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DDR-Mopeds in der Kunstausstellung

Karl Clauss Dietel hat den Wartburg, das S50 und einen nie gebauten Trabi-Nachfolger entworfen. Eine Ausstellung in Chemnitz würdigt sein Schaffen.

Karl Clauss Dietel präsentiert in den Kunstsammlungen Chemnitz ein Simson-Moped, das er einst gemeinsam mit Lutz Rudolph entworfen hat.
Karl Clauss Dietel präsentiert in den Kunstsammlungen Chemnitz ein Simson-Moped, das er einst gemeinsam mit Lutz Rudolph entworfen hat. © dpa-Zentralbild

Von Andreas Hummel

Von der Schreibmaschine Erika bis zum Radio mit Kugellautsprechern, vom legendären Moped Simson S50 bis zum Strickautomat: Karl Clauss Dietel hat im Osten Design-Geschichte geschrieben. Und die Fan-Gemeinde einiger dieser Produkte ist bis heute groß. 2019 hat der in Chemnitz lebende Gestalter seinen Vorlass der dortigen Kunstsammlung übergeben – mehr als 8.000 Positionen. Einen Ausschnitt dieses üppigen Gesamtwerkes zeigt das Museum nun in einer Ausstellung unter dem Titel „simson, diamant, erika – Formgestaltung von Karl Clauss Dietel“.

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Zu sehen sind nicht nur die Entwürfe, die es zur Serienreife gebracht haben. Die Schau gibt auch Einblicke zu ambitionierten Gestaltungen, die in der DDR-Planwirtschaft letztlich nicht verwirklicht wurden. Etwa seine Arbeiten für ein Nachfolgemodell des Trabant 601 und das Kleinwagenmodell DRX, das durch große Fenster, viel Platz im Innenraum und einen langen Radstand besticht.

Die Schreibmaschine Erika 50/60, 1970 von Formgestalter Karl Clauss Dietel entwickelt, steht jetzt in den Kunstsammlungen Chemnitz.
Die Schreibmaschine Erika 50/60, 1970 von Formgestalter Karl Clauss Dietel entwickelt, steht jetzt in den Kunstsammlungen Chemnitz. © dpa-Zentralbild

Entwürfe für Kraftfahrzeuge haben in Dietels Schaffen die größte Rolle gespielt, wie Kuratorin Antje Neumann-Golle erläutert. Das zeigen schon die Entwürfe zu seiner Diplomarbeit an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee zu einem Mittelklassewagen mit Steilheck. Das meiste davon ist aber nie in Serie gegangen. „Er ist der tragische Held des DDR-Automobilbaus.“ Immerhin lieferte er den Grundentwurf zum Wartburg 353, der modifiziert umgesetzt wurde.

Erfolgreicher war er bei Zweirädern wie dem Moped S 50 aus Suhl und dem Motorrad ETZ 150 der Motorradwerke Zschopau. Im Interview mit der SZ sagte Dietel: „Wir waren Berserker, richtige Fundamentalisten, wenn es darum ging, unsere Ideen durchzusetzen.“ Und er formulierte einen Grundsatz für seine Arbeit so: „Das Wort schön verwende ich nicht. Wenn etwas gelungen ist, nenne ich es brauchbar. Modern ist das einer Zeit Gemäße. Wir haben tatsächlich immer versucht, das Modische zu erkennen, um es zu vermeiden.“

Karl Clauss Dietel erläutert in den Kunstsammlungen Chemnitz auf einem Plakat sein offenes Prinzip an einer Simson.
Karl Clauss Dietel erläutert in den Kunstsammlungen Chemnitz auf einem Plakat sein offenes Prinzip an einer Simson. © dpa-Zentralbild

Anhand von Skizzen, Modellen aus Gips, Holz oder Schaumstoff, Fotografien bis hin zum fertigen Serienprodukt werden nun in Chemnitz verschiedene Etappen im Gestaltungsprozess nachvollziehbar. Vieles entstand in Zusammenarbeit mit Lutz Rudolph (1936 – 2011). Beide seien „kongeniale Partner“ gewesen, betont Neumann-Golle. Charakteristisch für die Entwürfe ist das „offene Prinzip“. Dabei bilden die einzelnen Elemente klar getrennte Einheiten. Das hatte nebenbei den Vorteil, dass Nutzer mit wenig Aufwand technische Veränderungen und Reparaturen vornehmen konnten, wie es sich etwa bei den bis heute beliebten Simson-Mopeds zeigt. Weitere Leitlinien seiner Gestaltung hat Dietel in den „fünf L“ zusammengefasst: langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise.

Auf Umwegen zum Design

Zum Produktgestalter wurde Dietel auf Umwegen. Zunächst lernte er Maschinenschlosser, ging nach der Lehre an die Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau in Zwickau; später studierte er an der Kunsthochschule in Berlin. Heute gilt der 86-Jährige als bedeutendster Designer der DDR. 2014 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Er selbst mag jedoch nicht Designer genannt werden. „Der Begriff Design kam in der BRD in den 70er-Jahren auf, als man meinte, sich international anpassen zu müssen“, so Dietel in einem früheren Interview mit der SZ. „In der DDR gab es das Amt für Formgestaltung. Als das Allunionsinstitut für Technische Ästhetik in Moskau 1978/79 beschloss, den Begriff Design zu verwenden, galt das sofort auch in der DDR. Diese Gleichschaltung weckte meine Aversionen.“

Das Rundfunkgerät RK 5 sensit und die Lautsprecher K 20 sensit von Heliradio entwarfen Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolphgemeinsam.
Das Rundfunkgerät RK 5 sensit und die Lautsprecher K 20 sensit von Heliradio entwarfen Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolphgemeinsam. © dpa-Zentralbild

Dietels Wirken war mit der Wiedervereinigung nicht zu Ende. Davon zeugen in der Schau etwa ein Multifunktionstelefon für Philips und Elektrofahrräder für Diamant aus den frühen 1990er-Jahren.Schwierigkeiten, in der DDR Ideen durchzusetzen, beschreibt Dietel, der betont, niemals in einer durchdesignten Wohnung gelebt zu haben, so : „Ich habe mal einen Stuhl für ein Ferienheim gemacht. Und wir haben Religionskriege geführt um den Winkel der Lenksäule im Trabant. Denn wir wollten erreichen, dass die Leute entspannt drin sitzen können. Durch mein Studium als Fahrzeugingenieur war ich zwar vorgeprägt, aber ich hätte gern ein modernes Sitzmöbel entworfen.“

Von der Scheuerleiste zur ganzen Stadt

Die Ausbildung in der DDR sei universell gewesen. „Wir lernten bei Architekten und Grafikern, nur bei den Modemädchen waren wir nicht. Unser Lehrer Selman Selmanagic an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sagte: ,Kannst du Scheuerleiste machen, kannst du gestalten Stuhl. Kannst du gestalten Stuhl, ist Haus entwerfen kein Problem. Kannst du entwerfen Haus, bist du in der Lage, Stadt zu bauen.’“ Dieses Prinzip habe nie seine Gültigkeit verloren. (SZ/dpa)

Die Ausstellung ist in den Kunstsammlungen am Chemnitzer Theaterplatz bis 3. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Di/Do bis So 11 – 18 Uhr; Mi 14 – 21 Uhr

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