Teilen:

Der Engel der Taubblinden hört auf

© Jürgen Lösel

Am Mittwoch geht Pfarrerin Ruth Zacharias in Ruhestand. Der Taubblindendienst hat ihr viel zu verdanken. Dafür erhält sie eine ganz besondere Auszeichnung.

Jens Fritzsche

Radeberg. Wenn sie mal Zeit hat, sagt sie oft, müsse sie eigentlich mal ein Buch über all das schreiben. Aber bisher hatte Ruth Zacharias einfach kaum Zeit. Aber Geschichte hat sie geschrieben, die bescheidene Pfarrerin, die – selbst blind – ihr Leben in den Dienst von Taubblinden gestellt hat. Von Menschen, die weder sehen noch hören können. Mit dem „Storchennest“ an der Pillnitzer Straße in Radeberg hat sie ihnen einen Ort geschaffen, den es in ganz Deutschland so nur ein einziges Mal gibt. Hier in Radeberg. Denn das „Storchennest“ ist Deutschlands einziges Haus, in dem taubblinde Menschen betreut werden, sogar Urlaub machen können. Ein in jedem Fall europaweit einzigartiger botanischer Blindengarten gehört mittlerweile ebenso dazu, wie Wohnungen für Taubblinde. Und jüngst wurde hier im aufwendig sanierten, und eigentlich abrissreifen, aber unter Denkmalschutz stehenden Wirtschaftsgebäude gleich am Eingang zum Areal das „Spatzennest“ eröffnet. Eine Tageswerkstatt. Hier arbeiten Taubblinde unter Anleitung geschulter Fachkräfte – auch das gibt es so bisher nur hier.

Ungewöhnliche Lebenswerk

Nun wird Ruth Zacharias 75 und geht in Ruhestand. Am Mittwoch wird sie mit einem Festgottesdienst in der Radeberger Stadtkirche verabschiedet. Und wird dabei mit einer ganz besonderen Auszeichnung geehrt werden: Der Weltverband der Taubblinden wird ihr den „Lifetime-Award“ für ihr ungewöhnliches Lebenswerk verleihen. Und sicher wird die Stadtkirche rappelvoll besetzt sein. Viele werden kommen, um sich zu bedanken – beim „Engel der Taubblinden“, wie sie von den Radebergern liebevoll genannt wird. Ob sie nun das bereits erwähnte Buch schreiben wird, ist offen. Wobei diese Geschichte eigentlich unbedingt erzählt werden müsste. Die Geschichte der blinden Pfarrerin, die sich zeitlebens um Taubblinde gekümmert hat.

1962, als gerade mal 22-Jährige, begann sie unter dem Dach der evangelischen Kirche der DDR ihre Arbeit. „Ganz allein bin ich dann im Zug kreuz und quer durch die Republik gefahren, habe die Taubblinden besucht, habe ihnen Hilfsangebote unterbreitet“, erzählte die im Örtchen Mölschow auf der Ostseeinsel Usedom geborene Ruth Zacharias vor einiger Zeit im Gespräch mit der SZ. Etwa 150 Familien gab es in der DDR damals, die taubblinde Kinder hatten; „ich habe versucht zu helfen, mit diesem Schicksal umzugehen“, beschreibt sie. Dass sie auch selbst blind war, half ihr dabei, sich wirklich einfühlen zu können.

Entscheidung für das Storchennest

Mit 30 begann Ruth Zacharias dann ein Theologiestudium in Berlin, kam 1973 nach Dresden, um ihr Vikariat – also die praktische Pfarrerausbildung – zu absolvieren. Von Dresden aus baute sie dann die Taubblindenbetreuung in der DDR Schritt für Schritt weiter auf. Mitte der 1980er-Jahre wurde dann klar: „Wir brauchen einen festen Ort für unsere Arbeit, ein Gebäude, in dem wir zum Beispiel Seminare für die betroffenen Familien organisieren können“, erinnert sich Ruth Zacharias. Am 7. Dezember 1988 hatte der Rat des Taubblindendienstes – eine Arbeitsgemeinschaft im evangelischen Werk der DDR – entschieden, das marode Storchennest in Radeberg zu übernehmen, das seinen Namen dabei von seiner einstigen Bestimmung als Entbindungsklinik hatte, und dort diese Begegnungs- und Betreuungsstätte für Taubblinde aus der gesamten DDR entstehen zu lassen.

