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Mehr Schaufeln braucht das Land

Man glaubte sie schon ausgestorben, aber es gibt sie noch: Solidarität. Das ist auch nötig. Nicht nur für die Flutgebiete im Westen Deutschlands. Ein Kommentar.

Mit einer Menschenkette befördern Helfer Sandsäcke in ein brüchiges Uferteil der Erft in Bad Münstereifel. In der Hochwasserkatastrophe haben sich die Menschen wieder mehr gegenseitig geholfen.
Mit einer Menschenkette befördern Helfer Sandsäcke in ein brüchiges Uferteil der Erft in Bad Münstereifel. In der Hochwasserkatastrophe haben sich die Menschen wieder mehr gegenseitig geholfen. © Roberto Pfeil/dpa

Wir erleben in diesen Tagen nicht nur die verheerenden Folgen der Flut in Westdeutschland, sondern eine Fülle ermutigender Zeichen. Unternehmer befüllen auf eigene Rechnung Lastwagen mit Kraftstoff und schicken sie in die betroffenen Gebiete, für die Notstromaggregate. Andere entsenden Bagger oder organisieren Shuttlefahrten für die Helfer, die in großer Zahl in den Hochwassergebieten im Einsatz sind. Viele Menschen spendeten in wenigen Tagen enorme Summen, allein die Leserinnen und Leser der SZ bisher 800.000 Euro an die Stiftung Lichtblick. Auch dies ist eine Art, Anteilnahme zu zeigen, Hilfsbereitschaft. Und etwas, das schon verschwunden schien: Solidarität.

Zwischen all den Konflikten und Diskursen in dieser zerrissenen, suchenden Zeit ist sie plötzlich aufgetaucht. Niemand fragt, wer das eigentlich ist, dem man da hilft. Es ist nicht entscheidend, ob er das Impfen befürwortet oder nicht, mit Querdenkern sympathisiert oder sie kategorisch ablehnt, Wessi oder Ossi ist. Im Angesicht von existenziellen Nöten bringen Menschen Zeit und Kraft auf und bilden eine vielfältig zusammengesetzte Hilfsgemeinschaft. Vielen ergeht es wie jenem Spiegel-Reporter, der, statt in einem der Katastrophenorte gleich loszulegen mit seinen Fragen, zuerst eine Schaufel in die Hand nahm und half, Schlamm zu schippen.

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Die Katastrophenforschung weiß: Die instinktive, von Mitgefühl geprägte Solidarität, wie sie derzeit in den Flutgebieten herrscht, ist eine zarte Pflanze. Irgendwann taucht die Überlegung auf, dass man sich doch wieder um die Familie kümmern und Geld verdienen muss. Dennoch sollte man einmal innehalten und sich freuen, dass es so etwas noch gibt: Menschen, die praktisch oder bildlich gesehen eine Schaufel in die Hand nehmen, um andere zu unterstützen, ganz ohne staatlichen Auftrag.

Immer wieder andere Auffassung von Solidarität

Man fragt sich: Wo sind diese Menschen und ihr Engagement sonst? Findet man sie unter den Tausenden, die Ehrenämter ausüben? Nimmt man sie zu selten wahr im medialen Dauerstrom aus Seuchen, Morden, Missbrauch, Kriegen und sonstigen menschlichen Monstrositäten? Sie fallen meist nicht auf in einer Gesellschaft, die eine gigantische, überregulierte Ich-AG bildet, angetrieben von der Sucht nach individueller Entfaltung und dem Ziel des materiellen Gewinns. Wie ein Dinosaurier wirkt darin jeder, der von „Solidarität“ spricht. Als beschwöre man etwas, das ein hübscher Traum sein mag, aber unrealistisch, irgendwie gestrig.

Tatsächlich ist der Begriff „Solidarität“ im 19. und 20. Jahrhundert oft arg strapaziert worden, vor allem im Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung. Der gemeinschaftliche Kampf mündete an mehreren Stellen in eine Diktatur der Arbeiterklasse und entzog jenen die Solidarität, die anders dachten als die Herrschenden.

Die Vorstellungen über Solidarität sind in Geschichte und Gegenwart extrem unterschiedlich ausgeprägt. Die großen gesellschaftlichen Bewegungen richteten sich zunächst auf Gleichheit, dann auf Freiheit. Heute dominiert eher das Bedürfnis nach Sicherheit. Das ist nicht verwunderlich in einer Zeit, in der sich durch Globalisierung, Digitalisierung, soziale Ungleichgewichte und die Klimaproblematik vertraute Strukturen in rasendem Tempo auflösen. Angela Merkels Entscheidung von 2015, Flüchtlingen die Grenzen zu öffnen, galt den einen als Akt von Solidarität, anderen als Gefährdung für die Solidargemeinschaft in Deutschland. Manche Menschen fahren auf Rettungsschiffen durch das Mittelmeer, andere wollen Europa oder ihr Land gesichert sehen wie eine Festung.

Potenziale der Solidarität zu selten genutzt

Auch die Corona-Pandemie spiegelt diesen Zwiespalt, obwohl sie selten gewürdigte Sternstunden solidarischen Miteinanders bot. Ganze Gesellschaften gingen, laut Umfragen gedeckt durch die Mehrheit, in Lockdowns mit unvorhersehbaren Folgen – nicht nur zum individuellen Wohl, sondern zum Schutz der Ältesten und Kranken. Auf der anderen Seite gibt es Teile der Bevölkerung, die die berechtigte Frage aufwerfen, welcher Grad an Solidarität ihnen zusteht. Zum Beispiel Menschen aus Berufen, die von den Einschränkungen besonders stark betroffen waren oder erneut sein könnten. Oder jene, die sich durch digitale Schulen und Universitäten wurschteln müssen.

Es ist schwierig, ein so differenziertes Phänomen wie Solidarität zu vermitteln oder zu lehren. Aber die Bilder dieser Tage zeigen, dass hier Potenziale schlummern, die von Politik, Wirtschaft und Bildung zu selten geweckt werden. Die Lehrpläne der Schulen etwa sind reformbedürftig, nicht nur im Hinblick auf die Digitalisierung. Gute Bildung sollte sich nicht beschränken auf die Vermittlung von Wissen, das vor zwanzig Jahren wichtig erschien. Zu guter Bildung gehört soziale Arbeit. Sie sollte es fördern, sich aktiv und kritisch mit den Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen.

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