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Die Kletterwand im Plauenschen Grund

Die 45 Höhenmeter zur Begerburg sind nur mit Sicherung zu bewältigen. © Annett Heyse

Thomas Löwinger hat vier neue Steige angelegt. Doch der bekannteste Weg ist vorerst gesperrt – aus einem Grund.

Die zwei Kletterer arbeiten sich Meter für Meter eine Spalte hinauf. Der Vordermann greift nach oben und setzt den Fuß auf den nächsten Absatz, als es plötzlich bröckelt. Er kann noch einen Warnruf ausstoßen, als auch schon einige Steinchen herabfallen. Die Frau unter ihm zieht den Kopf ein und drückt sich an die Felswand. Thomas Löwinger schaut kurz hinüber, ob alles in Ordnung ist. Keiner hat etwas abbekommen, ohnehin ist der Bereich unterhalb der Kletterer abgesperrt. „Das ist eben keine Kletterhalle, sondern die Natur“, sagt er. Eben deshalb wird hier nur noch nach Einweisung und mit Helm geklettert.

Hier – das ist eine 45 Meter hohe Wand unterhalb der Begerburg im Plauenschen Grund. Dort, wo die Autobahnbrücke das Tal quert, hat Löwinger mit Unterstützung von Freunden, Mitarbeitern und Familie ein Klettercamp eingerichtet. Aktuell gibt es fünf nutzbare Klettersteige. Die Routen sind mit Stahlseilen gesichert, sodass jeder halbwegs sportlich Versierte den Aufstieg bewältigen kann. Benötigt werden dazu lediglich ein Klettergurt und ein sogenanntes Y-Klettersteigset. Dieses besteht aus zwei Karabinern, die an den zwei oberen Seilenden befestigt sind. Die Seile vereinigen sich nach nur einem Meter in der Mitte, das untere Ende wird in den Klettergurt eingehangen – fertig ist y-förmige Sicherung. Die Karabiner werden beim Aufstieg einfach ins Stahlseil eingeklinkt und mitgeführt. An den Stellen, wo das Stahlseil in der Wand verankert ist, müssen sie dann lediglich umgehängt werden. Ein Abstieg ist nicht vorgesehen, ausgestiegen wird an der oberen Felskante. Von dort kann man entweder den Wanderweg ab der Begerburg oder die Serpentinenstraße zurück ins Tal nehmen. „Klettersteig gehen, ist ein Zwischending von Bergsteigen und Wandern“, sagt Löwinger.

Der heute 64-Jährige stammt aus der Sportkletterszene. Schon sein Großvater Willy Löwinger war Bergsteiger, gründete 1918 die Touristenvereinigung TV Erreicht 18. Den Verein gibt es immer noch. Thomas Löwinger trat in die Fußstapfen von Großvater und Vater. Zu DDR-Zeiten leitete der Dresdner die Nationalmannschaft im Sportklettern. Zum Training fuhren die Männer auch in den Plauenschen Grund und übten an den Wänden unterhalb der Begerburg. „Sogar internationale Schnellkletterwettkämpfe fanden hier statt“, berichtet Löwinger.


Thomas Löwinger gehört das Klettergelände unterhalb der Begerburg im Plauenschen Grund. Der heute 64-Jährige leitete einst die Nationalmannschaft im Sportklettern. Die Idee für Klettersteige im Plauenschen Grund brachte er aus den Alpen mit. © Annett Heyse

Die Idee, an der Wand einen Klettersteig einzurichten, kam ihm Anfang der 2000er-Jahren. Damals war er mit seinem Vater in den Alpen unterwegs. Der ältere Löwinger, zu dem Zeitpunkt Mitte 80, schlug vor, einen der vielen in den Wanderkarten als Klettersteig ausgewiesenen Wege zu benutzten. Die Löwingers staunten dabei nicht schlecht. „Die waren so beliebt, dass man manchmal anstehen musste. Auf den schwersten Routen waren übrigens die meisten Bergwanderer unterwegs.“ 2004 fassten die beiden Männer den Entschluss, einen solchen Klettersteig unterhalb der Begerburg einzurichten. Thomas Löwinger kennt den Besitzer der Burg gut und konnte Ende 2004 die Sachsenstiege eröffnen. „Das war damals der schwierigste Klettersteig Deutschlands“, erzählt er stolz.

Die Sachsenstiege war jahrelang frei zugänglich und zog auch Laien an. Löwinger legte eine weitere Route an, baute aus und lockte die Sportler in den Plauenschen Grund – zum Beispiel findet seit 2004 jedes Jahr das Adventsklettern statt. Zudem legte er an den Wänden Kletterrouten an, gesichert lediglich mit Stahlringen und nur mit eigener Ausrüstung besteigbar. Doch das unkontrollierte Angebot zog nicht nur Naturfreunde an. Das Gelände verwilderte teilweise, Müll sammelte sich an. Thomas Löwinger, der als Unternehmer den Alpin- und Umweltservice führt, sah sein Projekt gefährdet. Vor eineinhalb Jahren kaufte er dem Begerburg-Besitzer das Land unterhalb der Felswände ab.

Seitdem hat er das Kletterareal völlig neu gestaltet. Er zog aus Sicherheitsgründen einen Zaun um das Gelände, Zutritt ist nun nur noch in Absprache mit ihm möglich. Dafür gibt es vier neue Klettersteige – insgesamt sind es fünf – , während die Sachsenstiege vorerst gesperrt ist. „Sie muss saniert werden“, sagt Löwinger. Zudem beräumte und befestigte er das Gelände, stellte er Buden und Sitzecken auf, legte die Wege neu an. Viel Arbeit und Geld ist in den vergangenen Monaten in die Anlage geflossen.

Der Plan ist nun, die Klettersteige der Kategorie A bis F, also leicht bis schwer, zu mehreren Veranstaltungen im Jahr zu öffnen. Gegen Gebühr kann dann geklettert werden. Auch möglich ist es, dort Vereins- und Firmenveranstaltungen durchzuführen. Eine Homepage mit allen Informationen dazu und Kontaktdaten ist im Aufbau. Eines stimmt den Klettersteig-Chef optimistisch: Zum diesjährigen Adventsklettern waren mit mehr als 100 Nutzern doppelt so viele Kletterer wie sonst an dem Termin unterwegs. Von den meisten habe es Lob gegeben. Löwinger: „Einig waren sich alle, dass das Niveau gestiegen ist.“

Kontakt zu Thomas Löwinger