Langwierige Suche

Da lagen allerdings bereits zwei Jahre Haus-Suche hinter Ruth Zacharias; „eine wirklich abenteuerliche Zeit“, erinnert sie sich noch immer. „Die Kirche durfte zu DDR-Zeiten ja nicht neu bauen, deshalb musste es ein altes Gebäude sein“, beschreibt sie. Alte Schlösser, alte Gaststätten, etwa 40 heruntergekommene Gebäude waren es, die sich die Gruppe um die Pfarrerin zu Gemüte geführt hatte. Dass die Wahl letztlich auf Radeberg fiel, war Zufall. Im Juli 1988 war es, „wir saßen in der Superintendentur in Kamenz – und ich hatte einfach keine Lust mehr, zu suchen, ich war fix und fertig.“, erzählt Ruth Zacharias. Da kam der entscheidende Hinweis. Ein Großröhrsdorfer, der auf seinem Arbeitsweg täglich am Radeberger Storchennest vorbei kam und der wusste, dass der Taubblindendienst nach einem Domizil suchte, hatte an diesem Tag dann den Tipp gegeben, zu versuchen, das seit 1973 leer stehende Gebäude zu bekommen. Heißt, 15 lange Jahre war das Haus ungenutzt, „und ein regelrechter Urwald aus Ahorn war ringsum gewachsen – eine echte Ruine“, beschreibt Ruth Zacharias. Fügt aber entschlossen an: „Doch wir wollten das Haus!“

Runde 500 000 DDR-Mark waren gesammelt worden, aber es gab noch ein wichtiges Problem zu lösen: Das Haus war kein Kirchen-Gelände, es gehörte dem Rat des Kreises. Aber würde die politische Führung Radebergs sich auf dieses Ansinnen der Kirche einlassen? „Der damalige Radeberger SED-Bürgermeister Siegfried Hennig gab grünes Licht, das war außergewöhnlich“, klingt die Pfarrerin noch immer begeistert, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Der Nutzungsvertrag war dann im Juni 1989 unterschrieben worden.

Ein neues Problem

Doch plötzlich veränderte sich die politische und später auch die tatsächliche Landkarte: Denn es folgte die politische Wende in der DDR und die Wiedervereinigung. Und damit stand plötzlich ein neues Problem vor den Machern: Das Grundstück gehörte einer Erbengemeinschaft. Aber auch das wurde gelöst. Und Ruth Zacharias hat eine recht einfach klingende Erklärung dafür: „Es fügte sich immer alles, und ich sage dazu immer: Gott hat uns hier einfach nie sitzen lassen!“

Aber ohne das tatkräftige Zupacken von Ruth Zacharias und ihren Mitstreitern wäre aus dem heruntergekommenen „Storchennest“ sicher nicht das geworden, was es heute ist. Auch der Botanische Blindengarten wäre wohl nicht entstanden, der demnächst sogar ein erweitertes Gewächshaus bekommen soll. Dass dieses Engagement auch weit über Radeberg und auch weit über kirchliche Kreise hinaus Beachtung findet, zeigt zum Beispiel, dass 2011 der damals neu geschaffene Bürgerpreis des Freistaats Sachsen an Ruth Zacharias ging. Der Preis – den die Stiftung Frauenkirche, die Kulturstiftung der Dresdner Bank und der Freistaat vergeben – wurde ihr dabei von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in der Unterkirche der Frauenkirche in Dresden überreicht. Und natürlich freute sich Ruth Zacharias über diese besondere Ehrung. „Aber die größte Auszeichnung ist immer der Dank der Taubblinden“, sagte sie anschließend bescheiden. Und das mit dem Preis verbundene Geld – immerhin 5 000 Euro – floss dann auch gleich direkt in die Umsetzung des „Spatzenhof“-Projekts.

Nun geht sie in Ruhestand. Aber das „Storchennest“ an der Pillnitzer Straße wird auch weiterhin ihre Herzensangelegenheit bleiben. Und unabhängig davon, ob Ruth Zacharias das erwähnte Buch nun schreiben wird – ins Geschichtsbuch, nicht nur der Stadt Radeberg, hat sie sich längst eingeschrieben. Als „Engel der Taubblinden“…

Der Festgottesdienst findet am 12. August um 13 Uhr in der Radeberger Stadtkirche statt. Die Leitung des „Storchennestes“ wird künftig in den Händen von Pastorin Ulrike Fourestier als Geschäftsführerin, Verwaltungsleiter Gerold Augart und Technikchef Frank Hasse liegen.