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Corona: "Nur ein Impfstoff rettet die Veranstalter"

Die Veranstaltungsbranche wehrt sich weiter gegen ihr Sterben. Rodney Aust setzt auf Förderprogramme, Impfstoffe und gute Nerven, weit über Sommer 2021 hinaus.

Über den Großveranstaltern braut sich immer mehr zusammen. In kurzfristige Veranstaltungen haben Gäste Rodney Aust zufolge halbwegs Vertrauen. Auch Tickets für 2022 verkaufen sich. Doch an den nächsten Sommer glaubt niemand.
Über den Großveranstaltern braut sich immer mehr zusammen. In kurzfristige Veranstaltungen haben Gäste Rodney Aust zufolge halbwegs Vertrauen. Auch Tickets für 2022 verkaufen sich. Doch an den nächsten Sommer glaubt niemand. © René Meinig

Dresden. "Im Herbst holen wir alles nach, was Corona seit Frühjahr verhindert." Das haben nicht nur Musik- und Festivalfans gehofft. Davon sind auch die Veranstalter ausgegangen. Nun ist Herbst und kein Ende der Krise in Sicht. 

Im Gegenteil: Die Lage spitzt sich zu. Großveranstalter konnten sich zwischenzeitlich nicht erholen. Geltende Hygieneregeln lassen gerade Konzerten wenig Spielraum. Zahlreiche Bandauftritte und Festivals machen sie von vornherein unmöglich. 

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Die SZ sprach mit dem Betreiber des Alten Schlachthofes und der Jungen Garde, Rodney Aust, über Ticketverkäufe, Rückverfolgungs-Apps, Staatshilfen und nächtliches Blumengießen im Garten. 

Herr Aust, Sie schauen ständig auf Ihr Handy. Was gibt es da zu sehen?

Rodney Aust: Was für den Veranstalter früher die Wetter-App war, ist heute die Corona-Ampel. Die Lage ändert sich nahezu minütlich, was für uns im Moment nie etwas Gutes bedeutet. Konzepte, die wir für die gerade noch möglichen Veranstaltungen mühsam erstellt haben, können in der nächsten Stunde hinfällig sein. Wir sind an sich extrem stressresistent und daran gewöhnt, uns auf plötzliche Wendungen einzustellen. Aber was die Veranstalter seit März erleben, ist eine Katastrophe.

Welche Möglichkeiten bleiben Ihnen und den anderen Großveranstaltern denn überhaupt noch?

Das kann man pauschal gar nicht so sagen. Grundsätzlich gilt die 1.000-Personen-Marke ab 20 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen schon nicht mehr. Alle Veranstaltungen dieser Größenordnung fallen also aus. Veranstalter müssen Hygienekonzepte einreichen und sicherstellen, dass beispielsweise Mindestabstände und Laufwege eingehalten, Mund-Nasen-Schutz getragen und die platzgenaue Rückverfolgung gewährleistet wird. So etwas funktioniert nur mit Bestuhlung.

Bestuhlte Rockkonzerte - was für eine Vorstellung!

Genau. Rammstein mit sitzenden Gästen geht einfach nicht. Oder denken wir an Die Ärzte. Für klassische Konzerte lässt sich da einiges regeln, natürlich mit weniger Besuchern und fehlenden Einnahmen. Aber viele Bandauftritte sind weder emotional noch wirtschaftlich unter diesen Bedingungen umsetzbar. Die Musiker starten ihre Touren gar nicht erst, also läuft bei uns auch nichts - und genau so wenig bei den nachgeordneten Unternehmen wie Security, Service, Technik, Personaldienstleister, Bühnenbauer, Werbeagenturen und Catering.

Wie steht es aktuell um Hilfen für die Veranstaltungsbranche?

Da hat sich einiges getan. Anfangs war es, als ob jemand eine riesige offene Bauchwunde mit einem Heftpflaster überkleben will. Das war lächerlich, aber gut gemeint und der Zeit geschuldet. Inzwischen sind unsere Branchenverbände ständig mit den Ministerien im Gespräch. 

