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Wenn die Freundin Corona mit Globuli besiegen will

Die Coronakrise belastet Freundschaften. Was tun, wenn Menschen, die einem nahe stehen, sich nicht impfen lassen? Sechs Protokolle.

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Meine Freundin, die Impfgegnerin. Wen kann man noch treffen - und worüber reden?
Meine Freundin, die Impfgegnerin. Wen kann man noch treffen - und worüber reden? © www.pixabay.com

Die Coronakrise stellt auch Freundschaften auf die Bewährungsprobe. Wie geht man damit um, wenn die beste Freundin das Virus lieber mit Globuli besiegen will oder der Freund ein totalitäres Regime herannahen sieht? Wir haben persönliche Erfahrungen gesammelt.

Diffuser Glaube

Von Cristina Marina

Ich habe mehrere Freundinnen, die nicht gegen das Coronavirus geimpft sind. Was sie eint, ist ein diffuser Glaube an esoterische Lehre und alternative Medizin. Einige wohnen in anderen Städten, wir telefonieren von Zeit zu Zeit. Eine treffe ich oft. Wir sprechen dann über allerlei Intimes: Probleme mit Sex und Partnerschaft, psychische Leiden, innerste Gedanken.

Nur über die Impfung sprechen wir nicht. Denn sobald klar wird, dass ich die Impfung befürworte, wechseln meine Freundinnen oft das Thema. Wenn ich anfange, meine Argumente ernsthaft darzulegen, kommen sie hartnäckig auf etwas anderes zu sprechen. Auch wurde mir als Antwort schon Naivität oder ein Mangel an erweitertem Bewusstsein attestiert.

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Ich habe ihnen vorsorglich versichert, dass sie meine Freundinnen auch dann bleiben, sollten sie völlig ins Querdenker-Lager wechseln. Was sollte ich auch tun? Ich will die Menschen, die mir wichtig sind, nicht aufgeben. Ich habe gehofft, dieses Versprechen nimmt ihnen die Angst, und wir können wenigstens ehrlich darüber reden, was jede von uns denkt und fühlt. Denn ich treffe mich weiter mit ihnen, obwohl ich zu Hause eine kranke Mutter habe.

Zu mir in die Wohnung habe ich meine Freundinnen deshalb aber lange schon nicht mehr eingeladen. Ich habe Angst, dass ich meine Mama anstecken könnte. Und genauso davor, dass meine Freundinnen und ich irgendwann keine gemeinsame Realität mehr haben. Es ist, wenn man so will, eine emotionale Triage. Ich muss mich immer wieder für eine der Bindungen entscheiden.

Unterschiedlich abgebogen

Von Rita Lange

Wir sind seit der elften Klasse befreundet, nächstes Jahr werden wir 60. Meine Freundin und ich haben uns nie aus den Augen verloren, trotz diverser Ortswechsel. In manchen Jahren telefonierten wir täglich, durch unsere tiefsinnigen, leidenschaftlichen und empathischen Gespräche haben wir uns gegenseitig durch einige Beziehungskrisen gerettet. Und durchaus gestritten. Schließlich sind wir sehr unterschiedlich.

Nun also Corona. Ich bin drei Mal geimpft. Sie lehnt Impfungen ab. Argument: Mein Körper schafft das. Und auch: Irgendwann müssen wir alle sterben. Sie bezieht sich auf „Experten“ wie Sucharit Bhakdi, den Mediziner und Schwurbler, gegen den in Schleswig-Holstein wegen Volksverhetzung ermittelt wird. Und sie sagt, dass sie unter der Maske nicht atmen kann. Sie meint: Wer Maske trägt, trägt sie aus Angst.

Der Mann mit der Maske. Die Bedeckung für Mund und Nase ist in der Coronakrise zum Alltagsutensil geworden.
Der Mann mit der Maske. Die Bedeckung für Mund und Nase ist in der Coronakrise zum Alltagsutensil geworden. © dpa

Anfangs, im Frühjahr 2020, haben wir das Thema eher ausgeklammert. Zu vieles war unklar, Lockdown, Inzidenzen – und kein Impfstoff. Seit der da ist, wurden unsere Gespräche konfrontativer. Ich beziehe mich auf unsere Schulzeit: Du hast doch auch nicht angezweifelt, dass 2+2 unterm Strich 4 ist. Warum zweifelst Du jetzt an der Wissenschaft? Es gebe nicht nur eine wissenschaftliche Wahrheit, sagt sie.

Unser letztes Telefonat dauerte drei Stunden, das war Mitte April. Seither ist es mit uns vorbei. Für mich ist klar, dass die Impfung aus gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und vor allem aus Solidarität ein Muss ist, wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Ein Akt der Verantwortung, weg vom Egoismus hin zur Gemeinschaft. Zum Schutz der Alten, der Kleinen, der Kranken. Zur Entlastung aller, die seit mehr als anderthalb Jahren in Pflege, Krankhaus und Heimen über ihre Kräfte gehen. Die kämpfen wie die Löwen, damit andere überleben, weiterleben können.

