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Grenzkontrollen: Traurig, aber unvermeidlich

Tschechiens Regierung hat bei der Pandemiebekämpfung kläglich versagt - und muss endlich ihre Hausaufgaben machen. Ein Kommentar.

SZ-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt lebt in Prag.
SZ-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt lebt in Prag. © Sebastian Kahnert/dpa/SZ

Diesen Donnerstag verbuche ich als einen der traurigsten Tage in mehr als 30 Jahren meiner Tätigkeit als SZ-Korrespondent in Prag: Corona und seine Mutationen wüten derart in meiner tschechischen Wahlheimat, dass Deutschland sich abschottet, sogar das wichtige Pendeln massiv einschränkt. Sachsen und Bayern haben die Bundesregierung gebeten, die Reißleine zu ziehen. Nun ist Tschechien offiziell "Virusmutationsgebiet." Kein Titel, auf den man stolz sein kann.

Im vergangenen März schottete sich die Führung in Prag von den Nachbarn ab, weil sie Sorge hatte, dass der damals noch vergleichsweise laxe Umgang der Deutschen mit dem Virus Folgen in Tschechien zeitigen könnte. Die deutschen Nachbarn wurden seinerzeit überrascht von diesem Schritt, waren alles andere als erfreut.

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Die tschechisch-deutsche Grenzregion ist gemeinsamer Lebens- und Wirtschaftsraum. Davon war nichts mehr zu spüren. Deutsch-tschechische Familien wurden damals ebenfalls lange auseinander gerissen, auch langjährige Freunde. Schnell gab es an jedem Wochenende gemeinsame Proteste an der Grenze. In der Folge versprachen sich die Regierungschefs Kretschmer und Babiš in die Hand, dass so etwas nach Möglichkeit nie wieder passieren dürfe.

Corona-Hotspot Nummer eins in Mitteleuropa

Sie konnten ihr Versprechen am Ende nicht halten. Die Schlagbäume gehen erneut runter, es wird wieder kontrolliert werden wie in alten, unschönen Zeiten. Immerhin bespricht man jetzt gemeinsam, wie die kommenden Wochen ablaufen sollen. Das ist auch erforderlich. Man denke nur daran, wie deutsche Krankenhäuser ohne tschechische Ärzte und Pfleger klarkommen sollten. Hier sind pragmatische Lösungen gefragt.

Es ist ganz allein Tschechien, dass diese Situation jetzt verursacht hat. Die Regierung, die zu Beginn der Pandemie als Vorbild in Europa taugte, hat seit dem Sommer kläglich versagt. Heute ist Tschechien Corona-Hotspot Nummer eins in Mitteleuropa. Mit Sieben-Tage-Inzidenzen von 1.000 und mehr. Der Premier und seine Minister sind der Aufgabe seit geraumer Zeit schon sichtlich nicht mehr gewachsen.

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Die Opposition im Parlament macht es der Regierung zusätzlich schwer. Alle denken vor allem an die Wahlen im Herbst. Als ob es jetzt nicht um ganz andere, sehr viel schwerer wiegende Dinge gehen würde, wie die täglich hinzukommenden Toten aus den Gräbern mahnen. Dass die Tschechen dieser Regierung und ihren Anweisungen nicht mehr folgen, sich an nichts mehr halten nach Monaten eines Lockdowns, der nichts gebracht hat , kann nicht verwundern.

Die Führung in Prag muss endlich ihre Hausaufgaben machen. Je schneller sie das begreift, desto schneller kann auch die neuerliche Abschottung durch die deutschen Nachbarn wieder enden.

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