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Corona-Verdacht: Bei jedem Infekt zum Kinderarzt?

Erst Corona, nun die Grippe: Mediziner befürchten im Herbst einen Ansturm. Das Kultusministerium hat einen Plan.

War gar nicht schlimm: Lotta aus Dresden hatte einen leichten Husten. Klettern ging, in die Schule durfte sie aber nicht. Ihr Vater Johannes Graubner kann das nicht verstehen.
War gar nicht schlimm: Lotta aus Dresden hatte einen leichten Husten. Klettern ging, in die Schule durfte sie aber nicht. Ihr Vater Johannes Graubner kann das nicht verstehen. © Jürgen Lösel

Dresden. Eigentlich hatte sich Lotta gar nicht richtig krank gefühlt. Ein bisschen Husten, die Nase leicht verschnupft, ansonsten war die Sechsjährige fit. Normalerweise hätte die kleine Dresdnerin also ihren ersten Schultag mit der gleichen aufgeregten Vorfreude wie alle ABC-Schützen antreten können. Doch in diesem Jahr ist vieles nicht normal. Husten gilt jetzt als mögliches Corona-Symptom – und das hat Konsequenzen.

Lottas Eltern hatten genau das in dem Musterformular gelesen, das alle Grundschüler-Eltern für jeden Schultag neu unterschreiben müssen. Ohne diese Gesundheitsbestätigung dürfen die Kinder nicht unterrichtet werden. Ein Anruf im Schulsekretariat bestätigte die Befürchtung: Mit Husten oder Schnupfen dürfe das Kind nicht in die Schule kommen. „Unsere Ärztin sagte, dass es nur ein leichter Infekt sei und unter normalen Umständen ein Schulbesuch möglich wäre. Einen Corona-Test hat sie mir nicht angeboten, weil das Ansteckungsrisiko in Dresden so gering ist“, sagt Vater Johannes Graubner. Vorsichtshalber hat die Ärztin das Kind trotzdem drei Tage krankgeschrieben.

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Wie Lotta erging es in der ersten Woche nach den Sommerferien etlichen Schülern in Sachsen: Sie mussten wegen des Verdachts einer Infektion mit dem Coronavirus zu Hause bleiben. Laut Allgemeinverfügung des Sozialministeriums reicht dafür schon mindestens ein Symptom aus, das auf eine Covid-19-Erkrankung hinweist. Das können Fieber, Husten, Durchfall, Erbrechen oder ein allgemeines Krankheitsgefühl sein. Nur mit einer ärztlichen Bescheinigung könnten die Eltern glaubhaft nachweisen, dass die Symptome unbedenklich seien. Fehlt das Attest, dürfen die Kinder erst zwei Tage nach dem letztmaligen Auftreten der Symptome wieder in Schule oder Kita zurückkehren.

„Wir wissen, dass das Coronavirus diese Symptome auslösen kann. Aber das kann auch einer der vielen anderen Erreger“, sagt Stefan Mertens, Vorsitzender des Landesverbands der sächsischen Kinder- und Jugendärzte. Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung entstehen fast 70 Prozent der jährlich 32 Millionen akuten Atemwegsinfektionen bei Kindern im Herbst und Winter. Acht bis zwölf Infektionen pro Jahr seien bis zum Vorschulalter völlig normal. 

Je älter die Kinder werden, desto stabiler wird ihr Immunsystem, und die Anzahl der Infekte nimmt ab. In der Hochphase der Atemwegsinfekte von November bis Februar haben Kinderärzte ungefähr das dreifache Arbeitsaufkommen als im Rest des Jahres. Nun erwarten sie viele zusätzliche Patienten mit banalen Infekten – mit Schnupfen, leichten Kopfschmerzen oder moderat erhöhter Temperatur –, die unter normalen Umständen gar nicht zum Arzt gehen würden. 

Mertens sieht eine immense Welle an zusätzlicher Arbeit auf die Kollegen zurollen, wenn bei jedem Kind entweder ein Abstrich für den Covid-19-Test gemacht oder eine Bescheinigung über die Unbedenklichkeit des Infektes ausgestellt werden müsse. „Wir haben die Riesensorge, dass uns das überfordert“, so Mertens.

Hinzu kommt die Empfehlung, möglichst viele Kinder gegen Influenza impfen zu lassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Pädriatische Infektiologie hatten dazu aufgerufen. Seither sei die Nachfrage der Eltern danach spürbar gestiegen, sagt der Berliner Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske.