Ich fühle diese Freundschaft nicht mehr. Der gemeinsame Nenner ist weg. Geboren 1962 hatte ich nie etwas auszustehen, Friedenszeit, ein Leben lang. Jetzt bin ich dran. Tun kann ich nicht viel – außer, mich impfen zu lassen. Diese klitzekleine Verantwortung jetzt nicht zu tragen, trennt mich von der Freundin. Wir schwingen nicht mehr im gleichen Takt. Wie sollten wir über andere Themen reden, über Empathie, Solidarität und Verantwortung, wenn der Grundkonsens fehlt? Wir hatten einen langen gemeinsamen Weg. Nun sind wir unterschiedlich abgebogen.

Plötzlich sprach sie von Bill Gates

Von Madlen Haarbach

Früher in der Uni diskutierten wir manchmal über den Nahostkonflikt. Wobei, eine richtige Diskussion war es auch schon damals nicht: Lisa, die eigentlich anders heißt, fiel da schon mit ausgesprochen festen Standpunkten auf. An diese Gespräche, die oft damit endeten, dass ich entnervt aufgab, musste ich zu Beginn der Pandemie wieder denken.

Eine Teilnehmerin einer Corona-Demo trägt ein T-Shirt mit dem Slogan "Gib Gates keine Chance".
Eine Teilnehmerin einer Corona-Demo trägt ein T-Shirt mit dem Slogan "Gib Gates keine Chance". © dpa

Während des ersten Lockdowns war Lisa in Asien gestrandet, musste ihre damals aufwendig geplante Reise irgendwann abblasen und kam zurück in das völlig veränderte Berlin. Unser erstes Gespräch nach ihrer Rückkehr, pandemiebedingt mit ein paar anderen Freundinnen per Telefon, traf dann wohl alle Seiten unerwartet: Während sie offenbar davon ausgegangen war, dass wir ihre Ansichten über die Corona-Politik teilten, waren wir übrigen drei sprachlos. Plötzlich erzählte sie von Bill Gates, der das Bargeld abschaffen wolle, von Mikrochips und einer geheimen Weltverschwörung, die natürlich auch mit dem 5G-Netz zusammenhänge. Auch in diesem Gespräch gaben wir anderen irgendwann entnervt auf.

Wir versuchten die kommenden Monate, sie mit Fakten zu erreichen. Es waren Wochen, in denen ihre Kommunikation darin bestand, uns unzählige Berichte voller dubioser Verschwörungsideologien zu schicken. Auf Argumente reagierte sie mit doppelt so vielen – aus ihrer Sicht – Gegenargumenten. Eines dabei, aus unserer Sicht, wirrer als das andere. Irgendwann würden wir die Wahrheit schon erkennen, sie habe uns ja trotzdem gern. Doch zunehmend wurden wir in ihrer Sicht zu „Schlafschafen“, denen sie die Welt erklären müsse. Ich als Vertreterin der „kontrollierten Medien“ wurde zum Feindbild. Impfen lässt sie sich natürlich nicht.

Kann man mit jemandem befreundet sein, deren Welt sich nicht im gleichen Universum dreht wie die eigene? Daran glaube ich nicht mehr. Irgendwann fragte ich sie, was denn sei, wenn sie sich irre: Wenn Corona keine Weltverschwörung, keine Erfindung, sondern einfach nur ein doofes Virus sei. „Dann bin ich erleichtert“, sagte sie. Aber Hoffnung, dass dieser Fall eintreten würde, habe sie keine.

Streiten strengt an, Lügen spaltet

Von Silvia Perdoni

Wir belügen uns nicht. So lautet am Ende der Minimalkonsens. Zwei Stunden waren zuvor vergangen, in denen wir uns aneinander abgekämpft hatten – während um uns herum eine Horde Zweijähriger vergnügt im Sand tobte. Denn wir, das sind die Eltern einer Spielgruppe. Wir sind keine engen Freunde, aber verbringen viel Zeit miteinander und schätzen uns sehr. Und wir sind unweigerlich miteinander verbunden. Denn während wir uns aus dem Weg gehen könnten, wenn wir uns den anderen nicht aussetzen wollten, können unsere Kinder das nicht.

Spielen auf dem Spielplatz nur mit Abstand und mit Maske.
Spielen auf dem Spielplatz nur mit Abstand und mit Maske. © Norbert Millauer

Die Gründe für die Vorbehalte, die einige Eltern der Gruppe gegenüber dem Impfen haben, sind vielfältig. Und sie tun nichts zur Sache, argumentieren die Betroffenen, denn es handele sich um individuelle Bedenken. Laut wird es in dieser Sandkastendebatte etwa, als eine Mutter einer Impfskeptikerin entgegenhält, sie gefährde mit ihrer „individuellen Entscheidung“ sehr wohl andere – nämlich die Kinder aus der Spielgruppe, die ja zu klein sind, um sich impfen zu lassen.

