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Teresas gutes Herz

Warum eine Landkarte von Thüringen ein Haus in Santiago de Cuba schmückt. Und eine Kubanerin von Niederschmalkalden träumt.

Trotz schwieriger Zeiten: Wenn Teresa (links) ihre Freundin Hortensia besucht, gibt es viel zu erzählen und auch zu lachen. Besonders wenn sie sich an ihre Jahre in der DDR erinnern.
Trotz schwieriger Zeiten: Wenn Teresa (links) ihre Freundin Hortensia besucht, gibt es viel zu erzählen und auch zu lachen. Besonders wenn sie sich an ihre Jahre in der DDR erinnern. © Yadiris Garcia

Von Yadiris Garcia

Kommen Sie herein. Ich spreche Deutsch. – Mit weißer Kreide stehen diese beiden Sätze auf dem braunen Holz der vielfach geflickten Tür. Wer anklopft, hört aufgeregtes Hundegebell, und schon strecken sich ihm feuchte Hundeschnauzen entgegen.

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Ich klopfe nicht an, sondern fasse durch den Türspalt nach der eisernen Kette und taste nach dem Schloss. Wenn Teresa da ist, ist es nur eingehakt. Die Hunde sind harmlos. Irgendwelche armen Tiere, die Teresa aufgelesen hat oder die ihr zugelaufen sind. Wie auch die Katze, die gerade Junge geworfen hat. Oder die Nichte, die aus der Trostlosigkeit ihres Elternhauses auf dem Land geflüchtet ist, um sich in Santiago de Cuba eine Arbeit zu suchen. Oder Valeria, die es bei ihrem Mann nicht mehr ausgehalten hat. Selbst ihrem Ex-Mann, der sie doch mit den Zwillingen hat sitzen lassen, hat Teresa das Tor geöffnet, als er krank und schwach Einlass begehrte. Jetzt liegt er in einem Bretterverschlag neben der Küche und lässt sich pflegen.

Teresa hat einfach ein gutes Herz. Sie besitzt wenig, fast nichts, aber doch genug, um es mit anderen zu teilen. Wenn Besucher kommen, werden die Portionen eben noch ein wenig kleiner. Satt wird ohnehin keiner. Dabei ist Teresa eine erstklassige Köchin. Das beweist sie, wenn tatsächlich mal ein Tourist anklopft, staunend und kopfschüttelnd ihr Reich besichtigt und dann auf den Gedanken kommt, ein Zehn- oder gar Zwanzig-Peso-Schein könnte ein wenig helfen. Natürlich keiner, auf dem Maximo Gomez hinter seiner Nickelbrille skeptisch nach links ins Leere starrt und Kalaschnikows in den Himmel gereckt werden; auch keiner, auf dem Camilo Cienfuegos fröhlich unter seinem breitkrempigen Hut grinst und ein Arbeiter eine Bananenstaude schleppt. Nein, Scheine mit dem Zauberwort „pesos convertibles“, mit denen man in „La Bombonera“ einkaufen kann oder im „XXL“. Scheine, die einem halben oder gar ganzen Monatseinkommen einer Verkäuferin entsprechen.

Verblichene Erinnerung: Teresa mit einem Foto aus ihrer Zeit in der DDR.
Verblichene Erinnerung: Teresa mit einem Foto aus ihrer Zeit in der DDR. © Yadiris Garcia

Dann heißt es hoch die Tassen. Auf dem Markt wird eingekauft, was die Bauern im Angebot haben, Rum wird herbeigeschafft. Und Teresa läuft an ihren beiden Kochplatten zur Hochform auf, und die Zwillinge maulen mal nicht über das Essen.

Teresa besitzt einen jener Innenstadtpaläste, die für das koloniale Santiago de Cuba typisch sind, und die von ihren Besitzern meist zu Pensionen umgewandelt wurden. Ein oder zwei vermietete Zimmer reichen aus, das eigene Überleben und das des Gebäudes zu sichern. Auch Teresa träumt von dieser Option, aber ihr Haus hat einen entscheidenden Nachteil. Der besteht nicht darin, dass es an einer viel befahrenen Kreuzung steht, sondern dass es nach einem Hurrikan kein Dach und auch keinen Dachstuhl mehr hat. Seitdem lebt Teresa tagsüber, wenn es nicht gerade regnet oder die Sonne zu sehr brennt, in einem großen mit bunten Kacheln bedeckten Hof, auf dem Kakteen sprießen, sie Kürbisse zieht, die Wäsche auf der Leine trocknet und ein paar frühere Dachbalken jetzt eine Sitzbank bilden. Nachts zieht sie sich in den hinteren Teil des Hauses zurück, den eine Betondecke schützt. Anfangs standen in dem riesigen Raum zwei Klappliegen und ein eisernes Bettgestell. Inzwischen hat sich Teresa eine richtige Wohnung gebastelt, mit mehreren Schlaf-, Kinder-, Wohn- und Arbeitszimmern – ganz nach aktueller Nachfrage. Eigentlich sind es Abteile, denn die Zwischenwände bestehen aus Sperrholz, Planen oder einfach aufgehängten Tüchern. Abgesehen von der Küche, die sich an der dunkelsten Stelle der fensterlosen Behausung befindet, und der an das Becken und den Abfluss gebundenen Toilette, kann jederzeit umgebaut werden.

