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Viele Corona-Fälle in sorbischen Dörfern

Bis zu drei Prozent der Einwohner haben sich mit dem Virus infiziert, fünfmal so viel wie im gesamten Landkreis. Eine Suche nach den Gründen.

Im sorbischen Siedlungsgebiet gibt es besonders viele Corona-Infizierte. Der gute soziale Zusammenhalt könnte ein Grund dafür sein.
Im sorbischen Siedlungsgebiet gibt es besonders viele Corona-Infizierte. Der gute soziale Zusammenhalt könnte ein Grund dafür sein. © Symbolfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Als der Landkreis Bautzen in der vergangenen Woche erstmals die Zahlen der Corona-Infizierten nach Städten und Gemeinden veröffentlichte, griffen die Verantwortlichen der Domowina zum Taschenrechner und errechneten Besorgniserregendes: Gemessen an der Zahl der Einwohner finden sich, basierend auf den gemeindescharfen Zahlen des Landkreises vom vergangenen Sonntag, unter den zehn am stärksten betroffenen Kommunen neun Gemeinden im sorbischen Siedlungsgebiet. Ohne die genauen Ansteckungsherde nachweisen zu können, tat sich schnell eine mögliche Erklärung für diese lokalen Corona-Hotspots auf, die auch Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) am Wochenende bei seinem Besuch in der besonders stark betroffenen Gemeinde Wittichenau äußerte. Er sagte: "Die Situation zeigt, dass hier die Welt noch in Ordnung, Kontakt unter den Familienverbänden ist."

Der Crostwitzer Bürgermeister Marko Klimann (CDU) nennt das "Zweckoptimismus", aber kann den Wahrheitsgehalt der Aussage nicht abstreiten: "Guter sozialer Zusammenhalt und starke Familienbande wirken ja auf vielfältige Weise", sagt er. Oftmals seien die Effekte positiv. Jetzt in Pandemiezeiten habe dieses Alleinstellungsmerkmal in der Region eben auch Schattenseiten.

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Die sorbischen Gemeinden, das bestätigt auch Michael Baudisch, Pressesprecher des Bistums Dresden-Meißen, seien bekannt dafür, dass sich dort alle untereinander kennen, man miteinander gut vernetzt ist und es ein gutes soziales Miteinander gebe. "Das ist einfach eine Besonderheit dieser Region", sagt er. Bei der Frage aber, ob bestimmte kirchliche Ereignisse, wie Gottesdienste oder Firmungs-Feiern, wie sie im Oktober stattfanden, maßgeblich für den Anstieg der Fallzahlen sind, begebe man sich "auf das Feld purer Spekulation".

Sind Gottesdienste eine Ursache?

Die Bürgermeister in den betroffenen Kommunen sind sich hierüber, bezogen auf ihr jeweiliges Gemeindegebiet, uneins. Markus Kreuz (CDU) will für Panschwitz-Kuckau nicht beurteilen, ob Gottesdienste für das Pandemiegeschehen mitverantwortlich seien. Er denkt: "Allgemein im ländlichen Raum ist das Sicherheitsgefühl etwas größer. Die Leute sind hier deshalb ein bisschen unvorsichtiger." Swen Nowotny (CDU) hat in Königswartha "zumindest schonmal etwas davon gehört, dass es mit kirchlichen Veranstaltungen zu tun hat", verweist aber mit Bestimmtheit auf's "Hörensagen".

Auch der Crostwitzer Bürgermeister Marko Klimann (CDU), kann "nichts Bestimmtes sagen", hat aber einen Effekt beobachtet: "Seit dem Ansteigen der Fallzahlen ist auch in Crostwitz zu beobachten, dass weniger Leute in die Kirche gehen. Augenscheinlich ist im Unterbewusstsein die Erkenntnis da, dass es einen Zusammenhang geben könnte." Den bestätigt das Bautzener Landratsamt nicht. Es handele sich auch in besonders betroffenen Gemeinden um Infektionsgeschehen, das in der Fläche stattfindet, heißt es von dort.

Was also tun? Die überwiegende Mehrheit der befragten Bürgermeister findet es gut, dass das Bautzener Landratsamt den Verwaltungen inzwischen täglich die gemeindescharfen Zahlen zuarbeitet. Einzig Radibors Bürgermeisterin Madeleine Rentsch (CDU) hat beobachtet, dass die Veröffentlichung eher zu Hysterie denn zu Achtsamkeit geführt hat. Auch Markus Kreuz aus Panschwitz-Kuckau verweist darauf, dass diese Zahlen als Vorwurf verstanden werden könnten, will das aber nicht stehen lassen: "Ich sehe das als Mahnung, als Argumentationshilfe. Ich kann meinen Einwohnern sagen: Leute, Achtung! Wir sind ganz gut dabei im Corona-Geschehen!". Und auch Marko Klimann richtet sich mit einem klaren Apell an die Crostwitzer: "Wir sind keine Insel der Glückseligen!"

Domowina veröffentlicht klaren Appell

Mit einem Schreiben in sorbischer Sprache, das den Titel "Gegenwärtige Entwicklung der Pandemie schadet uns existenziell – so geht es nicht weiter, wir brauchen ernste Umkehr" trägt, wandte sich auch der Vorsitzende der Domowina, Dawid Statnik, am vergangenen Wochenende an die Sorben. Darin heißt es: "Die derzeitige Entwicklung der Pandemie unter uns Sorben in der Region fügt aber auch uns selbst wesentlich Schaden zu. Wir sind stolz, dass das Miteinander der Generationen bei uns intakter ist als woanders. Deshalb darf es uns nicht gleichgültig lassen, wenn unachtsamer Umgang mit der Pandemie von Tag zu Tag mehr Menschen in unseren Familien, Freundes- und Bekanntenkreisen bedroht."

Sensibilisieren - mehr könne man nicht - das ist der Tenor aus den Gemeinden, mit denen Sächsische.de zu diesem Thema sprach. Schärfere Maßnahmen als jene, die die  Sächsische Corona-Schutzverordnung vorgibt, zieht keine der Kommunen in Betracht. Und die Frage nach dem Verbot von Gottesdiensten? Der ein oder andere Bürgermeister würde da eine Verschärfung der Maßnahmen durchaus begrüßen. Anders sieht das Michael Baudisch vom Bistum Dresden-Meißen: "Wir wollen keinesfalls eine Neiddebatte auslösen", sagt er. Aber man müsse die Religionsfreiheit, die in diesen Tagen auch vor sozialer Isolation schützt, als Gut schützen. Er versichert aber auch: "Wir wirken darauf hin, dass die verordneten Maßnahmen eingehalten werden."

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