Die Angegriffene entgegnet mit zitternder Stimme, sie fühle sich unter Druck gesetzt. Mit den Corona-Verharmlosern identifiziere sie sich überhaupt nicht, fühle sich aber trotzdem immer wieder in diese Ecke gestellt. Sie halte sich an alle Regeln und teste sich oft – bloß habe sie eben große Sorge vor den Folgen einer Impfung. Diese Bedenken ständig erklären zu müssen, belaste sie, sagt sie ehrlich, und: „Manchmal überlege ich, einfach zu lügen, wenn ich nach der Impfung gefragt werde.“

Das, denke ich später, wäre vielleicht der schlimmste Fall, der eintreten könnte – in unserer kleinen Spielgruppe und in der ganzen großen Stadtgemeinschaft, die man sich ja auch nicht aussuchen kann. Streiten kann auseinandertreiben, zu Groll und Verzweiflung führen. Aber streiten hält auch den Diskurs am Leben und schärft zumindest immer wieder den Blick für andere Lebensrealitäten im eigenen Umfeld, möge man sie noch so abwegig finden. Lügen hingegen spaltet einfach nur.

Die Unbeschwertheit ist weg

Von Hend Taher

Unsere Freundschaft entstand vor etwa zehn Jahren. Damals trug ich ein Kopftuch und wollte Karsten nicht meine Hand zur Begrüßung geben. Unterschiedliche Sichten auf die Welt hatten wir schon immer, das ist normal. Heute glaubt Karsten, ein 47-jähriger Beamter im Gesundheitsbereich, dass es keine Pandemie gibt. Die Corona-Maßnahmen zielen für ihn stattdessen darauf, Schritt für Schritt ein totalitäres Regime zu schaffen.

In der Woche, in der ich meine Erstimpfung erhalten habe, war Karsten zufällig zu Besuch in Berlin. Am Tag der Impfung fragte ich ihn, ob er mich mit dem Auto hinbringen könne. Er antwortete: „Tu mir das nicht an, das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Er sprach von Nebenwirkungen, vom Handel mit unseren Daten und dem Gesundheitssystem, das uns krank halten will.

Eine Frau geht im Corona-Impfzentrum Berlin-Tegel zu einer Impfkabine.
Eine Frau geht im Corona-Impfzentrum Berlin-Tegel zu einer Impfkabine. © dpa

Plötzlich wurde mir klar, dass er sich ernsthafte Sorgen um mich machte. Unsere „unbeschwerten“ Gespräche führten wir nach meiner Impfung nicht mehr so oft, wir landeten immer wieder bei dem Thema, selbst wenn ich versuchte, es zu wechseln. „Leb weiter in deiner Illusion“, sagte er dann. Ich fühlte mich beleidigt, er fühlte sich unter Druck gesetzt.

Heute sagt mir Karsten, dass er meine Entscheidung respektiere. Er kann mir zugestehen, dass ich seine Meinung nicht teile und findet es bewundernswert, dass ich ruhig bleibe, auch wenn er sich provokant äußert. Das war gut zu hören. Denn jetzt habe ich wieder das Gefühl, das unsere Freundschaft ausmacht: Ich kann mit ihm über alles reden, ohne beurteilt oder abgelehnt zu werden.

Sie spürt Ausgrenzung

Von Annette Kögel

Die eine Freundin von früher, sie war schon immer eine Frohnatur. „Ich kriege das nicht!“, sagt sie und strahlt. Mir ist dieser gute Glaube völlig unverständlich. Aber möge es um Gottes Willen so sein. Die andere bewusst Ungeimpfte hat mich kürzlich in einer Besprechungsrunde damit überrascht. Ich mag sie sehr, ich schätze sie sehr, ihren Einsatz für andere Menschen.

Diesmal habe ich mich nicht in die prompte Impf-Überzeugungs-Hab-Acht-Position begeben, sondern es nach kurzem ungläubigen Quittieren einfach mal so stehen lassen. Wir waren alle vor dem Treffen negativ getestet, daher habe ich mich dazu angehalten, möglichst entspannt weiter zu machen.

Sie sagte, sie habe jetzt erstmals am eigenen Leibe spüren können, was Ausgrenzung bedeutet. Und dass sie eher geimpfte Erkrankte im Umfeld habe als ungeimpfte Erkrankte. Es fühlte sich so an, als säße diese liebe Frau, ganz filigran ohne eine stärkende Schutzhülle, inmitten all der fliegenden Coronaviren. Mögen sie auch an ihr vorbeisegeln. Ich selbst erwarte meinen Boostertermin sehnsüchtig.