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Wo sich NVA-Offiziere erhängen

Der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte einer Familie, zu der auch der Maler Georg Baselitz gehört.

Lukas Rietzschel lebt in Görlitz und wird nächstes Jahr Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles sein.
Lukas Rietzschel lebt in Görlitz und wird nächstes Jahr Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles sein. © kairospress

Für Jan waren die Eltern Raumfahrer. Sie schwebten in einer Zwischenwelt. Aus den alten Umständen waren sie gründlich herausgerissen, in den neuen nicht angekommen. Sie streckten die Hände in alle Richtungen aus und griffen ins Leere. Jan stand auf der Erde und richtete sein Fernglas auf sie, bis er merkte: Er gehört dazu, hängt genauso in der Luft wie sie.

Erkundungen in der Nachwendeprovinz

Damit schafft Lukas Rietzschel ein prägnantes Bild für das Lebensgefühl vieler Ostdeutscher. Zugleich beschreibt er seine eigene Rolle als Schriftsteller. Aus der Distanz beobachtet er die Verhältnisse, in die er allein schon durch seine Herkunft verwickelt ist. Er wurde 1994 in Räckelwitz geboren und lebt in Görlitz. „Raumfahrer“ heißt sein neuer Roman, der dort an diesem Sonnabend Premiere feiert. Mit dem Buch setzt der Autor seine Erkundungen in der Nachwendeprovinz fort. Schon sein Erstling „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von 2018 fiel durch radikale gesellschaftsanalytische Sicht auf. Sein Theaterstück „Widerstand“, verfasst im Auftrag des Leipziger Schauspiels und dort für Online-Streaming inszeniert, erzählt von Entfremdung und wachsender Wut im Osten. Mit dem neuen Roman spannt Lukas Rietzschel den Bogen weiter bis in die Nachkriegsgeschichte. Und er baut den Text geschickt mit mehreren Ebenen, verschachtelt Zeiten, Motive und Figuren. Da hat sich etwas entwickelt. Den Spielraum liefert erneut die Lausitz. Im Zentrum Kamenz mit der inzwischen eingegliederten Gemeinde Deutschbaselitz.

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Die ferne Heimat des Star-Künstlers

Nach diesem Ort nannte sich der Maler Hans-Georg Kern. Als Georg Baselitz gehört er heute zu den teuersten Künstlern Deutschlands. Im Roman werden die Landschaften seiner frühen Bilder lebendig, der Großteich, die verkrüppelten Apfelbäume. Auch die Menschen werden beschrieben, wie sie Baselitz etwa in seiner „Helden“-Serie porträtierte: graugesichtige Kriegsheimkehrer in zerlumpten, blutigen Uniformen. „Bruchkanten und Risse waren sichtbar und durchzogen die Männer und alles um sie herum.“ So sehen Verlierer aus und nicht Helden. Sie ähneln jenen, die ein halbes Jahrhundert später im Ort unterwegs sind, die Ausgemusterten, die Plattenbaubewohner und sogenannten Altkader, NVA-Offiziere zumeist, von denen es heißt, dass sie sich in den Garagen erhängen.

Lukas Rietzschel bei der Signierstunde nach einer Lesung aus seinem Debütroman „"Mit der Faust in die Welt schlagen“".
Lukas Rietzschel bei der Signierstunde nach einer Lesung aus seinem Debütroman „"Mit der Faust in die Welt schlagen“". © www.wolfgang-wittchen.de

Sie sind anders verwundet, aber ebenso fremd in der umgekrempelten Heimat. Das Wort Leerstand gilt auch für Seelen. Selbst die Gewerbegebiete funktionieren nicht mehr, die nach ´89 als Zeichen der Zuversicht auf die grüne Wiese gepflanzt worden waren. „Modellregion Lausitz“ steht auf einem Pappschild im Museum, das kein Museum mehr ist. Aber Wanderkarten gibt es. Sie verzeichnen auch das Geburtshaus von Baselitz.

