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Wie Sigmund Jähn zum Pop-Helden gemacht wird

Die Musikwelt der DDR war speziell. 30 Jahre nach dem Ende des Staates wird sie sogar noch fantastischer.

„Ich, Sigmund Jähn“ sei eine Hymne an den ersten Deutschen im All und etwa 1978 entstanden, so das Label Tapete Records. Das hat sich die Story um DDR-Sängerin Charlie Keller allerdings ausgedacht.
„Ich, Sigmund Jähn“ sei eine Hymne an den ersten Deutschen im All und etwa 1978 entstanden, so das Label Tapete Records. Das hat sich die Story um DDR-Sängerin Charlie Keller allerdings ausgedacht. © PR

Von Gunnar Leue

Die junge Frau singt in schönster Poppigkeit im Video: „Ich, Sigmund Jähn“, während der erste deutsche Raumfahrtheld durch die Youtube-Röhre schwebt. Das Lied war lange verschollen und tauchte erst kürzlich in Hamburg auf. Die Geschichte seiner Wiederentdeckung klingt noch schöner als die Hommage an den DDR-Kosmonauten, der 1978 in einem sowjetischen Sojus-Raumschiff als erster Deutscher ins All flog.

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Die Erzählung der Plattenfirma Tapete Records geht so: Auf einem Flohmarkt hätten sie vor Jahren ein altes ORWO-Tonband gefunden und nun endlich ein Abspielgerät aufgegabelt, um die Musik einer – laut Kritzelschrift – gewissen Charlie Keller abzuhören. Nachforschungen über die Sängerin erbracht nichts. Erst nach einem öffentlichen Aufruf habe man spärliche Informationen erhalten. Hinter dem Pseudonym Charlie Keller soll eine gebürtige Wattenscheiderin stecken, die als Kommunistin in die DDR gegangen sei, wo sie wegen ihrer Aufmüpfigkeit von der Musikhochschule flog. Angeblich sei sie kurz vorm Mauerfall in die BRD ausgebürgert worden, ihr Verbleib dort aber nicht bekannt. Einzige Überbleibsel ihres spannenden Lebens seien ihr um 1978 aufgenommener „Sigmund Jähn“-Song und ein altes Foto.

Leider zu schön, um wahr zu sein. Charlie Keller ist nicht der einzige Ostpop-Mythos, der auf wackligem Grund steht. Einige wurden schon in der DDR in die Welt gesetzt, andere erst nach deren Ableben. Allen Versionen gemein ist, dass sie oft lustig sind und ihr Inhalt prinzipiell glaubhaft. Schon, weil auch an den abstrusesten Erzählungen aus der ostdeutschen Unterhaltungsrepublik irgendwas dran war.

Nehmen wir die Band Pancake Barricades. Sie tourte im Sommer 1988 als Vorgruppe der Band Die Anderen entlang der Ostseeküste. Die Musiker trugen Strohhüte und in ihrem Programm namens „Mexiko“ spielten sie den Toten Hosen-Song „Und die Jahre ziehen ins Land“. Da die Pancake Barricades nicht extra als Vorgruppe angekündigt worden waren, hatte sich nach einem Konzert in Rostock das Gerücht entwickelt, dass es sich um heimliche Gigs der Toten Hosen handelt. „In Wismar standen plötzlich Massen vor dem Klub, die alle ins Konzert wollten und skandierten: ‚Hosen!, Hosen!‘. Wir haben sie während des Konzerts auch im Glauben gelassen, dass wir es sind, und die Leute gingen voll ab“, erinnerte sich Kai-Uwe Kohlschmidt, Sänger der falschen Toten Hosen, im wahren Leben Frontmann der Cottbuser Band Sandow. „Alle wollten uns kennenlernen und hinter die Bühne kommen. Wir haben bloß Mädels reingelassen und zwei fragten uns tatsächlich sogar, ob wir etwas für sie tun könnten, damit sie für eine Westkarriere entdeckt würden. Leider konnten wir ihnen nicht weiterhelfen.“

Zu diesem für Sandow erfreulichen Konzerterlebnis kam es vielleicht auch deshalb, weil sich unter den Hosen-Fans in der DDR ebenfalls herumgesprochen hatte, dass die Düsseldorfer Punkband gern mal Geheimgigs unter lustigen Fake-Namen spielte. Und einige wussten vielleicht sogar, dass sie auch schon heimlich in der DDR – 1983 und 1988 jeweils auf Ostberliner Kirchengelände – aufgetreten waren. Warum also auch nicht an der Ostsee. Überhaupt waren die illegalen Gigs von Westbands in der DDR ein sagenumwobenes Thema unter szenekundigen Ostjugendlichen. Was stimmte, was nicht? Udo Lindenberg heimlich aufgetreten in Ostberlin? Tatsächlich. In den späten Siebzigern war er mit Tagesvisum aus Westberlin gekommen, um sich persönlich ein Bild zu machen, welche Band seine Lieder dort so perfekt nachspielen soll. Die Rede ist nicht von der Ostküstenband Transit, sondern von Fritzens Dampferband aus Berlin. Also besuchte Udo einen ihrer Auftritte im Tanzrestaurant „Lindencorso“ und setzte sich für ein paar Titel ans Schlagzeug, an seiner Seite übrigens Achim Mentzel als Gitarrist.

Eine andere Berühmtheit, die bei einem Abstecher nach Ostberlin einen spontanen Klubauftritt hatte, wäre David Bowie gewesen, sind sich jedenfalls mehrere Leute aus der damaligen Ostberliner Undergroundszene sicher. Einer berichtete vor Jahren, dass auch er 1983/84 im „Krausnik-Club“ in Berlin-Mitte, wo er selbst als Einlasser arbeitete, Bowie sah. Der Engländer war ziemlich auf Droge und soll spontan vierzig Minuten auf der Bühne ein paar Songs gesungen haben. So hat der Bowie-Mythos, der zu Westberlin gehört wie Kreuzberg, auch eine Ostberlinfacette, die über sein Konzert vorm Reichstag 1987, das zu Fantumulten auf der Ostseite der Mauer führte, hinausgeht.

In den Neunzigern veröffentlichten ausgerechnet zwei Schweden unter dem Namen IFA Wartburg eine CD zum Lob des Sozialismus. Die beiden Stockholmer fabrizierten mit ihren Easy-Listening-Ska-Titeln „Agrarwissenschaft im Dienste des Sozialismus“ oder „Zur Konferenz in Rostock“ ungeniert flotten Agit-Ostrock. Ein Titel, „Kosmoskost“, widmet sich auch der DDR-Raumfahrttradition („Wir essen Kosmoskost, wir trinken Kosmosmost“).

IFA Wartburg ist entschwunden, dafür singt nun Charlie Keller poppige Lieder vermeintlich made in GDR. Auch wenn’s ein Fake ist, zeigt es, dass der Ostpop heute im Westen seinen Schrecken als vermeintlich ödes Liedgut verloren hat und man ihm offenbar gar einen gewissen Verkaufscharme zugesteht. „Manfred Krug oder Holger Biege, das war schon sophisticated Popmusik“, sagt der Mann vom Tapete-Label, geboren und aufgewachsen in Hamburg. Und er meint das völlig ernst.

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