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Nazis als islamistische Attentäter

In Christian Schwochows Film „Je suis Karl“ versinkt Europa in Chaos und Gewalt. Die Geschichte ist so wuchtig wie erschreckend plausibel.

Maxi (Luna Wedler) verliebt sich in Karl (Jannis Niewöhner), den Attentäter, der ihre Mutter und Brüder tötete. Die beiden jungen Schauspieler wachsen in „Je suis Karl“ förmlich über sich hinaus.
Maxi (Luna Wedler) verliebt sich in Karl (Jannis Niewöhner), den Attentäter, der ihre Mutter und Brüder tötete. Die beiden jungen Schauspieler wachsen in „Je suis Karl“ förmlich über sich hinaus. © Pandora

Von Martin Schwickert

Christian Schwochows „Je suis Karl“ läuft gerade einmal zehn Minuten, als eine Explosion die eben erst etablierte innerfilmische Normalität vollkommen zerstört. Nachdem Alex (Milan Peschel) ein Paket für die Nachbarin angenommen hat, geht er noch einmal kurz runter zum Auto. Ein lauter Knall und die nachfolgende Druckwelle werfen ihn zu Boden. Die Explosion hat das halbe Gebäude weggerissen. In dem Paket, das Alex im Flur abgestellt hat, war eine Bombe. Seine Frau und die beiden Söhne sind tot. Nur die ältere Tochter Maxi (Luna Wedler) hat überlebt, weil sie bei einer Freundin war.

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Als die Polizei den verstörten Mann befragt, kann Alex sich nur daran erinnern, dass der Paketbote einen dunklen Bart hatte. Grund genug für viele Medien, einen islamistischen Terrorangriff zu vermuten. Aber diese Spekulationen spielen für Vater und Tochter zunächst keine Rolle. Sie sind zu sehr mit den traumatischen Verlustschmerzen beschäftigt, die machtvoll von ihnen Besitz ergreifen.

Maxi (Luna Wedler) und ihr Vater (Milan Peschel) suchen in den Resten des Hauses ihre Besitztümer zusammen.
Maxi (Luna Wedler) und ihr Vater (Milan Peschel) suchen in den Resten des Hauses ihre Besitztümer zusammen. © STILLS PHOTOGRAPHER _TOM TRAMBOW

Alex wird von eigenen Schuldvorwürfen zerfressen und glaubt in der zugewiesenen Unterkunft die Stimmen seiner Kinder zu hören. Maxi fasst allen Mut zusammen, um sich dem Anblick des zerstörten Hauses zu stellen, und muss sogleich wieder vor aufdringlichen Paparazzi die Flucht antreten. Und dann steht plötzlich Karl (Jannis Niewöhner) vor ihr. Auch er hat Maxi erkannt und hilft ihr die Verfolger abzuschütteln. Karl ist zugewandt, respektvoll, einfühlsam und er lädt Maxi auf einen Kaffee und wenig später zu einer Sommerakademie ein, wo junge Menschen aus ganz Europa ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, nimmt Maxi das Angebot an und reist nach Prag. Was sie nicht ahnt und das Publikum jetzt erfährt: Es war Karl, der das Paket ausgeliefert und die Bombe gezündet hat. Der smarte Student ist Mitglied eines rechtsradikalen Netzwerkes, das auf paneuropäischer Ebene agiert. Der Anschlag, der gezielt Islamisten in die Schuhe geschoben werden soll, ist Teil einer Strategie der Destabilisierung, an deren Ende der erhoffte Umsturz steht.

Karl (Jannis Niewöhner) bei einer Rede in Straßburg.
Karl (Jannis Niewöhner) bei einer Rede in Straßburg. © Pandora

Neben den verdeckten Terroraktionen versucht das Netzwerk mit wachsendem Erfolg, auch eine rechtspopulistische Jugendbewegung aufzubauen. Die Sommerakademie in Prag erstrahlt als hipper Campus mit Gin-Verkostung, Konzerten und coolen Partys. Das identitäre Gedankengut wird unter dem Label „Re/Generation Europe“ diskret verpackt und über diverse Social-Media-Kanäle hinaus in die Welt getragen. Maxi lässt sich nach ihrer traumatischen Erfahrung vom positiven Vibe und Karls charismatischer Sexyness mitreißen und merkt zunächst nicht, das sie als Überlebende des vermeintlich islamistischen Anschlags für die rechtsradikale Kampagne missbraucht wird.

Mit erzählerischer Stringenz und realistischem Überzeugungsvermögen entwerfen Regisseur Christian Schwochow („Deutschstunde“/„Bad Banks“) und Drehbuchautor Thomas Wendrich in „Je suis Karl“ ein Szenario, das die Schraube der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit nur ein paar Umdrehungen weiterdenkt. Denn die Benutzeroberfläche des modernen Rechtsradikalismus ist längst nicht mehr von tumben Glatzkopfschlägern und alten, rechten Männern bestimmt. Die identitäre Bewegung ist international vernetzt und greift gezielt nach dem Mainstream

„Je suis Karl“ entwirft eine sehr präzise Fiktion, die das tut, was die liberale Verdrängungskultur stets verweigert: Sie nimmt die Strategien und Wunschvorstellungen der neuen Rechten ernst. Und die erschreckende Erkenntnis nach zwei atemberaubenden Kinostunden lautet: All dies ist vorstellbar, bis hin zu den bewaffneten Bürgerkriegsszenen in Strasbourg am Ende des Film, die längst durch die Nachrichtenbilder von der Erstürmung des Capitols in Washington überholt worden sind. „Je suis Karl“ erzählt von rechter Verführungskraft in Form einer Liebesgeschichte, die dank der fabelhaften Luna Wedler und eines über sich hinaus wachsenden Jannis Niewöhner alles Exemplarische abwirft und durch den Wissensvorsprung des Publikums eine eigene Wucht entwickelt.

Nach dem traumatischen Verlustschmerz vermischen sich in Maxis Seele Angstgefühle und Ausbruchsfantasien, wodurch sie zur idealen Zielperson für identitäre Verführungsstrategien wird. Absolut spannend, hochemotional, mit analytischer Schärfe und erschreckender Plausibilität erzählt „Je suis Karl“ von einer persönlichen wie gesellschaftlichen Machtergreifung – ein unüberhörbarer Weckruf und der wichtigste deutsche Film in diesem Kinojahr.

Der Film läuft in Dresden in den Kinos Schauburg und PK Ost.

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