Ungeheuerliche Funde in Stasi-Akten

Der Autor folgt vielfach den biografischen Tatsachen. Erzählt von der Familie Kern, die in der bescheidenen Lehrerwohnung im oberen Stockwerk der Schule lebt. Erzählt von der Widerspenstigkeit des angehenden Künstlers, der in Berlin von der Hochschule fliegt und noch vor dem Mauerbau in den Westsektor wechselt. Erzählt vor allem vom Baselitz-Bruder Günter, der bei der Reichsbahn lernt und im Roman als Fahrschullehrer arbeitet. Die Akten, Briefe und Stasi-Unterlagen von Günter Kern spielten für das Buch eine entscheidende Rolle. „Was ich da mitunter gefunden habe, ist ungeheuerlich“, sagt Lukas Rietzschel in einem Gespräch. Er porträtiert einen Mann, der nicht nur von Chef und Anwalt bespitzelt wird – er zerbricht fast an einem noch viel größeren Verrat.

"Das ganze beschissene Land ernährt"

Was diese Geschichte mit Jan zu tun hat, bleibt lange offen. Er arbeitet in einem Krankenhaus, das angeblich nicht mehr gebraucht wird. Mit seinem Vater lebt er in einem Einfamilienhaus mit Blick auf die Laderampe eines Dänischen Bettenhauses. Die Mutter hat die Familie verlassen und verwahrlost im Alkohol. „Ich muss weg“, sagt sie nur. Ein Familiengeheimnis deutet sich an. Auf die Frage nach dem Warum bekommt Jan auch sonst keine Antwort. Die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, zwischen Ost und West, Stadt und Provinz ist ein Thema, das den Autor umtreibt. Statt Erklärungen findet er simple Zuschreibungen. Für Jan heißt das: „Deine Eltern sind rückständige Höhlenmenschen, die in ihrem Leben noch nie eine Banane in der Hand gehalten, aber für die Stasi gearbeitet haben. Trifft Letzteres nicht zu, waren sie Opfer der Stasi.“

Dieses Narrativ sei um 2015 abgelöst worden durch ein anderes: „Deine Eltern sind nach der Wende arbeitslos geworden, waren frustriert und wütend und wurden deswegen rechtsextrem.“ Jans Vater reagiert auf solche Klischees tief gekränkt, manchmal spöttisch. Als Fischer in der Lausitz hätten sie das ganze beschissene Land ernährt, sagt er, „und jetzt sollen wir Hausmeisterfirmen gründen, oder was?“. Er verwehrt sich gegen die Phrase von der Anerkennung der Lebensleistung: „Muss ich da jetzt zum Amt und krieg da einen Stempel für?“

Lukas Rietzschel bei einer Diskussion mit dem Dresdner Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Patzelt
Lukas Rietzschel bei einer Diskussion mit dem Dresdner Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Patzelt © www.wolfgang-wittchen.de

Mit diesem Mann bringt Lukas Rietzschel eine großartige Figur in die Literatur: ein starker, selbstbewusster, widersprüchlicher und in sich zerrissener Charakter, lädiert, aber nicht verzweifelt. Auch der Baselitz-Bruder Günter Kern wird als feiner eigensinniger Kopf vorgestellt. Er entwickelt fast wahnhafte Züge, als er ahnt, dass ihn die Staatssicherheit observiert. Dagegen bleibt Jan eine eher blasse Figur. Erst am Ende begreift er, auf welche Weise Günter Kern und sein Vater verbunden sind, wie sich deren Lebenswege vor Jahrzehnten kreuzten – und welchen Part eine verräterische Frau dabei spielte. Liebe, Krimi, Kunst und die Brüche der jüngeren deutschen Geschichte, all das verbindet der neue Roman von Lukas Rietzschel spannend und provokant zugleich.

Lukas Rietzschel: Raumfahrer. dtv, 287 Seiten, 22,70 Euro; Buchpremiere am 24. Juli ab 19 Uhr in der Görlitzer Rabryka (ausverkauft); weitere Termine unter www.lukasrietzschel.de

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