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Die Dimension der Diebestouren ist immens

Der Kriminalchef der Bundespolizei Mitteldeutschland Markus Pfau über die Ermittlungen gegen georgische Banden und vietnamesische Hehler.

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© Foto: Ronald Bonß

Herr Pfau, worum genau ging es bei diesem Großeinsatz?

Die Bundespolizei ermittelt in diesem Verfahren seit Dezember 2017 gegen georgische Diebesbanden und vietnamesische Hehler, die zusammen ihr Diebesgut vornehmlich nach Tschechien bringen und es von dort dann gemeinsam vertreiben.

Was war ihre erste Spur?

Die Ermittlungen gingen aus von einer Reihe von Diebstählen auf Dresdner Bahnhöfen. Dort wurden aus Drogeriemärkten hochwertige Kosmetik-Artikel oder Babynahrung, vor allem Aptamil-Milchpulver gestohlen.

Und wie kamen Sie darauf, dass es sich nicht um Einzeltäter handelt?

Durch jahrelange verdeckte Ermittlungen. Wir fanden heraus, dass die georgischen Diebesbanden in ganz Mitteldeutschland zu dritt oder zu viert unterwegs waren und dann von morgens bis abends in Drogeriemärkten quasi im Takt Diebstähle begangen haben. Und abends wurde das Diebesgut dann an die vietnamesischen Hehler übergeben, die es dann weiter verkauft haben.

Trifft dieses Schema auch bei den jetzt festgenommenen Tatverdächtigen aus Pirna zu?

Ja. In diesem Fall haben wir das Verfahren jetzt in die offene Phase überführt, wie wir das nennen. Das heißt, wir haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft sechs Objekte in Pirna und Umgebung durchsucht. Dabei haben wir die hauptbeschuldigte Hehlerin in Untersuchungshaft genommen.

Was hat sie bei der Verdächtigen so sicher gemacht?

Sie war uns bereits am Wochenende bei einer Kontrolle auf der A 17 in Richtung Tschechien aufgefallen – ihr Auto war voll gepackt mit hochwertigen Kosmetika und Kindernahrung. Und das nicht in kleiner Menge, sondern wir reden da von Hunderten von Packungen. Das hat unseren Tatverdacht noch einmal belegt, den wir da schon hatten. Zudem haben wir zwei georgische Diebe vorläufig festgenommen. Wir gehen davon aus, dass auch sie in Untersuchungshaft kommen werden.

Warum lohnen sich diese Diebstähle?

Die Margen, die sich beim Verkauf in ausländischen Märkten ergeben, sind recht hoch. Je hochwertiger der Artikel desto höher ist der Ertrag der Diebe beim Weiterverkauf. Für Aptamil kann man in China bis zu 100 Euro pro Packung erzielen. 

Bei den früheren Verfahren sind Sie auf etwa 57 in die Taten verwickelte Fahrzeuge gestoßen. Wenn man das hochrechnet, kommt man auf eine Tätergruppe von weit über 100 Personen. Sie haben 15 festgenommen.

Wir sind schon länger dran und widmen uns dieser Problematik seit 2016. Zwei große Verfahren wegen bandenmäßig organisiertem Diebstahl haben wir bereits geführt. Wenn wir jetzt alle drei Verfahren zusammennehmen, dann konnten wir bereits 30 georgische Diebe festnehmen, größtenteils auch in Untersuchungshaft bringen. Davon sind einige bereits zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Ist das ausreichend angesichts dieser hohen Täterzahl?

Wir stellen natürlich fest, dass die Dimension immens ist. Und wir merken auch, dass gerade die Diebes-Strukturen sehr schnell wieder nachwachsen. Oftmals reisen die georgischen Täter unter Inanspruchnahme ihrer Visafreiheit, die sie ja seit Frühjahr 2017 haben, scheinbar aus touristischen Gründen nach Deutschland ein. Doch der touristische Aufenthalt ist dann meist sehr kurz, viele fahren sofort nach Dresden, wo dann in der Erstaufnahme-Einrichtung ein Asylantrag gestellt wird.

Sind das ernsthafte Asylersuchen?

Nein. Die Zeit bis zur Entscheidung über den Antrag wird dann genutzt, um solche Diebestouren zu begehen. 30 Täter haben wir festgenommen, aber wie gesagt, da wachsen immer wieder welche nach. Und es geht nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung. Wir hoffen, dass unser Vorgehen jetzt zumindest für einige Monate hier in dieser Region einen gewissen Abschreckungseffekt haben wird.

Wenn die Polizei so viel unternimmt, aber am Ende doch immer nur begrenzte Erfolge hat, frustriert Sie das?

Wenn man sieht, was wir bei den ersten beiden Verfahren erreicht haben, da sind schon einige Haftstrafen dabei gewesen, aber eben auch einige zur Bewährung ausgesetzt. Aber gemessen an den Taten, die wir nachweisen konnten, und auch an dem Einzelschicksal der Personen, war das nicht unangemessen. Da habe ich keinen Grund, frustriert zu sein.

Was ärgert Sie dann?

Bedrückender ist die Dimension des Phänomens, die wir gerade im mitteldeutschen Raum feststellen. Da müssen wir dranbleiben und versuchen, Nadelstiche in diese Szene hineinzusetzen, die auch wehtun. So wie jetzt in Pirna.

Sie haben als Polizist vermutlich eine sehr hohe Dunkelziffer an Taten zu ertragen, bei denen Sie nichts ausrichten können?

Ja, die Dunkelziffer ist immens. Das hat auch damit zu tun, dass viele Drogerie- und Supermärkte die Diebstähle gar nicht sofort anzeigen. Sondern die Verluste werden erst bei einer Inventur festgestellt. Die Masse dieser Taten kommt deshalb gar nicht zur Anzeige und ist damit dieser oder jener Gruppierung nur schwer oder gar nicht zuzuordnen. So ist das Ganze noch schwieriger nachweisbar. Und das wissen auch diese Täter.

Gibt es Schätzungen, wie groß die wirtschaftlichen Schäden ausfallen?

Das lässt sich aus dem Stegreif nicht seriös beantworten. Aber sie können sich die Dimension vielleicht vorstellen: Bei einer Tätergruppe in zweistelliger Zahl und Diebstählen den ganzen Tag über bei Drogeriemärkten in ganz Mitteldeutschland – da ist der Schaden schon sehr, sehr hoch. Um die 700 Euro kann eine kleine Teilgruppe pro Tag mit dem Verkauf des Diebesguts erzielen.

Hätten Sie gern mehr Ermittlungsbeamte, um diese Diebe und ihre Taten aufzuspüren?

Ja, natürlich. Mehr Personal hilft immer. Und bessere Technik hilft auch immer. Aber ich kann nicht sagen, dass wir da als Bundespolizei schlecht aufgestellt wären. Aber es ist auch nur eins von vielen Phänomenen, denen wir uns als Bundespolizei widmen müssen. Es würde schon sehr helfen, wenn alle Sicherheitsbehörden da ihre Kräfte noch besser bündeln würden.

Interview: Tobias Wolf