Freunde mit geschickten Händen

Verglichen mit der ersten Zeit nach dem Hurrikan hat sich Teresa verbessert. Inzwischen besitzt sie sogar ein Holzbett mit Verzierungen, das sie der Tochter überlassen hat. Der Sohn schläft nebenan auf einer alten Matratze und sie hat das Bettgestell mit mehreren Lagen Pappe gepolstert. Seit Kurzem funktioniert der alte Röhrenfernseher wieder, und auch der Ventilator dreht sich, wenn auch ohne Schutzgehäuse. Die meisten Freunde, die Teresa besuchen, haben geschickte Hände, können den defekten Schaukelstuhl leimen, die Elektroleitung reparieren oder die Toilette abdichten. Irgendetwas ist immer zu tun. Geradezu fürstlich hat sich die Nichte in ihrem Verschlag eingerichtet. Das Bett hat eine richtige Matratze. Es gibt einen kleinen Schminktisch mit einem großen, nur an einer Ecke gebrochenen Spiegel. Sogar einen Flachbildfernseher.

Teresas größter Stolz ist das Vertiko mit gläsernem Aufsatz, das die Grenze zwischen dem dachlosen Saal und dem Sperrholzplattenreich bildet. Darin bewahrt sie ihre Schätze auf: ein paar angeschlagene Kristallgläser, Rahmen mit Farbaufnahmen von den Kindern, ein kleines Fotoalbum. Sie blättert gern darin, besonders wenn Fremde fragen, warum neben dem Schrank eine große Landkarte von Thüringen an der Wand hängt. Dann nuschelt Teresa etwas und beim zweiten oder dritten Mal ahnt der Gast, auch weil Teresa auf einen roten Punkt auf der Karte zeigt, dass sie Niederschmalkalden sagt.

In die DDR delegieren lassen

Als Teresa noch jung war, genauer gesagt 20 Jahre alt, hat sie sich in die DDR delegieren lassen. Nach Niederschmalkalden, wo sie vom befreundeten Brudervolk zur Textilfacharbeiterin ausgebildet wurde. Vier Jahre lang lernte sie im VEB Westthüringer Kammgarnspinnereien Mühlhausen, Werk Niederschmalkalden, Ringspinnerei, Fächerei, Färberei und deutsche Tugenden kennen. Begeisterte sie anfangs ihre Kollegen mit kubanischer Fröhlichkeit und ihrem Temperament. so schafften es die Genossen innerhalb von vier Jahren, „aus einem leichtfertigen, oberflächlichen Mädchen“, wie Werkleiter Böttger im Oktober 1986 zufrieden in seiner Abschlussbeurteilung formuliert, „eine korrekte, verantwortungsbewusste Person (zu formen), die die Fähigkeit besitzt, eine leitende Funktion auszuüben“. Interessant ist, dass der Werkleiter Teresas Freundin Hortensia diese Führungsqualitäten nicht in deren Beurteilung schreibt, obwohl er dieser bescheinigt, keine Anpassungsschwierigkeiten gehabt zu haben, aufgeschlossen und freundlich zu sein, die Norm stabil mit 120 Prozent erfüllt zu haben. Hortensia ist sogar Trägerin der „Silbernen Spindel“ und „Aktivist der sozialistischen Arbeit“.

In Santiago de Cuba wedelt eben diese Hortensia Jahrzehnte später plötzlich mit einer vergilbten Urkunde und liest auf Deutsch: „Arbeite mit, plane mit, regiere mit – für Wachstum, Wohlstand, Stabilität.“ Die beiden Endfünfzigerinnen brechen in ein ansteckendes Lachen aus und klatschen sich vor Begeisterung auf die nackten Schenkel: 117 Prozent Planerfüllung, 26 freiwillige Überstunden, 40 Mark gespendet. Das war die DDR.

Ein kleiner Traum ist geplatzt

Teresa hat später versucht, herauszufinden, was aus ihren einstigen deutschen Kollegen und insbesondere aus dem Friseursalon geworden ist, in dem sie nebenbei gearbeitet hat. Auch weil das Gerücht umging, den DDR-Vertragsarbeitern würden noch Zahlungen zustehen. Das hatten Mosambikaner in Umlauf gebracht. Aber auf der Lohnabrechnung, auch diese hat Teresa als Erinnerung an aufregende Jahre aufbewahrt, steht eindeutig: „Laut Abkommen mit der Republik Kuba vom 3. Mai 1978 besteht kein Anspruch auf Alters- und Invalidenrenten der Sozialversicherung der DDR.“ Eine E-Mail aus Niederschmalkalden bestätigt das. Auch andere Kubaner hatten angefragt. Teresa war richtig sauer, als ihr diese Botschaft überbracht wurde. Ein kleiner Traum war geplatzt.

Vor ein paar Jahren hat die kubanische Regierung Teresa ein Tauschgeschäft angeboten. Wenn sie ihr Haus abgebe, erhalte sie dafür zwei Drei-Raum-Wohnungen in einem Neubau. Teresa hat abgelehnt, dann doch überlegt, lange geschwankt und ist schließlich bei ihrem Nein geblieben. Vielleicht, meint sie, finde sich ja doch ein reicher Sponsor und dann wird das Haus saniert und in ein Paladar – eines der privaten familienbetriebenen Restaurants – verwandelt, wo sie die Gäste bekocht und von der Deutschen Demokratischen Republik schwärmt.

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