in Kitas, Horten und Grundschulen „auf das zwingend notwendige Maß beschränkt“, heißt es auf SZ-Anfrage vom Kultusministerium. Eine Ausweitung auf zahlreiche Wirtschaftssektoren würde diesem Ziel widersprechen. Auch wenn den Drogerien eine Öffnung ermöglicht worden sei, ergebe sich kein unmittelbarer Anspruch auf Notbetreuung. „Der Unterschied zum Lebensmittelhandel und zur Ernährungswirtschaft besteht darin, dass die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln für die Versorgung der Bevölkerung essenziell sind und im dortigen Einzelhandel den Schwerpunkt bilden“, argumentiert das Haus, welches die Ausnahmen bei Sachsens Lockdown-Regeln definiert. Soweit die Zahl der Neuinfektionen deutlich gesunken sei, könne auch die Kindertagesbetreuung wieder erfolgen: nach jetzigem Stand ab 15. Februar im eingeschränkten Regelbetrieb.

Das ist eine halbe Ewigkeit für Yvonne Poller. Die Alleinerziehende aus Amtsberg im Erzgebirgskreis hatte in ihrer Not an Sachsens Staatsregierung geschrieben. Die habe den Anspruch auf Notbetreuung ihres Dreijährigen bestätigt, aber auf die Kommune als Kita-Träger und letzte Instanz verwiesen. Die Ablehnung von Bürgermeister Sylvio Krause (CDU) habe sich bei ihr eingebrannt und fassungslos gemacht: „Die Ware, die es bei Rossmann gibt, liegt auch bei Aldi.“ Die Kita-Gebühr habe die Verwaltung indes abgebucht, irgendwann werde sie erstattet. Auch der 44-Jährigen, die in Chemnitz bei Rossmann arbeitet, bleibt für ihren Sohn nur der „Wanderzirkus“ bei Verwandten und Freunden.

Rossmann stellt Öffnungszeiten infrage

Systemrelevant im Job, aber nicht als alleinerziehende Mutter: Yvonne Poller in einer Chemnitzer Rossmann-Filiale.
Systemrelevant im Job, aber nicht als alleinerziehende Mutter: Yvonne Poller in einer Chemnitzer Rossmann-Filiale. © kairospress

Die Situation belaste die 1.436 Mitarbeiterinnen und sorge für Frust, sagt Rossmann-Geschäftsführer Raoul Roßmann. „Einerseits sind sie wichtig, werden gefeiert, bekommen Lob und Dank, andererseits wird ihnen der Alltag so schwergemacht! Wo bleibt da die wahre Wertschätzung“, fragt der Chef der zweitgrößten deutschen Drogeriemarktkette. Ohne ein Betreuungsangebot sei es kaum möglich, die gewohnten Öffnungszeiten in Sachsens 129 Filialen beizubehalten.

„Wir freuen uns, dass die Notbetreuung für Kolleginnen der Supermärkte und Discounter gesichert ist – können aber diese Ungleichbehandlung von Drogerie-Mitarbeiterinnen absolut nicht nachvollziehen“, heißt es von Rossmann. Über die Hälfte der Hygieneartikel würden in Deutschland in Drogerien verkauft sowie gut 30 Prozent der Schutzmasken. Auch bei Erkältungsmitteln, Vitamin- und Gesundheitspräparaten betrage der Anteil rund ein Drittel. Bei Babynahrung und Babyhygiene würden 65 Prozent der Produkte in Drogerien und nicht im Lebensmittelhandel erworben.

Vergeblicher Hilferuf aus Burgwedel

Wegen der Bedeutung für das öffentliche Leben hätten die Bundeskanzlerin sowie die Regierungschefinnen und -chefs der Länder „explizit festgelegt, dass Drogerien zu den wenigen Bereichen des Einzelhandels gehören, welche nach dem 16.12.2020 geöffnet bleiben dürfen“, schrieb Rossmann-Personalchef Stefan Sander am 29. Dezember an Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) und Staatskanzleichef Oliver Schenk (CDU). Mit seiner Corona-Schutzverordnung weiche Sachsen auch von anderen Bundesländern mit hohen Inzidenzwerten und deren unbürokratischer Notbetreuung für Betroffene ab, heißt es in dem Hilferuf aus Burgwedel, der der SZ vorliegt. Selbst Sanders Verweis auf die Bereitstellung von Klopapier zieht nicht bei der Bitte um Aufnahme der Drogerien in das Ausnahmeverzeichnis.

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Mit diesem Ansinnen steht Rossmann nicht allein. Auch beim Branchenprimus dm sei das Thema relevant, sagt dessen Gebietsverantwortlicher für den Freistaat Gert Moßler. In Sachsen erwirtschafteten im vergangenen Jahr 1.029 Beschäftigte in 66 dm-Filialen 254 Millionen Euro Umsatz. „Da auch wir im ersten Lockdown als systemrelevant in Sachsen eingestuft wurden, war es Anfang des Jahres 2020 noch kein Problem, das gelöst werden musste“, so der Manager. Das sei jetzt anders.

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