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Das Bild, das den Vietnam-Krieg veränderte

Ein General schießt einem Mann in Zivil in den Kopf. Ein Verbrechen, das nie gesühnt wurde aber weitreichende Auswirkungen hatte.

© Eddie Adams/AP NY/dpa

Von Christoph Sator, Ho-Chi-Minh-Stadt

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Es gibt von der Szene auch einen Film. Anfangs sieht alles nach Alltag aus, irgendein Tag im Vietnam-Krieg, auf den Straßen von Saigon. Ein schmächtiger Mann in kurzer Hose und kariertem Hemd, barfuß, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen. Er wird von Soldaten durch die Stadt geführt. Von rechts kommt noch ein Mann ins Bild. Er wedelt mit einem Revolver . Dann stellt er sich neben den anderen, streckt den rechten Arm und schießt ihm in den Kopf. Einfach so.

Das ist der Moment, in dem der US-Fotograf Eddie Adams auf den Auslöser drückt. Auf diese Weise entstand  am 1. Februar 1968 eines der berühmtesten Bilder der Kriegsfotografie – wie ein Mann in Zivil von einem Militär erschossen wird. Man kann auch sagen: hingerichtet. Man kriegt das Bild kaum aus dem Kopf. Viele sind der Meinung, dass es den Lauf des Krieges verändert hat.

Der Mann im Karohemd hieß Nguyen Van Lem. Er war Mitte 30, verheiratet, ein Kämpfer der kommunistischen Vietcong, die in dem geteilten Land unter Ho Chi Minh gegen Südvietnam und damit auch gegen die USA kämpften. Eigentlich hatten beide Seiten zu Vietnams Neujahrstag, dem 1. Februar, eine Feuerpause vereinbart. Entgegen aller Zusagen startet Ho Chi Minh am Tag zuvor einen Angriff, der als Tet-Offensive in die Geschichte einging.

Auch in Saigon wurde schwer gekämpft. Lem war mittendrin. Er soll, genau weiß man das bis heute nicht, einer Todesschwadron angehört haben, die es auf südvietnamesische Polizisten und ihre Familien abgesehen hatte. Angeblich wurde er an jenem Morgen in der Nähe eines Massengrabs mit 34 Leichen verhaftet. Der australische Kameramann Neil Davis berichtete später, dass Lem auch Freunde von Saigons Polizeichef Nguyen Ngoc Loan ermordet habe, auch Patenkinder von ihm.

Loan war der Mann mit dem Revolver. Ein General von 37 Jahren, ehemaliger Pilot, Studienfreund von Südvietnams Ministerpräsident. Er behauptete später, dass Lem die Familie eines seiner Offiziere getötet habe. Das passt zur Darstellung des Australiers. Ob es stimmt, wird man wohl nie erfahren. Jedenfalls drückte der General aus seiner Pistole ohne jedes Zögern ab.

Die Szene wurde von einer Hand voll Kriegsreporter verfolgt. Manche sagen, dass Loan den Vietcong ansonsten nie erschossen hätte. Die Aufnahmen, die der Kameramann Vo Suu für den US-Fernsehsender NBC drehte, kann sich heute jeder auf YouTube anschauen. Dort ist zu sehen, wie Lem zusammenbricht, nach rechts auf die Straße sinkt und dann Blut aus seinem Kopf sickert.

Auf dem Titel der großen Zeitungen

Viel mehr Wirkung als die Fernsehbilder hatte jedoch das Foto, das Adams machte. Der Amerikaner, seinerzeit 34, war für die Nachrichtenagentur AP im Einsatz. Er dachte, ein Verhör auf offener Straße zu fotografieren. „Damals war es üblich, dass man Gefangenen dabei die Pistole an die Schläfe hält“, erzählte Adams später. Es kam anders.

Das Foto hatten in den Tagen danach alle großen US-Zeitungen und auch viele Blätter im Rest der Welt auf dem Titel. Man schaut auf den General, seinen Arm, die Pistole und irgendwann dann auch ins Gesicht von Nguyen Van Lem, der gerade sein Leben verliert. Das linke Auge ist noch offen. Viele sahen sich durch das Bild in der Einschätzung bestätigt, dass die USA in Vietnam die falschen Leute unterstützten. Die US-Politik geriet in die Defensive.

Das Bild wurde Pressefoto des Jahres. Adams bekam dafür den Pulitzer-Preis, Amerikas wichtigste Auszeichnung für Journalisten. Das Magazin Time nahm es auf die Liste der wichtigsten 100 Fotos aller Zeiten. Trotzdem erzählte Adams später immer wieder, dass er die Aufnahme bereue. Und manchmal stellte er auch die Frage: „Was hätten Sie getan, wenn Sie der General gewesen wären? Zu dieser Zeit und an diesem Ort? Und Sie hätten diesen angeblichen Schurken gefangen, nachdem er ein, zwei oder drei amerikanische Soldaten abgeknallt hätte?“ Die Frage beschäftigte ihn bis zu seinem Tod 2004.

Nach dem Abzug der US-Truppen aus Saigon 1975 floh der General mit seiner Familie in die USA. Es gab Forderungen, ihn als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, aber dazu kam es nie. Im US-Bundesstaat Virginia eröffnete er eine Pizzeria, die er aber wieder schließen musste, als seine Vergangenheit bekannt wurde. 1998 starb er mit 67 Jahren an Krebs. (dpa)