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Pirna: Verwirrung um Corona-Zahlen

Das Robert-Koch-Institut zeigt am Donnerstag für den Landkreis eine Inzidenz von 76 an. Das Landratsamt jedoch 162. Woran soll sich der Bürger orientieren?

Corona-Test an der A17.
Corona-Test an der A17. © Daniel Schäfer

Das geht nun schon seit Tagen so. Das Robert-Koch-Institut (RKI), die zentrale deutsche Behörde in der Corona-Pandemie, zeigt für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge viel niedrigere Infektionszahlen an als das Landratsamt in Pirna. Am Mittwochabend, 4. November, ermittelte das Gesundheitsamt des Landratsamtes eine Inzidenz von 162 Infektionen je 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Der Mitteilung vom Mittwoch zufolge gibt es aktuell 739 positiv getestete Personen im Landkreis. 

Das RKI veröffentlicht mit Datenstand von Donnerstag, 5. November, 0 Uhr, jedoch eine Inzidenz von 76,1 für den hiesigen Landkreis. Einen Tag zuvor lag er noch bei weit über 100 und damit im dunkelroten Bereich. Jetzt steht er angeblich viel besser da.

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Wie kann das passieren, obwohl das RKI keine eigenen Zahlen erhebt und sich nach eigenen Aussagen auf die Angaben von den kommunalen Gesundheitsämtern stützt? Diese Fragen stellen sich zunehmend auch Leser auf Sächsische.de. 

Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht am Donnerstag einen Rückgang der Infektionszahlen. Das ist aber nicht der Fall, verlautet dagegen aus dem Gesundheitsamt in Pirna.
Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht am Donnerstag einen Rückgang der Infektionszahlen. Das ist aber nicht der Fall, verlautet dagegen aus dem Gesundheitsamt in Pirna. © SZ

Welche Corona-Zahlen sind die Wahrheit?

Die Werte des RKI würden ja als die maßgebenden für alle politischen Entscheidungen dargestellt, stimmen aber nicht mit denen überein, die Sächsische.de aus dem Landratsamt übernimmt. "Wem dürfen wir denn nun glauben?", fragt Leser Michael Ottinger aus Bad Schandau. Er mutmaßt schon, dass die hohen Werte ja nur schlecht recherchiert sind und nur "Unterstützung für eine allgemeinen Panikmache" seien.

Dass die Zahlen so unterschiedlich sind, ärgert auch Leser Matthias Riedel. "Was ist denn nun die Wahrheit? Gerade in der jetzigen Zeit ist es doch wichtig, einheitliche Angaben zu machen, damit die Bevölkerung nicht unnötig verunsichert wird", schreibt er.

Weshalb das RKI für den Landkreis andere Zahlen ausweist als das hiesige Gesundheitsamt am Tag zuvor ermittelt hat, ist derzeit unklar. Das RKI hinkte den aktuellen Veröffentlichungen des Landratsamtes bisher immer nur hinterher. Am Donnerstag veröffentlichte auf seiner Internetseite mit fallenden Infektionszahlen aber erstmals auch eine andere Tendenz.

Sind die Gesundheitsämter überfordert?

Die Daten über einen Infektionsfall müssen von den jeweiligen Gesundheitsämtern in eine digitale Datenbank eingegeben werden. Dort ist nicht nur der Name und der Ort einzutragen, sondern auch weitere Details zu dem Fall. Einige Landkreise geben gleich den Namen des Betroffenen ein und fügen die zusätzlichen Einzelheiten erst später hinzu. Damit ist der Fall aber registriert. 

Bislang hat das Landratsamt auch gleich immer Angaben dazu ermittelt, wo derjenige sich infiziert hat, wo er vielleicht arbeitet, ob er verreist war, wen er mehr als eine halbe Stunde traf und vieles mehr. Kontaktermittlerteams müssen das mühsam bei der infizierten Person erfragen. Das dauert, weil sie nicht gleich erreicht wird oder weil sie sich kaum erinnert, was sie zum möglichen Zeitpunkt der Infektion getan hat. So vergeht Zeit, bis alle Fakten zusammengetragen sind. Und erst anschließend wird der Fall ins Erfassungsprogramm eingegeben.

Damit konnten zwar Verzögerungen erklärt werden, aber nicht der große Unterschied der Zahlen vom Donnerstag. Mit der immer größer gewordenen Masse an Neuinfektionen kommen die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung zwar nicht mehr hinterher. Die gesetzlich geforderte Meldung aller Neuinfektionen erfolgt jedoch innerhalb von 24 Stunden, so wie es vorgeschrieben ist und man meldet sie täglich an Sachsens Sozialministerium weiter, heißt es vom Landratsamt. 

Dass es dabei zu Verzögerungen kommen kann, erklärt das Sozialministerium so: "Die Dateneingabe und Übermittlung erfolgt durch die Gesundheitsämter zu unterschiedlichen Zeiten je nach Kapazitäten über den Tag verteilt." Das erklärt aber nicht, warum die Zahlen so extrem voneinander abweichen.

Waren Hacker schuld am Datenchaos?

Das Landratsamt konnte am Donnerstag nichts zur Aufklärung beitragen. Dort laufe ordnungsgemäß der einzuhaltende Meldeweg. Die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen gibt die vorliegenden Daten nach eigenen Angaben dreimal am Tag an das RKI weiter, an Wochenenden oder Feiertagen einmal am Tag. 

Dass das Problem beim RKI liegen könnte, war zumindest am Mittwoch zu vermuten. Denn fast den gesamten Tag über wurde auf der Internetseite eine Störung angezeigt. Massive Probleme hat dann auch das RKI bestätigt. Die Technik ist am Mittwoch ausgestiegen, sodass keine neuen Fälle nach Dresden und Berlin gemeldet werden konnten. Das ist kein neues Phänomen, sondern komme immer wieder vor. Nach SZ-Informationen gab es in den Vortagen auch Hacker-Angriffe auf das zentrale Erfassungssystem. 

Zudem gingen Landkreise auch unterschiedlich bei der Erfassung vor. Bislang wartete man beispielsweise in Görlitz ab, bis man alle Angaben zu einer Neuinfektion zusammen hatte. Doch damit waren tagelange Verzögerungen verbunden. Das System brach zusammen, als die Zahl der Neuinfektionen so stark zunahm wie in den vergangenen Tagen. Diese Praxis wird dort jetzt geändert.

Wo kann man sich über Corona-Zahlen informieren?

Sollten sich Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge verunsichert fühlen, was die tatsächliche Infektions-Lage in der Region angeht, empfiehlt das Landratsamt, sich aktuell auf der Homepage der Behörde zu informieren. Daran könne man sich jederzeit orientieren. Denn nur das Gesundheitsamt erhebt die Zahlen direkt von den Laboren und Betroffenen. Alle anderen Zahlen aus Dresden oder vom Robert-Koch-Institut in Berlin sind davon abgeleitet - mit allen Fehlern und zeitlichen Verzögerungen. Bleibt aber noch ein Problem: Die Behörden der Bundesrepublik, die Europäische Union und die WHO orientieren sich an den Zahlen des RKI.

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