Bis Dezember 2021 gibt es weiterhin Kurzarbeitergeld, und bis Dezember 2020 von den Umsatzeinbußen abhängige Fixkostenzuschüsse und Kostenübernahmen für coronabedingte technische Umrüstungen wie Lüftungs- und Heizungsanlagen. Ich bin sehr einverstanden damit, dass solche Anträge nur noch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer für Unternehmen einreichen dürfen, um den Missbrauch der Mittel zu unterbinden. 

Wer fällt trotzdem hinten runter?

Unsere Branche ist generell abgehängt und wird sich innerhalb von ein, zwei Jahren nicht erholen. Was aber aus meiner Sicht überhaupt nicht geht, ist, Soloselbstständige für Grundsicherung zum Jobcenter zu schicken. Das sind bei uns diejenigen mit den flexibelsten Arbeitszeiten, die ersten, die zum Job kommen und die letzten, die in der Nacht nach Hause gehen. Sie so zu behandeln, finde ich absolut unwürdig. Mal abgesehen davon, dass, wer kann, die Branche wechselt und für uns verloren geht. 

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Staatliche Hilfen werden nicht über Jahre greifen können. Was rettet die Veranstalter?

Nur ein Impfstoff und seine möglichst hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Keine Ahnung, ob man dann mit Impfausweis zum Konzert geht. Aber bis dahin ist Rückverfolgung das Zauberwort - ob via App oder mit Zettelwirtschaft. Außerdem brauchen wir weitere Hilfsprogramme. 

Die Grünen haben gerade einen Zehn-Punkte-Plan ins Gespräch gebracht, den ich sehr begrüße. Er sieht unter anderem für Unternehmen einen monatlichen Zuschuss von zwei Prozent des letzten Jahresumsatzes, ein Existenzgeld für Soloselbstständige in Höhe von 1.200 Euro, bessere Kreditbedingungen und den rechtlichen und finanziellen Schutz von Kulturorten vor. 

Wie verbreitet ist die Kontaktkontrolle per App?

Es gibt ja nicht nur eine App, sondern viele Produkte. Ich fände es zwar gut, wenn sich die Veranstalter zumindest in Dresden auf eine Variante einigen würden. Damit hätten es auch die Besucher einfacher, und diese eine App würde an Akzeptanz gewinnen. Aber es verhält sich mit diesen Angeboten wie mit dem Ticketverkauf: Auch da sind verschiedene Unternehmen am Start. Schließlich ist wiederum das ein Geschäft.

Inwieweit würden personalisierte Karten helfen?

Ich bin ein großer Freund des personalisierten Ticketverkaufs, schon allein, weil das dem Schwarzmarkt entgegenwirkt. Wir verkaufen seit Kurzem nur noch auf diese Weise, damit haben wir von vornherein alle nötigen Daten des Gastes. 

Wie geht es Aust Konzerte nach neun Monaten Corona-Krise?

Unsere Umsatzeinbußen belaufen sich auf 90 Prozent. Wie viele andere haben wir verzichtbare Kostenpunkte abgestoßen, unsere Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Anfangs bin ich nachts aufgestanden und habe Blumen gegossen, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. 

Jetzt gieße ich nachts Blumen, weil mir Konzepte, Fallzahlen, Umbuchungen, Neuplanungen durch den Kopf gehen. Meine Arbeitszeit ist noch immer 50 Wochenstunden lang, aber vieles, was ich heute konzipiere und organisiere, ist übermorgen hinfällig, weil sich die Lage ändert. Da zweifelt man am Sinn.

Welche beruflichen Alternativen kämen für Sie infrage?

Keine. Livemusik erlebbar zu machen und zum Konzert in die glücklichen Gesichter der Fans und der Musiker zu schauen, ist mein Ding. Was ich seit über 25 Jahren tue, das will ich auch weiterhin machen, weil ich es liebe. 

Am Mittwoch, 28. Oktober, findet in Berlin die zweite Großdemonstration #AlarmstufeRot - Veranstaltungswirtschaft ON FIRE statt. Dort treffen sich Vertreter der Veranstaltungsbranche, um unter dem Motto "Wir brennen für unsere Jobs!" auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen. Die Auto- und Lkw-Demo startet 11 Uhr am Olympischen Platz, der Fußmarsch 11 Uhr am Alexanderplatz. Weitere Informationen zum Ablauf unter www.alarmstuferot.org

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