Entsprechend warnt der Berufsverband vor einer Überlastung und zu vielen Coronatests. Die anstehende Erkältungssaison müsse unter verschärften Pandemiebedingungen bewältigt werden, sagt Verbandschef Dr. Thomas Fischbach. „Dies kann aber nicht gelingen, wenn uns das RKI dazu zwingt, von jedem Kind mit Husten ohne weitere Symptome einen Abstrich zu nehmen.“ Das Robert-Koch-Institut lehnt es ab, die Forderung der Ärzte zu kommentieren. 

Tatsächlich empfiehlt es eine niederschwellige Testung „aller Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegserkrankung jeder Schwere“. Fischbach will das nicht akzeptieren. „Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, Kinder mit leichten Erkältungssymptomen symptomatisch zu behandeln.“ Ein Coronatest sei nur in begründeten Verdachtsfällen sinnvoll, damit sich die Familie isolieren könne. Ob dieser Verdacht bestehe, müsse aber in der Entscheidung des Arztes bleiben, meint auch Stefan Mertens. Die bürokratischen Vorgaben könnten ein unnötiges Chaos erzeugen, sagt er.

Eltern im Attest-Dilemma

Kritik kommt auch von Sachsens Elternvertretern. Weil insbesondere jüngere Kinder im Herbst und Winter nahezu dauernd eine Schnupfennase hätten, müsse damit gerechnet werden, dass sie sehr viel Zeit zu Hause verbringen müssen, sagt Nadine Eichhorn vom Landeselternrat. Hinzu komme das höhere Ansteckungsrisiko in den Praxen. „Wenn ich mich in ein Wartezimmer beim Kinderarzt setze, dann habe ich sehr gute Chancen, in der kommenden Woche tatsächlich krank zu sein. Aber ohne Besuch beim Kinderarzt gibt es keinen Zettel für den Arbeitgeber und keinen Nachweis für die Schulen“, erklärt sie das Dilemma der Eltern.

Aus Sicht von Kinderarzt Mertens würde es schon helfen, zu klären, wann Eltern ihr Kind dem Arzt vorstellen müssen. „Wir brauchen ein Fluss-Schema, wie es Schleswig-Holstein oder Berlin längst haben“, sagt er. Er meint damit eine Handlungsempfehlung, aus der Eltern, Lehrer und Erzieher klar ablesen können, ab wann ein Arzt aufgesucht werden muss oder bei welchen allgemeinen und unspezifischen Symptomen der Schul- oder Kitabesuch noch möglich ist. Dazu zählen Schnupfen, Halsschmerzen, leichter Husten und erhöhte Temperatur bis 38 Grad bei Schulkindern.

An einem solchen Fluss-Schema wird auch in Sachsen gerade fieberhaft gearbeitet. „Wenn es gut läuft, werden wir es Mitte, spätestens aber Ende September auf unserer Internetseite veröffentlichen“, sagt Dirk Reelfs vom Kultusministerium. Denn auch dort ist klar: Das Infektionsgeschehen wird zunehmen, unabhängig von der Corona-Pandemie. „Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche, die corona-ähnliche Symptome haben, aber nicht an Covid-19 erkrankt sind, weiterhin die Kita oder Schule besuchen können“, so Reelfs. Dafür sollten zudem mehr Testmöglichkeiten geschaffen werden, die schnelle Ergebnisse liefern.

Für Johannes Graubner stellen sich noch ganz andere Fragen: Wie ist die Bildung der Kinder sichergestellt, die häufiger krankheitsbedingt fehlen? Lotta hat einen kleinen Bruder, der noch in den Kindergarten geht. Von dort bringt er erfahrungsgemäß viele Krankheitserreger mit nach Hause – und Lottas Ansteckungsrisiko steigt entsprechend. Und wie kommen Eltern unter diesen Umständen mit den begrenzten Kind-krank-Tagen aus? Die Bundesregierung hatte Ende August den Anspruch auf Kinderkrankengeld zwar verlängert.

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 Ist das kranke Kind noch keine zwölf Jahre alt, werden seine Eltern in diesem Jahr an bis zu 15 statt zehn Tagen bezahlt von der Arbeit freigestellt. Fünf davon hat Johannes Graubner im Frühjahr aber schon nehmen müssen, weil Lotta leicht erkältet war. Dazu kommen jetzt weitere drei. Bleiben noch sieben. „Was mache ich denn, wenn meine Kinder mal wirklich erkranken?“, fragt er. Seine Frau und er haben Lotta am Donnerstag wieder in die Schule geschickt. Ein bisschen gehustet hat sie noch.

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